Bisherige Orbitzyklen

2010/11: Anders sein

Der Filmclub Orbit der PHBern lädt ein zu einer "Lehre zur Differenz", zu einer bewegenden Reihe von Filmen, die den Themen der Behinderung und der Anormalität in je ihrer eigenen Sichtweise nachgehen. In Spielfilmen wie City Lights (Charles Chaplin, USA, 1931), Elling (Peter Naess, N, 2001), Elephant Man (David Lynch, USA, 1980), My left Foot (Jim Sheridan, Irland, 1989) und Ben X (Nic Balthazar, BE/NL, 2007) sowie Dokumentarfilmen wie Outside in (Stephen Dwoskin, GB/USA, 1981), Le Pays des sourds (Nicolas Philibert, F, 1992), El Rey de San Gregorio (Alfonso Gazitua Gaete, Chile, 2006) wird "Anders sein" auf der Leinwand zwar in vielfältigster Form aber immer aus einer höchst menschlichen Perspektive heraus portraitiert.

Ben X

BE/NL 2007, D/Flämisch, Untertitel D, 89 Minuten, DVD
Regie, Drehbuch: Nic Balthazar; Produktion: Peter Bouckaert, Erwin Provost; Kamera: Lou Berghmans; Musik: Praga Khan; Besetzung: Greg Timmermans, Marijke Pinoy, Pol Goossen, Laura Verlinden u.a.m.

Ben ist anders, er lebt in seiner eigenen Welt, in der er in seinem liebsten Onlinespiel "Archlord" Heldentaten besteht und für die Widrigkeiten des wahren Lebens trainiert. Mit seiner Internetgefährtin Scarlite meistert er alle Herausforderungen und Gefahren, die ihn in der realen Welt überfordern. Der harte Alltag in der Schule ist für den verschlossenen Aussenseiter eine Qual. Er wird gemobbt und tyrannisiert und weiss sich nicht anders zu helfen als mit einem "Game over" – da tritt das Mädchen aus dem Onlinespiel in sein reales Leben.

 

City Lights

Charlie Chaplin mit Blume im Mund

USA 1931, E, Untertitel D, 82 Minuten, DVD, SW
Regie, Drehbuch, Produktion: Charles Chaplin; Kamera: Roland Thoteroh, Gordon Pollock; Musik: Charles Chaplin, José Padilla; Besetzung: Charles Chaplin, Virginia Cherril, Florence Lee, Harry Myers u.a.m.

Eine Stummfilmfigur in Zeiten des aufkommenden Tonfilms als zentrale Figur in "A Comedy Romance in Pantomime", aber auch eine unaufdringliche Anklage gegen die soziale Diskrepanz und Deklassierung der damaligen Zeit, bezogen auf die immer kälter werdende Großstadt, deren Lichter nicht wärmen.

Die Geschichte eines kleinen Tramps und seiner Liebe zu einem blinden Blumenmädchen. Er gaukelt ihr Wohlstand vor und läßt sich auf die aberwitzigsten Abenteuer ein, um ihr die nötige Operation zu finanzieren. Wenn sich dann die beiden gegenüberstehen, sie ihn erkennt, als sie seine Hand berührt, er ihr nur lächelnd in die Augen schaut, und sie auf seine Frage antwortet: "Ja, jetzt kann ich sehen." – dann, ja dann, wird die ganze Tragik, die ganze Liebe, die ganze Solidarität zwischen zwei Menschen derart massiv, dass Tränen kaum ausbleiben können.

 

Le pays des sourds

Ein Kind hält sich die Ohren zu

F 1992, F, Untertitel F, 99 Minuten, DVD
Regie: Nicolas Philibert; Produktion: les films d’içi; Kamera: F. Labourasse; Ton: H. Maikoff, J. Cloquet; Schnitt: G. Lecorne; Mitwirkende: Gehörlose Mitmenschen

Nicolas Philiberts aussergewöhnlicher Dokumentarfilm führt uns in eine Schule, in der eine Gruppe Jugendlicher lernt, Laute, Worte und sogar Musik zu artikulieren. Der Film erzählt in einer völlig neu überdachten filmischen Grammatik – denn für alle Worte müssen Bilder und Gesten gefunden werden – die Lebensgeschichten von Jugendlichen, die von Geburt an ganz oder beinahe gehörlos sind.

Eindringlicher als alles Wissenswerte prägen sich aber die Eleganz und die Anmut ihrer Gesten und Bewegungen ein, die Virtuosität und mimische Vielfalt, mit der sie jedes Wort blitzschnell in szenische Bilder transponieren und ihren Körper mit einer Grazie als Ausdrucksorgan beherrschen, die jedem Pantomimen zur Ehre gereichen würde.

 

The Elephant Man

Zwei Männer, bei einem ist das Gesicht von einem Sack verdeckt

GB, USA 1980, E, Untertitel D, 123 Minuten, DVD, SW
Regie: David Lynch; Drehbuch: C. De Vore, E. Bergren; Produktion: S. Cornfeld, J. Sanger, M. Brooks; Kamera: F. Francis; Schnitt: A.V. Coates; Musik: J. Morris; Besetzung: Anthony Hopkins, John Hurt, Anne Bancroft, John Gielgud, Wendy Hiller u.a.m.

Durch eine schreckliche Krankheit ist das Gesicht von John Merrick völlig entstellt. Im viktorianischen England des 19. Jahrhunderts wird er als Attraktion auf den Jahrmärkten herumgereicht. Überall wo er auftaucht, johlen die Massen. Nur der Arzt Dr. Frederick Treves leidet mit dem Kranken. Er setzt alles daran, Merrick ein normales Leben zu ermöglichen … David Lynch öffnet in dunklen Schwarzweissbildern den Blick für das Leid und die Sehnsucht nach einem humanen Leben aus den Augen eines Ausgestossenen.

Die emotionale Geschichte ergänzt der junge Lynch, der mit diesem Film auch die Kunst in das Mainstreamkino einbringen wollte, mit symbolisch verdichteten Sequenzen, in denen er Geburt, Leid und Tod thematisiert. Mit Industrie- und Gaslampengeräuschen schafft Lynch eine besondere Atmosphäre, welche dem Film eine zusätzliche, tranceartige Dimension verleiht.

 

Elling

NOR 2001, No, Untertitel D, 85 Min., DVD
Regie: Petter Næss; Drehbuch: A. Hellstenius, L. Stuckey; Buch: Ingvar Ambjørnsen; Produktion: D. Alveberg, I. Køhn; Kamera: S. Krøvel; Musik: L. Lillo-Stenberg; Besetzung: Per Christian Ellefsen, Sven Nordin, Marit P. Jacobsen, J. Langhelle u.a.m.

Nach dem Tod seiner Mutter und einem zweijährigen Psychatrieaufenthalt, muss sich das über 40-jährige Muttersöhnchen Elling in die Gesellschaft eingliedern. Mit der Unterstützung eines Sozialarbeiters beziehen er und sein Klinikgefährte Kjell eine gemeinsame WG in Oslo.

Die Aussenwelt und der Alltag stellen für sie immer wieder neue Herausforderungen dar. Wenn Elling seine vier Wände verlässt, sind Angst und Schwindelgefühl seine ständigen Begleiter. Sein etwa gleichaltriger Freund schwärmt ständig von Essen und Frauen. Bei letzteren hatte er jedoch nie Erfolg, da er bei jedem Kontakt verstummt. In dieser feinsinnigen Komödie können die beiden seelisch Erkrankten sich trotz ihrer Neurosen gegenseitig unterstützen und schaffen es, ein glückliches Leben zu führen.

 

El Rey de San Gregorio

Eine Frau und ein Mann schauen zuversichtlich in die gleiche Richtung

CHL 2005, Esp, Untertitel D, 85 Min., DVD
Regie: Alfonso Gazitúa Gaete; Drehbuch: A. G. Gaete, C. Morales; Produktion: C. Nelson, C. Olguín; Schnitt: S. Salfate; Musik: Edgardo Canton; Besetzung: Pedro Vargas, María José Pargas, Gloria Münchmeyer, Giselle Demelchiore u.a.m.

Pedro Vargas ist ein kleinwüchsiger und buckliger Mann, der in seinem Stadtviertel San Gregorio "der König" genannt wird. Er ist leicht körperlich und geistig behindert und geniesst es den Tag mit anderen Menschen seiner Behindertengruppe zu verbringen. Seine Hoffnung ist die Erfüllung seiner Liebe und ein gemeinsames Leben mit Cati, die er "seine Prinzessin" nennt. Diese Liebe wird zum Kraftakt, denn beide Vormünder – Pedros Mutter und Catis Schwester – versuchen deren starke Beziehung zu unterbinden.

Diese biografische Geschichte zeigt witzige, romantische, ernste und traurige Ausschnitte aus dem Leben behinderter Menschen, die sich in vielen Dingen offensichtlich "normal" verhalten, so auch in ihrem sexuellen Erwachen und den intensiven Gefühlen. Auffallend schön ist die Nähe zum Menschen: eine scheinbar einfache Geschichte, mit viel Leichtigkeit und Mitgefühl in diesem Film festgehalten.

 

Outside in

Ein Mann auf Krücken mit Mikrofon in der Hand, eine Frau daneben

GB 1981, E, Untertitel D, 100 Min., DVD
Regie, Drehbuch, Kamera: Stephen Dwoskin; Produktion: Stephen Dwoskin, ZDF; Musik: Ben Mason; Besetzung: Claudia Boulton, Jaroslav Bradac, Olimpia Carlisi, Kathie Conn, Beatrice Cordua, Suzan Crowley

Steve findet sich wieder in fremdartigen Situationen mit bizarren Personen. Komische Szenen folgen auf Abenteuer mit Frauen und mit zwei Betrunkenen, die sich in den Kopf gesetzt haben, Steve müsse geholfen werden. Outside in ist ein experimenteller Film über das Behindertsein, so provokativ und burlesk, wie sich nur ein Behinderter selbst als behinderter Mensch in Szene setzen kann.

Dwoskin erkundet durch die Kamera voyeuristische Perspektiven zum Andersartigen und stellt sich diesen in seinen subjektiven Selbstporträts.

 

My left Foot

Ein gemaltes Bild eines Fusses, der eine Blume zwischen den Zehen hält

IRL/GB 1989, E, Untertitel D, 99 Min., DVD
Regie: Jim Sheridan; Drehbuch: S. Connaughton, J. Sheridan; Buch: Christy Brown; Produktion: Paul Helle; Kamera: J. Conroy; Schnitt: J.P. Duffner; Musik: Elmer Bernstein; Besetzung: Daniel Day-Lewis, Brenda Fricker, Alison Whelan u.a.m.

Christy Browns Schicksal scheint vorbestimmt, als er mit vier Jahren an Kinderlähmung erkrankt. Lediglich seinen linken Fuss kann er noch bewegen. Mit der Unterstützung seiner Mutter entwickelt er die Fähigkeit zu schreiben und zu malen. Ein gefühlvolles, aber nicht sentimentales Porträt eines dennoch streitsüchtigen und oft unwirschen "Wunderkinds" im Irland der 30er-Jahre.

 

 

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