Forum Lehrerinnen- und Lehrerbildung

Die Vereinheitlichung der  Zugänge zu den Pädagogischen Hochschulen
als oberstes Ziel

Bereits zum 17. Mal, aber erstmals im Tagungszentrum Schloss Au, fand am 8. Mai 2012 das Forum Lehrerinnen- und Lehrerbildung statt. Der diesjährige Anlass stand ganz im Zeichen der Zugänge zu den Pädagogischen Hochschulen. Diese sind in der Schweiz sehr unterschiedlich geregelt. Ins Zentrum der Veranstaltung rückte deshalb die Frage, wie die Aufnahmekriterien und -verfahren vereinheitlicht werden können.

 

Das in die Tagung einführende Referat von Hans-Rudolf Schärer, Rektor der PHZ Luzern, machte die Uneinheitlichkeit der Zugänge zu den Schweizer PH bereits sehr deutlich. Insbesondere bei den Zugängen für Personen ohne gymnasiale Matur in die Regelstudiengänge Kindergarten/Unterstufe, Primarstufe und Sekundarstufe I und für Quereinsteigende in verkürzte Studiengänge habe sich eine Reihe von unterschiedlichen Verfahren ausgebildet, betonte Schärer in seiner Ist-Analyse. Gegenwärtig seien verschiedene Entwicklungen im Gang, um dieser Uneinheitlichkeit entgegen zu wirken. Beispielsweise wurde das Thema  «Zugänge zu den PH» in die Strategie 2012 bis 2016 der COHEP aufgenommen und im Herbst lancierte die COHEP das Pilotprojekt «Koordinierte Zulassungsprüfung an die Pädagogischen Hochschulen». Zu bedenken sei, dass das eidgenössische Hochschulförderungs- und -koordinationsgesetz (HFKG) vorsehe, Absolventinnen und Absolventen mit einer Berufsmaturität unter bestimmten Voraussetzungen den Zugang zu Pädagogischen Hochschulen zu ermöglichen. 

 

Abschliessend wies Hans-Rudolf Schärer auf insgesamt zehn Nachteile und Risiken hin, die die Uneinheitlichkeit mit sich bringe. So führten unterschiedliche Zulassungsbedingungen zu einer Deprofessionalisierung und die theoretisch-wissenschaftliche Ausbildung werde entwertet: «In einer Zeit, in der das theoretische Wissen eine wichtige Bedeutung hat, ist eine solche Entwicklung nicht wünschenswert.» Auch könne die Versuchung der einzelnen Hochschulen, das Niveau bei den Zulassungsbedingungen zu senken, zu einer unfruchtbaren Konkurrenz verkommen. Und nicht zuletzt sei die Situation auch für die Studierenden aufgrund der Chancenungleichheit und der eingeschränkten Mobilität unbefriedigend.

 

Verfahren in den USA und Asien
Hans-Jürg Keller, Prorektor Ausbildung an der PH Zürich, liess seinen Blick anschliessend in andere Länder schweifen und beschrieb in seinem Beitrag die Zulassungsbedingungen in den USA und in Asien. Die Steuerung der Zulassung erfolgt dort durch den Staat, die Hochschule oder durch die abnehmenden Schuldistrikte. Dabei werden alle zugelassen, die bestimmte Kriterien erfüllen – beispielsweise erwartete Kompetenzen oder gute Schulleistungen. Je nach Land existiere eine Bandbreite von Zugängen, die von prüfungsfreien Zulassungen bei Vorliegen eines Maturitätszeugnisses bis hin zu mehrphasigen Zulassungsverfahren mit verschiedenen Elementen reichen.

 

In Boston beispielsweise wird die sehr selektive Zulassung zu einzelnen Studiengängen durch die Schuldistrikte vorgenommen, die auch den Grossteil der Ausbildung verantworten. Voraussetzung für die Aufnahme ist ein Bachelor. Um genügend potenzielle Studierende zu erreichen, werden häufig grosse Werbeaktionen lanciert. Wer die erste Hürde mit Tests und Interviews überwunden hat, kommt in ein Assessment-Programm, das ähnlich abläuft wie an der PH Zürich. Dabei seien die Ansprüche sehr hoch. Hans-Jürg Keller: «Es wurde mir bei meinem letzten Besuch gesagt, dass sie nur die Besten aufnehmen.» Wichtige Kriterien seien beispielsweise Leadership-Qualitäten, Durchhaltevermögen, kritisches Denken und Respekt für Diversität.

 

Andere Verfahren wenden Länder im asiatischen Raum an. In Japan beispielsweise sind sowohl die Selektion für die Zulassung in eine Hochschule wie auch in den Beruf rigoros. Die High-School-Abgängerinnen und -Abgänger stellen sich mehreren Aufnahmeprüfungen für verschiedene Universitäten und schreiben sich dann in der Hochschule mit dem höchsten Rating ein. Wer an einer University of Education studiert, hat nicht unbedingt das Berufsziel Lehrerin oder Lehrer. Schon während des Studiums beginnt jedoch der Rekrutierungsprozess durch die Schulen. «Studierende, die wirklich Lehrperson werden wollen, absolvieren zusätzliche von den Schulen organisierte Praktika und müssen ein hochselektives Auswahlverfahren durchlaufen, um eine Anstellung zu erhalten», erläuterte Keller. Die Anstellungsquote betrage lediglich 25 Prozent.

 

Abschliessend äusserte Hans-Jürg Keller einige Gedanken zu den Zulassungsbedingungen und -verfahren in der Schweiz: Seines Erachtens sollten die Pädagogischen Hochschulen an der gymnasialen Maturität als allgemeinen Hochschulzugang festhalten, so lange die Universitäten dies auch tun. Mit Blick auf die USA fügte er an, dass dort alternative Zulassungswege je nach Programm ein ganz unterschiedliches Prestige haben: «Ähnliches könnte sich für die Schweiz auch ergeben.» Und hinsichtlich Zulassungsverfahren für Studienabbrechende aus anderen Studienrichtungen könnten die in den USA angewandten Kriterien (Bachelor, erfolgreiches Assessment-Center etc.) als Anhaltspunkt dienen. Die Quereinstiegsprogramme sieht Keller als Chance, gute, valide Zulassungsverfahren zu etablieren – die Verfahren könnten dabei mit den Abnehmerschulen gemeinsam durchgeführt werden.

 

Verfahren «validation des acquis»
Im zweiten Teil der Veranstaltung hatten die Teilnehmenden der Pädagogischen Hochschulen die Möglichkeit, sich in Workshops über vier verschiedene Aufnahmeverfahren zu informieren, die in der aktuellen Lehrerinnen- Lehrerbildung teilweise (noch) nicht zur Anwendung kommen, deren Einsatz aber denkbar sein könnte.

 

Das Verfahren «validation des acquis» beispielsweise ermöglicht es, unterschiedliche in einer beruflichen oder ausserberuflichen Tätigkeit erworbene Bildungsleistungen zu erfassen, deren Potenziale zu identifizieren, zu bewerten und als anrechenbare Vorleistungen zu definieren, um einen formalen Abschluss zu erlangen. In der Schweiz wird dieses Verfahren in der beruflichen Grundbildung teilweise bereits angewendet. Zentrales Instrument ist ein je nach Beruf bestehendes Qualifikationsprofil, das die Kompetenzen der jeweiligen Profession festlegt. Das Validierungsverfahren besteht aus fünf Phasen, die von Barbara Petrini vom Eidgenössischen Hochschulinstitut für Berufsbildung (EHB) in ihrem Workshop vorgestellt wurden: In einer ersten Phase wird mit den Kandidierenden geklärt, ob das Validierungsverfahren für sie geeignet ist. In Phase zwei müssen die Kandidierenden bezogen auf das Qualifikationsprofil ihre Kompetenzen in einem Dossiers nachweisen. Anschliessend wird das Dossier in der dritten Phase durch Expertinnen und Experten beurteilt und sie führen ein Gepräch mit den Kandidierenden.. In Phase vier und fünf schliesslich wird über die anrechenbaren Kompetenzen entschieden und bei Erfüllung das Diplom ausgestellt. Fehlende Kompetenzen können in der ergänzenden Bildung vervollständigt werden.

 

In der anschliessenden Diskussion sorgten bei den Workshop-Teilnehmenden insbesondere das Qualifikationsprofil und das Ermitteln der entsprechenden Kompetenzen für Gesprächsstoff. Zwar habe jede Lehrerinnen- und Lehrerbildungsinstitution Standards oder Kompetenzprofile, und wenn man diese vergleiche, seien diese nicht sehr unterschiedlich. Dieser Vergleich müsse allerdings zuerst noch gemacht und ein einheitliches Qualifikationsprofil erstellt werden, bevor dieses Modell angewendet werden könne. Als Stärken des Verfahrens wurden von Barbara Petrini wie auch von den Teilnehmenden insbesondere die Orientierung an Kompetenzen und deren Wertschätzung erkannt.

 

«Blended Assessment»
Einen ganz anderen Ansatz stellte Werner T. Rüegg, Managing Director der Firma apd experts ag, in seinem Workshop vor: Im «Blended Assessment»-Verfahren geht es darum, klassische Face-to-Face-Elemente (z.B. Simulation von Mitarbeitendengesprächen oder Verhandlungsgesprächen) mit Online-Elementen (z.B. Postkorb oder Case Studies) zu kombinieren. In einer ersten Phase werden vom Kandidaten oder der Kandidatin ortsunabhängig Online-Aufgaben bearbeitet und in einer zweiten Phase führen zwei Assessoren vor Ort interaktive  Übungen durch. «Durch die Kombination von Ergebnissen aus dem Online-Teil und solchen aus den inhaltlich darauf aufbauenden Face-to-Face-Gesprächssituationen wird die Business-Realität realistischer abgebildet», erklärte Werner T. Rüegg. Wie das Verfahren in der Lehrerinnen- und Lehrerbildung angewendet werden könnte, zeigte Rüegg am Beispiel der Quereinstiegprogramme der PH Zürich. Nach der Zulassung zum Auswahlverfahren könnte statt einer Selbsteinschätzung der Kandidierenden ein erstes Online-Screening in Form eines kognitiven Leistungstests durchgeführt werden. Und nach einem obligatorischen Unterrichtsbesuch in einer Klasse der Zielstufe, den Interessierte als nächsten Schritt absolvieren müssen, bestünde die Möglichkeit eines weiteren Online-Tests – beispielsweise in Form eines Postkorbs, wo es darum geht, den Umgang mit verschiedenen Inputs aus dem Lehreralltag (von Eltern, Lehrpersonen, Schulleitenden usw.) zu bearbeiten.

 

«Sur Dossier» und «Assessment Center»
Die Workshops «Aufnahme sur dossier» und «Assessment Center» beschäftigten sich mit Verfahren, die in der Lehrinnen- und Lehrerbildung teilweise schon zur Anwendung kommen. Sabine Rimmele vom Institut für Sozialmanagement und Sozialpolitik in Luzern erläuterte den Ansatz «sur dossier» anhand des Fachhochschulstudiums  Soziale Arbeit. Bereits seit zehn Jahren haben Personen ohne die für ein FH-Studium verlangte Vorbildung die Möglichkeit, diese Ausbildung bei erfolgreichem Bestehen des Aufnahmeverfahrens (u.a. Prüfung des Dossiers und der verlangten Kompetenzen) zu absolvieren.

 

Christine Bieri und Patricia Schuler von der PH Zürich schliesslich ermöglichten in ihrem Workshop-Beitrag einen Einblick in die Entwicklungs und Validierung des «Assessment Center». Dieses hat zum Ziel, im Sinne einer Qualitätssicherung beispielsweise in Aufnahmeverfahren für Studierende ohne Maturitätszeugnis die Passung zwischen Fähigkeiten, Interessen und Motiven der Kandidierenden und Anforderungen einer Hochschule zu prüfen. Das «Assessment Center» gibt es an der PH Zürich seit 2005 und hat sich als bewährtes Verfahren etabliert.

 

Drei Thesen zum Abschluss
Für die abschliessende Diskussion stellte Walter Bircher, Rektor der PH Zürich, drei Thesen zu den Zugängen zum Lehrberuf auf: 1. Die Zentralisierung der Aufnahmeverfahren für die Abklärungen von Einzelfällen: Die Aufnahmekriterien und -verfahren sind zu vereinheitlichen und Einzelabklärungen an wenige Stellen, die von der COHEP beauftragt sind, zu delegieren. 2. Vorverschiebung der Eignungsüberprüfung vor den Studienbeginn: Vor Beginn des Studiums soll für Interessierte eine erste effiziente Studien- und Berufseignungsabklärung stattfinden. Sie hat eine Vorselektion zum Ziel. 3. Später Zugang zum Beruf: Für Quereinsteigerinnen und Quereinsteiger sind einheitliche Anforderungen und mit den ordentlichen Ausbildungen vergleichbare Ausbildungen zu definieren.

 

Die Thesen wurden anschliessend im Plenum angeregt diskutiert. Einigkeit herrschte insbesondere darüber, dass eine Harmonisierung und Vereinheitlichung der Zugangsbedingungen zu den Pädagogischen Hochschulen oberstes Ziel sein müsse. Wie diese Harmonisierung erreicht werden kann, darüber waren jedoch nicht alle Anwesenden gleicher Ansicht – der Appell Lösungen zu finden, richtete sich vorranging an die Rektorinnen und Rektoren der einzelnen Pädagogischen Hochschulen.  

 

Abschliessend dankte Bruno Leutwyler von der PHZ Zug allen Verantwortlichen für die Organisation der Tagung, namentlich Walter Bircher von der PH Zürich, Jürg Sonderegger von der PH St. Gallen, Elisabeth Stuck von der PH Bern, sowie Heinz Vettiger von der PH FHNW.

 

Christoph Hotz, Kommunikation PH Zürich

Publiziert am:29.05.2012, Rektorat

Zur Übersicht Aktuell
Stimmungsbild

Aktuell

Ein neues Musikhaus
> Mehr

132 neue Lehrdiplome
> Mehr

Regionalwoche Konolfingen
> Mehr

Kontakt

PHBern

Institut Sekundarstufe I

Muesmattstrasse 29

 CH-3012 Bern

+41 31 309 24 11

info-is1anti spam bot@phbernanti spam bot.ch