"Classes bilingues"

 

"Classes bilingues"

Ein Portraitbild von Jésabel Robin

Als Projektversuch wird im August 2019 erstmals eine Kindergartenklasse in der Stadt Bern zweisprachig in Deutsch und Französisch unterrichtet. Jésabel Robin von der PHBern begleitet den Versuch als wissenschaftliche Mitarbeiterin. Und als engagierte Mutter zweisprachiger Kinder.

Es ist ein Novum für die Stadt Bern:  Eine Kindergartenklasse, die bilingual in Französisch und Deutsch unterrichtet wird. Vorerst noch als Projektversuch, der nach dem ersten Schuljahr stufenweise ausgebaut wird bis mindestens zur sechsten Klasse. Eine abschliessende Beurteilung soll darüber entscheiden, ob und wie das Projekt "Classes biilingues in der Stadt Bern“ weitergeführt wird. Jésabel Robin, Französischdozentin und Forscherin am Institut Vorschulstufe und Primarstufe der PHBern, begleitet den Versuch. Sie ist überzeugt: Zweisprachige Klassen in der Stadt Bern werden sich etablieren. Das Projekt hat Zukunft.

Persönliches Engagement
Jésabel Robin kennt auch die Vergangenheit des Projekts bestens: Sie hat  es  wesentlich geprägt. Zunächst allerdings noch nicht in einer offiziellen Funktion. Am Anfang stand das freiwillige Engagement als Privatperson.

In der Stadt Bern gibt es auf Volkschulstufe neben den deutschsprachigen auch zwei französischsprachige Schulen. Was es nicht gab: Die Möglichkeit, Kinder in beiden Sprachen unterrichten zu lassen. "Eltern zweisprachiger Kinder waren in der Stadt Bern bislang gezwungen zu wählen", erklärt Jésabel Robin. Eine unbefriedigende Situation für die gebürtige Französin und ihren schweizerdeutschen Ehepartner,  die Zweisprachigkeit in ihrem Familienalltag leben. Nach der Geburt der zweiten Tochter begannen sie sich einzusetzen für bilinguale Klassen. Beispiele dafür fanden sich nicht nur im Ausland, sondern sogar im Kanton: In Biel wurde bereits 2010 ein Projekt mit zweisprachigen Klassen gestartet. Warum nicht auch in der Stadt Bern?

Irene Hänsenberger, Schulamtleiterin der Stadt Bern, und Schulinspektor Peter Hänni zeigten sich dem Anliegen der engagierten Eltern gegenüber aufgeschlossen. "Wir waren überrascht, als man uns sagte, dass noch niemand eine entsprechende Anfrage gestellt hatte", erzählt Jésabel Robin. Bald zeichnete sich ab, dass die Türen offen standen für einen Projektversuch "Classes bilingues". Aber auch, dass dieser Zeit brauchen und die Kinder von Jésabel Robin nicht mehr davon profitieren würden. Für die Forscherin und Dozentin an der PHBern ergab sich durch die Entflechtung von den persönlichen Interessen eine neue Option: Ihr wurde vorgeschlagen, am  Projekt nicht mehr als Mutter, sondern als wissenschaftliche Mitarbeiterin mitzuwirken.

Offenheit als Grundprinzip
In dieser Rolle hat Jésabel Robin das Konzept und den Lehrplan für den Pilotversuch erarbeitet. Eine für sie zentrale Grundidee war die Aufweichung von starren Kategorien: "Französischsprachig, deutschsprachig, anderssprachig... doch was ist mit den Kindern, die zweisprachig sind? Sprachliche Identitäten lassen sich nicht in strenge Kategorien zwängen", erklärt sie. In der Stadt Bern stehen die zweisprachigen Klassen deshalb grundsätzlich allen interessierten Familien offen, unabhängig von der Familiensprache oder dem Wohnsitz.

Kombinierter Lehrplan
Bei der Ausarbeitung dagegen des Lehrplans waren zwei Ideen leitend: Französisch und Deutsch sind gleichberechtigt als Erstsprachen zu behandeln, und bestehende Ressourcen sollen sinnvoll genutzt werden. Das Resultat ist eine Kombination aus dem "Lehrplan 21" und dem "Plan d’études romand". Der Unterricht ist aufgeteilt nach Fächern: Deutsch und Mathematik werden nach "Lehrplan 21" auf Deutsch unterrichtet. Der Unterricht im Fach Französisch sowie in den Human-, Sozial-, Naturwissenschaften und Religion/ Ethik (NMG) orientiert sich dagegen am "Plan d’études romand" und erfolgt auf Französisch. Die restlichen Fächer werden jeweils zur Hälfte auf beide Sprachen aufgeteilt.

Ein auf den ersten Blick naheliegendes Modell, das bislang aber noch nirgends erprobt wurde. Warum? Jésabel Robin hat eine Vermutung: "In Lehrplänen und Lehrmitteln schlagen sich nicht nur sprachliche Unterschiede nieder, sondern auch kulturelle. Es macht etwa einen Unterschied, ob man in Geschichte von 'invasions barbares' spricht oder von 'Völkerwanderung'." Die Differenzen seien aber nicht unüberbrückbar, ist Jésabel Robin überzeugt. Umso weniger, wenn die Lehrperson sich der Unterschiede und Nuancen bewusst ist.

Die Suche nach geeigneten Lehrpersonen
Doch wo findet man solche Lehrpersonen? Lehrerinnen und Lehrer im Projekt "Classes bilingues in der Stadt Bern“ müssen nicht nur eng zusammenarbeiten mit der anderssprachigen Lehrperson. Im Idealfall bringen sie auch selbst Interesse an und Kenntnisse der anderen Sprache und der entsprechenden Lehrpläne mit.

Jésabel Robin ist optimistisch, dass es keinen Mangel an geeigneten Kandidatinnen und Kandidaten geben wird. Zuversicht geben ihr nicht zuletzt die Erfahrungen mit den eigenen Studierenden: "Am Institut Vorschulstufe und Primarstufe gibt es seit einigen Jahren den 'Stage Romand'. Das Interesse daran ist sehr gross." An der Einführung des Praktikums in der Romandie war Jésabel Robin ebenso beteiligt wie am 'Bilingualen Studiengang', den die PHBern in Kooperation mit der HEP-BEJUNE ab Herbst 2018 anbietet. Auch hier zeigen die Anmeldezahlen, dass bei den angehenden Lehrpersonen das Interesse an der Zweisprachigkeit vorhanden ist.

Findet sich dieses Interesse auch bei den Eltern der Stadt Bern, dürfte dem Projekt "Classes bilingues in der Stadt Bern" auch längerfristig Erfolg beschieden sein. Es könnten auch weitere bilinguale Klassen in der Stadt Bern oder im Kanton Bern folgen. Ein Erfolg, zu dem Jésabel Robin mit ihrem unermüdlichen Einsatz für die Zweisprachigkeit viel beigetragen hätte.

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Publiziert am: 11.07.2018