Ist Führung gleich Führung?

 

Ist Führung gleich Führung?

Der berufliche Weg von Beatrice Matthys, Schulleiterin Sonderschule Sunneschyn Steffisburg, und Heinz Krebs, HR Businesspartner Bahnproduktion BLS AG, hätte sich wohl kaum gekreuzt, wenn die beiden nicht in der Weiterbildung "S(ch)ichtwechsel" des Instituts für Weiterbildung und Medienbildung der PHBern gewesen wären. Diese fokussiert darauf, Unterschiede und Parallelen in der Führung verschiedener Organisationen (insbesondere der Vergleich von Schule und Wirtschaft) zu erkennen und das eigene Führungsverhalten zu reflektieren. Im Interview erzählen die beiden von ihren Eindrücken und Erkenntnissen. 

Was sind Ihre grössten täglichen Führungsherausforderungen?
Heinz Krebs (HK): Als HR-Leiter eines Bereiches von über 1‘400 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ergeben sich täglich mehrfach wechselnde Herausforderungen in den Bereichen Führung, Coaching/Begleitung und allgemeinen HR-Arbeiten wie Rekrutierung, Trennung, Entwicklung usw.
Beatrice Matthys (BM): Das Alltagsgeschäft, der Zeitdruck, kranke Lehrpersonen, "es allen Recht machen müssen/sollen", Neuaufnahmen von Kindern aufs neue Schuljahr, Anstellungen von Lehrpersonen im Zusammenhang mit Lehrermangel, durch das Alltagsgeschäft liegenbleibende Arbeiten.

Warum haben Sie sich für das Angebot "S(ch)ichtwechsel" angemeldet? Was waren Ihre Erwartungen? 
HK: Ich kenne Priska Hellmüller, Bereichsleiterin Kader und System an der PHBern, persönlich. Sie suchte noch einen Partner aus der Wirtschaft. Ich musste nicht lange überlegen, und entschied mich fürs Mitmachen. Es hat sich klar gelohnt. Zudem mache ich seit Jahren mit in einer Intervisionsgruppe; daher ist mir das Thema "Reflexion" als solches nicht fremd.
BM: Ich stiess etwas zufällig auf das Angebot, es hat mich auf Anhieb angesprochen. Mir ging es primär darum, einmal eine differenzierte Aussensicht zu erhalten, Anpassungsbedarf in eingespielten Handlungsabläufen eruieren, grob gesagt: zur Qualitätssicherung. Die Erwartungen wurden erfüllt, das Umsetzen von Anpassungen liegt nun bei mir.

Haben Sie Parallelen in Ihren täglichen Herausforderungen gefunden?
HK: Ja, ganz klar – die Führungstätigkeiten der Schulleiterinnen und Schulleiter weichen nicht grundsätzlich von denen der Wirtschaft ab. Die Herausforderungen sind sehr ähnlich.
BM: Ja, die stärksten Parallelen sind wahrscheinlich Themen wie: Personalrekrutierungen, Gesprächsführung, Sitzungsleitung, Personalbegleitung und –unterstützung.

Und wo liegen die Unterschiede? 
HK: Führung bleibt Führung, egal in welcher Branche und auf welcher Stufe. Aber beim Tagesbetrieb und in der Selbstverständlichkeit der Akzeptanz von Hierarchiestufen gibt es spürbare Unterschiede zwischen Wirtschaft und Schule. Ein wirtschaftlicher Betrieb funktioniert um einiges hierarchischer. Die (Macht-)Verhältnisse sind klarer.
BM: Im pädagogischen Bereich wird Hierarchie relativ flach gelebt. Dadurch entsteht seitens Lehrpersonen teilweise ein Anspruch auf Mitbestimmung. 
Als grossen Unterschied habe ich zum Beispiel den Umgang miteinander wahrgenommen. In der pädagogischen Welt muss das Wort oft zweimal überdacht werden, es wird eher vorsichtig kommuniziert, mit dem Ziel, niemanden vor den Kopf zu stossen. In der Wirtschaft werden da auch schon mal klarere Worte gesprochen.

Hand aufs Herz: Hat Ihr Tandem funktioniert, hat die Chemie gestimmt?
HK: Ja sicher – wir haben uns von Anfang an gut verstanden.
BM: In kurzer Zeit ist ein grosses Vertrauen zueinander entstanden. Wir pflegen auch nach der Weiterbildung einen (mehrheitlich) privaten Austausch, haben durch das Angebot aber auch eine Ansprechperson für berufliche Fragen gewonnen.

In welcher Hinsicht haben Sie am meisten voneinander profitieren können?
HK: Die Erkenntnis, dass nicht nur die eigenen Probleme existieren. Mit Blick auf die "andere Seite" habe ich sogar manchmal leise gedacht "...da sind mir meine Probleme ja noch fast lieber!". Aber auch der gegenseitige Austausch und das Erklären warum ich dieses und jenes so löse, führten zu einer sinnvollen Reflexion. 
BM: Ich konnte vom Aussenblick auf gewisse Dinge sehr profitieren, gerade auch im Zusammenhang mit der Sitzungsgestaltung. Die Rückmeldungen von Heinz Krebs und der eigene Einblick in Gespräche bei ihm zeigten mir, dass eine direktere und klare Kommunikation auch auf wertschätzender Basis gelingen kann und ich nicht immer die Samthandschuhe anziehen muss. Eine klare, ehrliche Kommunikation muss nicht zwingend negativ aufgenommen werden. Ich habe mir für meine neue Anstellung vorgenommen, in dieser Hinsicht Dinge anders zu machen, die Kommunikation mit Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern von Anfang an klar und konsequent zu halten.

Konnten Sie einzelne Erkenntnisse aus Ihrer Tandem-Arbeitsphase bereits in Ihrem jeweiligen Arbeitsalltag nutzen? 
HK: Ja, ich denke schon. Mir hat sich die Erkenntnis bestätigt, dass es in gewissen Herausforderungen durchaus sinnvoll ist, sich vor dem Entscheiden gezielt mit jemandem auf gleicher Stufe auszutauschen (Peer). Oftmals hilft es bereits, ein Problem laut und neutral zu formulieren.
BM: Wieder bewusster und regelmässig die eigene Arbeit und Handeln reflektieren. Ich nehme zudem heute vermehrt meine Gedanken, die ich unterwegs habe, als Sprachnachricht auf. So gehen sie mir nicht verloren. Und in Sachen Sitzungsleitung/Sitzungsgefäss habe auch einzelne Sachen bewusst in meine Führungsarbeit einfliessen lassen können.

In welchem Rahmen haben Sie sich jeweils getroffen?
HK: Wir haben uns je dreimal einen halben Tag an beiden Arbeitsplätzen getroffen. Das jeweilige Programm haben wir nicht speziell "geschönt", wir haben jeweils am normalen Tagesprogramm des Anderen teilgenommen. Im Anschluss daran haben wir den halben Tag gemeinsam reflektiert.

Wie viele Stunden haben Sie dafür aufgewendet?
BM: Jeweils gut 30h pro Seite für alles. Sehr positiv war, dass wir uns unsere Zeit völlig frei einplanen konnten. Es gab abgesehen vom Start keine fixen Termine, an denen wir teilnehmen mussten. Das ist ein grosses Plus.

Wie beurteilen Sie den Aufbau des Angebotes? Haben Sie Verbesserungsvorschläge?
HK:
Aus meiner Sicht stimmig – ich finde den kurzen gemeinsamen Einstieg, dann das individuelle Arbeiten und der gemeinsame Abschluss gut. Der Abschluss war etwas lang, auch wenn die Einsicht in die anderen Tandems spannend war.
BM: Sehr stimmig. Es wäre schön gewesen, wenn an der Einführungsveranstaltung bereits alle Teilnehmenden anwesend gewesen wären und nicht "nur“ die Schulleitungen. So hätten wir einander bereits beschnuppern können.

Wem würden Sie den "S(ch)ichtwechsel“ weiterempfehlen?
HK: Ich kann das Programm gerne und überzeugt allen Führungspersonen, die bereit sind, sich selbst und die eigene Arbeit zu reflektieren, empfehlen.
BM: Allen Führungspersonen, die gerne einen Aussenblick haben möchten und von Personen in einem ganz anderen Arbeitsbereich profitieren möchten. Ich würde nach einer gewissen Zeit sofort wieder eine solche Form der Qualitätssicherung wählen.

Die nächste Durchführung des "S(ch)ichtwechsels" startet am 24.1.2018.
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Publiziert am: 20.12.2017