Malend Bilder wagen

Ich habe immer gesagt, Bilder malen ist wie Geschichten schreiben. Und ich merke auch, wie die Kinder Freude haben an den Fachwörtern. Da sind sie kleine Spezialisten jetzt, sie können Dinge richtig benennen. (Aussage einer Lehrperson nach Abschluss des Projektes, 21.02.2019)

Ausgangslage und Entwicklungsaspekte

Der Lehrplan 21 (D-EDK 2015) im Bildnerischen Gestalten (BG) basiert auf einem kognitiv-konstruierenden Lehr- und Lernverständnis, in welchem Aufgabenstellungen in Anbindung an den bildnerischen Lernprozess gegenüber dem bisherigen produkteorientierten Fachverständnis stärker betont werden. Dieser gleichwertige Fokus auf Prozess und Produkt bedingt ein ständiges Oszillieren zwischen dem Rezipieren und Produzieren von Bildern sowie ein regelmässiges Reflektieren der fachlichen und überfachlichen Entwicklung mit einem fachspezifischen Wortschatz (s. einleitendes Zitat und vgl. Wagner & Schönau 2016). Für das Fach BG existieren derzeit weder Lehrmittel für den 2. und 3. Zyklus, die diese Fachentwicklung abbilden (vgl. Junger 2015; Mayer 2020), noch liegen für diese beiden Zyklen Unterrichtseinheiten mit Erprobungen und Evaluationen vor, die durchgängig auf Aspekte der Kompetenzorientierung (in Anlehnung an Weinert 1998) ausgerichtet sind.

Hier setzt das Projekt für die Entwicklung, Erprobung, Dokumentation und Evaluation einer Unterrichtseinheit zum Thema Farbe und Malerei an. Im engen Austausch mit drei Lehrpersonen wurden themenidentische, jedoch zyklusspezifische und am Vorwissen der Schülerinnen und Schüler der jeweiligen Klassen anknüpfende Unterrichtseinheiten entwickelt. Mit in die Aufgabenstellungen integrierten Förderimpulsen, mit Lernhilfen sowie mit vielfältigen Methoden formativer Beurteilung sollte bei den Schülerinnen und Schülern eine reflexive Grundhaltung initiiert und Lernen bewusst und sichtbar gemacht werden. Jede Unterrichtseinheit bestand aus zehn Unterrichtssequenzen zu 90 Minuten und wurde im Schuljahr 2018/2019 von den Lehrpersonen in ihren Klassen durchgeführt. Am Projekt nahmen eine 4. und 6. Klasse (Primarschule) sowie eine 9. Klasse (Sekundarstufe 1) teil.

Alle Sequenzen wurden mit jeweils zwei bis drei Kameras gefilmt. Die eine Kamera richtete den Fokus auf die Lehrperson, die beiden anderen Kameras waren auf die beiden Teilnehmenden gerichtet. Dabei entstanden über 100 Stunden Filmmaterial. Folgende Dokumente ergänzten die Aufnahmen: Teilnehmende Unterrichtsbeobachtungen; halboffene, Leitfaden-gestützte Interviews einmal als Prä- und einmal als Posterhebung mit je einem Mädchen und einem Knaben pro Klasse; Gruppeninterviews einmal als Prä- und einmal als Posterhebung mit den Lehrpersonen, die den Unterricht durchführten; Fotos aus dem Unterricht sowie von den erstellen Produkten (Malereien und Spurenhefte); die Unterrichtsplanungen sowie weitere für den Unterricht erstellte Unterlagen und Lernhilfen (vgl. Abb. 5 in Aebersold & Junger 2019).

Zielsetzungen des Projekts

  • Das bisherige Vorwissen im Umgang mit Farbe und Malerei, die bildnerische Entwicklung des farblichen Verhaltens (Reiss 1996; Dietl 2004; Glas 2016) sowie bisherige farbästhetische Erfahrungen der Schülerinnen und Schüler (Oswald 2003) werden erfasst und bei der Unterrichtsplanung und Durchführung mit einbezogen
  • Den heterogenen Voraussetzungen innerhalb der Lerngruppe wird Beachtung geschenkt und der Unterricht wird an die Lernvoraussetzungen der Schülerinnen und Schüler angepasst
  • Möglichkeiten und Formen für lernunterstützende, förderorientierte Impulse und Reflexionen (Eschelmüller 2007; Kirchner & Kirschenmann 2015; Kathke & Peez 2008) zum Lernfortschritt werden besonders fokussiert
  • Mit einem Spurenheft entwickeln, protokollieren und dokumentieren die Schülerinnen und Schüler ihre Lernprozesse, wobei Prozess und Produkt gleichermassen berücksichtigt werden. Im Austausch mit Mitschülerinnen und Mitschülern sowie mit der Lehrperson wird das Spurenheft als dialogisches und kooperatives Instrument zum Erkennen der Arbeitsfortschritte und zum Sichtbarmachen der Kompetenzentwicklung genutzt (Inthoff & Peters 2016; Kirchner & Kirschenmann 2015, S. 196; Sabisch 2006 & 2007)

Mit dem bewusst initiierten Begleiten von Kompetenzentwicklungen ergibt sich eine Fokussierung auf formative Beurteilungsformen, auf deren Basis summative Beurteilungskonzepte aufbauen (Lindström 2008)

Übersicht Portalstruktur

Literatur

Aebersold, U. & Junger, S. (2019). How Does Learning in the Art Classroom Become Visible? In G. M. Novák (Hrsg.), Participation and Cooperation in Arts Education, 143–146. Budapest: Eötvös Loránd University (ELTE).

D-EDK, Deutschschweizer Erziehungsdirektorenkonferenz (2015). Lehrplan21. Online: https://v-fe.lehrplan.ch/ [26.05.2020].

Dietl, M.-L. (2004). Kindermalerei. Zum Gebrauch der Farbe am Ende der Grundschulzeit. Münster: Waxmann.

Eschelmüller, M. (2007). Lerncoaching im Unterricht. Grundlagen und Umsetzungshilfen. Bern: Schulverlag.

Glas, A. (2016). Zwischen Disegno und Colore – Farbe in der Kinderzeichnung. IMAGO Zeitschrift für Kunstpädagogik 2, 31–43.

Junger, S. (2015). Prüfung der Lehrplan 21 Kompatibilität bei Lehrmitteln im Fachbereich Gestalten (Bildnerisches Gestalten). Bern: Amt für Kindergarten, Volksschule und Beratung, Erziehungsdirektion des Kantons Bern. Unveröffentlichte Studie.

Kathke, P. & Peez, G. (2008). Pädagogische Leistungskultur. Ästhetik, Sport, Englisch, Arbeits-, Sozialverhalten. Heft 4: Ästhetische Bildung, Kunst. Frankfurt a. M.: Grundschulverband.

Kirchner, C. & Kirschenmann, J. (2015). Kunst unterrichten, Didaktische Grundlagen und schülerorientierte Vermittlung. Seelze: Klett Kallmeyer.

Lindström, L. (2008). Produkt- und Prozessbewertung schöpferischer Tätigkeit. In G. Peez (Hrsg.), Beurteilen und Bewerten im Kunstunterricht. Modelle und Unterrichtsbeispiele zur Leistungsmessung und Selbstbewertung, 144–158. Seelze: Kallmeyer.

Meyer, B. (2020). Lehrmittel in den Studienplänen von Pädagogischen Hochschulen. Interkantonale Lehrmittelzentrale, ilz.fokus 7, 6.

Inthoff, C. & Peters, M. (2016). Kompetenzorientierung im Kunstunterricht. In B. Klüh (Hrsg.), Die Entwicklung kompetenzorientierten Unterrichts in Zusammenarbeit von Forschung und Schulpraxis. Komdif und der Hamburger Schulversuch alles»könner, 101–126. Münster: Waxmann.

Reiss, W. (1996). Kinderzeichnungen. Berlin: Neuwied.

Sabisch, A. (2007). Inszenierung der Suche. Vom Sichtbarwerden ästhetischer Erfahrung im Tagebuch. Entwurf einer wissenschaftskritischen Grafieforschung. Bielefeld: Transcript.

Weinert, F. E. (1998). Neue Unterrichtskonzepte zwischen gesellschaftlichen Notwendigkeiten, pädagogischen Visionen und psychologischen Möglichkeiten. München: Bayerisches Staatsministerium für Unterricht, Kultus, Wissenschaft und Kunst. München: Bayerisches Staatsministerium für Unterricht, Kultus, Wissenschaft und Kunst.

Wagner, E. & Schönau, D. (Hrsg.) (2016): Cadre Européen Commun de Référence pour la Visual Literacy: Prototype: Common European Framework of Reference for Visual Literacy; Prototype: Gemeinsamer Europäischer Referenzrahmen für Visual Literacy; Prototyp: Common European Framework of Reference for Visual Literacy; Prototype. Münster: Waxmann.