Erfolgreich in den Kindergarten

 

An der Veranstaltung "Treffpunkt Schule und Wissenschaft" vom 3. Mai 2018 gab die PHBern-Forscherin Tamara Carigiet Einblick in ihr Forschungsprojekt "Erfolgreich in den Kindergarten". Dabei kam Überraschendes zutage – und wurde im Podium und mit dem Publikum diskutiert.

 

Übergänge sind oft gut bewacht und werden streng beobachtet – man denke an Grenz- oder Bahnübergänge. Anders sieht die Situation aus beim Übergang in das formale Bildungssystem, also beim Eintritt in den Kindergarten. "Man weiss wenig darüber, wie Eltern und Lehrpersonen den Übertritt wahrnehmen und welche Faktoren für einen erfolgreichen Eintritt in den Kindergarten wichtig sind", sagt Tamara Carigiet von der PHBern. Die Forscherin ist daran, diese Lücke zu schliessen, zumindest für den Kanton Bern. In den Jahren 2016 und 2017 befragte sie zusammen mit Studierenden der PHBern Eltern und Kindergartenlehrpersonen über ihre Erfahrungen mit dem Eintritt in den Kindergarten. Herausgekommen sind zum Teil überraschende Befunde – die sie nun in der Veranstaltungsreihe "Treffpunkt Schule und Wissenschaft" vom 3. Mai vorstellte.

 

Die meisten gehen gerne

Ein erstes Raunen ging durch die rund 40 Anwesenden, als Tamara Carigiet die Zahlen zur Zufriedenheit vorstellte. Rund 12 Wochen nach dem Kindergartenstart beurteilten 99.6% der Eltern die Einstellung ihrer Sprösslinge gegenüber dem Kindergarten als "positiv" oder "eher positiv": Die Kinder würden den Kindergarten gerne besuchen und seien bereits nach wenigen Wochen gut angekommen. "Ein sehr erfreuliches Ergebnis." Demgegenüber sind die Lehrpersonen etwas kritischer, wenn man sie zum Übergang befragt. Sie attestierem einem von vier Kindern "einige" oder "beträchtliche Probleme" beim Einleben und Verhalten im Kindergarten. Zudem beurteilen 81 Prozent der Kindergartenlehrpersonen das Übertrittsalter von 4 Jahren als "zu jung".
Zwischen der Einschätzung der Eltern und der Lehrpersonen liegt also ein deutlicher Unterschied. Wie lässt sich das erklären? Sind die Lehrpersonen einfach kritischer? "Nicht unbedingt", fand die Kindergärtnerin Regula Oester beim anschliessenden Podiumsgespräch: Weil das Kindergartenobligatorium für 4-jährige Kinder erst ein paar Jahren bestehe, müssten sich viele Lehrpersonen erst noch auf das gesunkene Alter einstellen. "Gerade langjährige Lehrpersonen mit seminaristischer Ausbildung sind durch die jungen Kinder wohl stärker belastet."

 

Kindergarten – eine Institution für Mädchen?

Entsprechend dem Titel ihres Forschungsprojekts "Erfolgreich in den Kindergarten" fragte Tamara Cargiet nach den Faktoren für einen gelingenden Start ins Bildungssystem. Hier zeigte sich ebenalls Unerwartetes: Ob die Kinder vor dem Eintritt bereits ausserfamiliär betreut wurden oder nicht, hat keinen nachweisbaren Einfluss auf das Gelingen oder Nicht-Gelingen des Übertritts. Genauso wenig wie das Vorhandensein älterer Geschwister. Klar negativ wirkt sich ein mangelndes Sprachverständnis in der Unterrichtssprache aus – weil die Kinder den Anweisungen der Lehrperson nicht folgen können und auch im sozialen Kontakt eingeschränkt sind. Am stärksten positiv wirken sich Selbständigkeit, ein bildungsnahes Elternhaus, Anstrengungswille sowie bereits vorgängig bestehende Freundschaften zu Kindern im Kindergarten aus.
Interessanterweise hat laut Carigiet auch das Geschlecht des Kindes nur teilweise einen Einfluss auf den Kindergartenstart. Geringe Unterschiede zwischen Mädchen und Knaben gibt es beim Mitmachen im Unterricht und beim Befolgen der Regeln, bei der Nutzung des Angebots im Kindergarten – Knaben nutzen dieses etwas weniger häufig als Mädchen –  und  bei den allgemeinen Übergangsproblemen, so wie die Lehrpersonen sie wahrnehmen. Ähnlich erlebt hat dies die Podiumsteilnehmerin Livia Bosco, die als Mutter den Kindergartenstart ihres Sohns und ihrer Tochter begleitet hat. "Die am Basteln und Zeichnen interessierte Tochter fand im Kindergarten deutlich mehr Betätigungsfelder als der nach Bewegung drängende Sohn." Personen aus dem Publikum monierten, dass der Kindergarten mit seinen mehrheitlich weiblichen Lehrpersonen die Interessen der Mädchen übervertrete. Diese Sichtweise liessen die Vertreterinnen aus Praxis und Ausbildung nicht gelten: Auch als Kindergärtnerin könne und müsse man Spiel- und Lernumgebungen für Knaben schaffen, sagte etwa Rita Holzer, Co-Schulleiterin in Bern. Sie sprach sich dafür aus, das Interesse am "Kämpfen" als natürlichen Entwicklungprozess der Knaben zu akzeptieren und ihm auch Raum zu bieten.
"Der Übergang vom Elternhaus in den Kindergarten ist für alle Beteiligten immer mit mit vielen Fragen und Unsicherheiten verknüpft", sagte Ursula Arnaldi, Dozentin und Koordinatorin der Berufspraktischen Ausbildung am Institut Vorschulstufe und Primarstufe (IVP) der PHBern. Deshalb brauche es Mut, diesen Weg zu gehen. "Es ist aber auch bewiesen, dass erfolgreich bewältigte Übergänge die Selbstkompetenz der Kinder fördern und das Bewältigen von weiteren Übergängen erleichtern."

 

Kommunikation ist den Eltern wichtig

Das meiste Potenzial, um den Kindergarteneintritt noch problemloser und erfreulicher zu gestalten, als er meistens schon ist, liegt bei der Kommunikation und der Kooperation. "Viele Eltern wünschen sich mehr und frühzeitigere Informationen zum Übertritt sowie eine gute Kooperation und Kommunikation mit dem Kindergarten", fasste Tamara Carigiet dieses Ergebnis der Studie zusammen. Kindergärtnerin Regula Oester riet, die vorhandenen Informationsmöglichkeiten zu nutzen und das Gespräch mit den Lehrpersonen zu suchen. Und sie forderte die Lehrpersonen im Gegenzug auf, sich und den Kindergarten zu öffnen: "Wer den Austausch mit der Spielgruppe und der Kinderkrippe sucht, kann viele Eltern bereits früh abholen. Die Zeiten, in denen man sich als Lehrperson nicht in die Arbeit blicken liess, sind heute definitiv vorbei."
Tamara Carigiet bereitet die erhobenen Daten als nächstes für eine Publikation vor. Und sie will die befragten Klassen weiter im Auge behalten: "Es wäre spannend, die gleichen Eltern und Lehrpersonen – und vielleicht dann auch die Kinder – beim Übertritt in die 1. Klasse fzu befragen. So könnte man herausfinden, wie sich die Kinder – mit oder ohne Startschwierigkeiten – entwickeln und ob der Kindergartenstart auch längerfristige Auswirkungen hat."

 

Ratschläge aus dem Podium

  • Dem Kind etwas zutrauen. Kinder haben mehr Ressourcen, als man man oft denkt, und gehen nicht so schnell ‚kaputt‘.
  • Weniger ist mehr bei ausserschulischen Aktivitäten. Gerade in der Startphase des Kindergartens.
  • Auf genügend Schlaf achten.
  • Dem Kind Raum und Zeit geben.
  • Das Kind in seiner Vorfreude bestärken bzw. eine solche schaffen.
  • Informationsmöglichkeiten nutzen und bei Unsicherheiten das Gespräch mit der Lehrperson suchen.
 
 

Publiziert am: 9. Mai 2018