Nachteilsausgleich und riLZ auf dem Prüfstand

 

Nachteilsausgleich und riLZ auf dem Prüfstand

 

Nachteilsausgleich und reduzierte individuelle Lernziele versprechen Chancengerechtigkeit im Schulzimmer. Oft erreichen sie aber genau das Gegenteil. Das zeigen zwei Forschungsprojekte der PHBern und des Instituts für Erziehungswissenschaft der Universität Bern, Abteilung Bildungssoziologie, die am Treffpunkt Schule und Wissenschaft vom 29. November 2018 den rund 60 Anwesenden präsentiert wurden.

 

Nach dem Inkrafttreten des Art. 17 des Volksschulgesetzes des Kantons Bern wurde von der Erziehungsdirektion eine neue Verordnung zu den besonderen Massnahmen (BMV) erarbeitet, die am 1. Januar 2008 in Kraft getreten ist.
Seither wurden zahlreiche Kleinklassen aufgelöst, die ehemaligen Kleinklassenschülerinnen und -schüler wurden zunehmend in Regelklassen integriert. Kinder mit unterschiedlichem Förderbedarf werden dort nun mit verschiedenen integrativen schulischen Massnahmen unterstützt. Die bekannteste Massnahme ist die der integrativen Förderung (IF). Daneben existieren weitere Massnahmen wie reduzierte individuelle Lernziele (RILZ) und Massnahmen des Nachteilsausgleichs (NAG).
Mit reduzierten individuellen Lernzielen erhalten schwächere Schülerinnen und Schüler an ihr Niveau angepasste Lernziele. Die Kinder sollen dadurch vom ständigen Ungenügen und vom Schulstress entlastet werden. RILZ werden im Zeugnis ausgewiesen.
Der Nachteilsausgleich kommt Schülerinnen und Schülern mit durchschnittlichem bis hohem schulischem Potenzial zugute, die jedoch aufgrund einer Benachteiligung (am häufigsten Lese- und Rechtschreibschwäche) Schwierigkeiten haben. Sie erhalten beispielsweise mehr Zeit für eine Prüfung oder können diese in anderer Form ablegen. Der NAG wird im Zeugnis nicht vermerkt.

 
Dr. Caroline Sahli Lozano (rechts) und Anne Sophie Ganz

Zwei Forschungsprojekte der PHBern
"Es ist bekannt, dass der sozioökonomische Status des Elternhauses einen bedeutenden Einfluss auf den schulischen Erfolg des Kindes hat", sagte Dr. Caroline Sahli Lozano, Leiterin des Schwerpunktprogramms "Inklusive Bildung" der PHBern. Es ist erwiesen, dass Kinder aus niedrigeren sozialen Schichten viel weniger häufig in die 'Sek' oder ins Gymnasium kommen, jedoch viel häufiger eine Kleinklasse besuchen als Kinder aus höheren sozialen Schichten. Zudem hängt der Besuch einer Schulform stark vom jeweiligen Wohnort ab. "Wir wollten herausfinden, ob ein solcher Einfluss der Herkunft und des Schulortes auch bei der Vergabe der beiden integrativen Massnahmen RILZ und NAG zu finden ist."
Zusammen mit Anne Sophie Ganz stellte Caroline Sahli Lozano am Treffpunkt Schule und Wissenschaft vom 29. November 2018 die Ergebnisse eines abgeschlossenen und eines laufenden Forschungsprojekts der PHBern vor: Selektivität und Effektivität des Chancenausgleichs an Berner Schulen (SECABS) sowie Chancen und Risiken integrativer schulischer Massnahmen (ChaRisMa). Im Rahmen der Projekte wurden 2015/2016 sowie 2017/2018 Schulleitende, Lehrpersonen und Eltern befragt. Mit Schülerinnen und Schülern wurden zudem umfangreiche Fragebogenerhebungen zu ihrer schulischen Leistung, zum Wohlbefinden und zu ihrer sozialen Integration in der Klasse durchgeführt.

 

Die soziale Herkunft und der Schulort entscheiden über die Vergabe von RILZ und NAG
Ein zentraler Befund der beiden Projekte ist: Ob ein Kind eine der beiden Massnahmen erhält, ist zunächst einmal stark abhängig vom Schulort und regionale Unterschiede bei der Vergabehäufigkeit sind deutlich erkennbar.
Weiter wird die Massnahme RILZ generell häufiger an Kinder aus sozial niedrigeren Schichten vergeben. Kinder mit RILZ zeigen jedoch im sechsten Schuljahr tatsächlich niedrigere Schulleistungen als Kinder ohne RILZ und demzufolge könnte man auch sagen, die Massnahme sei korrekt zugeteilt. Es könnte aber auch sein, dass die Kinder im sechsten Schuljahr so niedrige Schulleistungen zeigen, weil sie bereits über mehrere Jahre hinweg die Massnahme RILZ erhalten und diese selbst die Leistungsentwicklung negativ beeinflusst. Die Initiative für RILZ geht meist von der Schule aus.
Anders sieht das Bild bei der Massnahme NAG aus. Die Vergabe von NAG wird oft von den Eltern initiiert. Bei dieser Massnahme hängt die Vergabe auch unter Kontrolle der Schulleistung signifikant mit dem sozioökonomischen Status des Elternhauses zusammen. Vergleichbare Kinder aus sozial höher gestelltem Elternhaus haben eine 2.5 Mal höhere Chance, in den Vorzug eines Nachteilsausgleichs zu kommen als Kinder aus sozial schlechter gestelltem Elternhaus.

Stigma und Isolation durch reduzierte individuelle Lernziele
Welche Konsequenzen es für die Schülerinnen und Schüler mit sich bringt, ob sie RILZ oder NAG erhalten, war ein weiterer Punkt der Untersuchung. Das Forschungsteam um Caroline Sahli Lozano fand heraus, dass der Erhalt von RILZ stigmatisieren kann. Schulleitende und Lehrpersonen schätzen Schülerinnen und Schüler mit RILZ als schulisch schwächer ein als Kinder ohne RILZ mit vergleichbaren Schulleistungen. Das kann dazu führen, dass die Schülerinnen und Schüler weniger gefördert werden und in die Abwärtsspirale der selbsterfüllenden Prophezeiung geraten. Erschwerend kommt im Kanton Bern hinzu, dass die Vergabe von RILZ nicht obligatorisch an eine integrative Förderung durch eine Heilpädagogin oder einen Heilpädagogen (IF) gekoppelt ist. Wer einmal abgehängt wird, hat also kaum Chancen, wieder aufzuholen.
Weiter fanden die Forschenden heraus, dass es einen Zusammenhang gibt zwischen der Vergabe von RILZ und der wahrgenommenen sozialen Integration. Kinder mit RILZ fühlen sich in der Schule signifikant schlechter sozial integriert und aufgehoben als ihre Mitschülerinnen und Mitschüler.

Ungerechtigkeiten werden verstärkt
Im Gegensatz zu den Schülerinnen und Schülern mit RILZ fühlen sich Schülerinnen und Schüler mit NAG gut sozial integriert und werden von den Lehrpersonen nicht als leistungsschwächer eingeschätzt. Interessant im Fall von NAG ist, dass die Vergabe am häufigsten in der 6. Klasse stattfindet. NAG wird also oft im Hinblick auf eine bevorstehende Selektion von den Eltern beantragt.
Das Fazit der Forschenden fällt entsprechend ernüchternd aus: Die besonderen Massnahmen RILZ und NAG können die Chancengerechtigkeit vermindern, statt sie zu fördern. Sozial höher gestellte Eltern unterstützen ihre Kinder mit NAG, die ohnehin schon schwächeren RILZ-Kinder werden auf das Abstellgleis geschoben.

RILZ und NAG ganz abschaffen?
In der anschliessenden Diskussion wurde aus dem Publikum nicht überraschend gefordert, RILZ und gegebenenfalls auch NAG ganz abzuschaffen. Caroline Sahli Lozano wies auf das ursprüngliche Ziel des Chancenausgleichs hin, welches hinter den beiden Massnahmen steht. Es gelte, die Massnahmen so auszugestalten, dass sie diesem Ziel auch wirklich dienen. Im Fall von RILZ wäre, falls diese Massnahme überhaupt beibehalten werden solle, eine obligatorische Koppelung an integrative Förderung denkbar, so wie in anderen Kantonen üblich. Beim NAG wäre es wichtig, dass die Schulteams gut darüber informiert sind, damit sie auch Eltern aus niedrigeren sozialen Schichten darin unterstützen, diese Massnahme einzufordern.
Es wurde ebenfalls der relativ offene Leitfaden der Erziehungsdirektion bezüglich der besonderen Massnahmen angesprochen. Sind die Schulen zu frei? Dem gegenüber stand die Haltung, dass solche Freiräume bewusst genutzt werden können. Zudem sei nicht nur die Verwaltung in der Pflicht. Für die Wahrung der Chancengerechtigkeit seien auch die Schulen und die PHBern als Aus- und Weiterbildungsstätte gefordert. Hier gelte es, ein Sensorium für die Vergabe und mögliche Konsequenzen zu entwickeln bzw. zu stärken, um die integrativen schulischen Massnahmen mit Bedacht und Sorgfalt zuzuteilen und professionell umzusetzen.

   

Das Buch zum Thema

 

Caroline Sahli Lozano, Richard Vetterli, Annika Wyss: Prozesse inklusiver Schulentwicklung. Theoretische Grundlagen und Filmbeispiele aus der Praxis. Schulverlag, 2017.

Kostenlose Exemplare für Berner Schulen gibt es via die Erziehungsdirektion.

Das Buch auf dem Webauftritt des Verlags
 
 
 
 

Publiziert am: 6.12.2018