"Der Lehrberuf ist nicht strenger als andere, aber schöner"

 

 

Der Alltag des Lehrers Florian Reichen ist abwechslungsreich. Er hat seinen Traumberuf gefunden. Doch er warnt alle Nachahmerinnen und Nachahmer: "Kinder zu mögen, reicht nicht aus, um eine gute Lehrperson zu sein."

 
 

Am Anfang gibt es einiges zu lernen

Das Studium an der PHBern vermittelte Florian Reichen die nötigen Kompetenzen fürs Unterrichten. Als unerfahrene Lehrperson müsse man sich zuerst an das selbstständige Arbeiten gewöhnen. So war seine grösste Herausforderung anfangs, herauszufinden, was es als frisch diplomierter Lehrer neben dem Unterrichten eigentlich alles zu tun gebe. Es waren Fragen wie: Was muss ich bis wann abgeben? Wann muss ich wo sein im Lehrplan? Bis wann müssen die Elternabende stattgefunden haben? Hinzugekommen sei noch die Auseinandersetzung mit der technischen Infrastruktur, ergänzt er schmunzelnd.  "Als Neuling empfiehlt es sich, eng mit den erfahrenen Kolleginnen und Kollegen zusammenzuarbeiten", rät der Primarlehrer. Erst wenn sich die neue Lehrperson eingearbeitet und sich im jeweiligen Schulsystem zurechtgefunden hat, könne sie sich richtig der schönen Seite des Berufs widmen: der Gestaltung des eigenen Unterrichts. 

 

Erziehung gehört dazu

Lehrpersonen können den eigenen Unterricht in der Regel frei gestalten. Das sei toll, aber auch herausfordernd, meint Florian Reichen. "Selbstständiges Arbeiten ist im Lehrberuf das A und O", so der 33-Jährige. Wenn sich jemand für die Lehrtätigkeit interessiere, dann müsse er zudem motiviert sein, den Schülerinnen und Schülern etwas lehren zu wollen. Und auch in gewissem Masse bereit sein, sie zu erziehen. Florian Reichen findet es wichtig, dass Lehrpersonen Erziehungsaufgaben übernehmen. "Man kann doch nicht den ganzen Tag mit Kindern unterwegs sein und einfach sagen, nur die Eltern müssen sie erziehen", betont er. "Eine gute Lehrperson zeigt Grenzen auf." Wenn jemand dies nicht könne, sei er oder sie im falschen Beruf. "Selbstverständlich müssen wir den Kindern auch immer klar aufzeigen, was sie gut machen", fügt er an. Im Umgang mit ihnen helfen einem laut Reichen die im Studium erworbenen Kompetenzen weiter. Manchmal wirken bereits kleine Tricks Wunder, wie beispielsweise Forderungen in Ich-Botschaften zu formulieren.

 

Das erste Mal ungenügend

Die 5. und 6. Klasse ist für Lehrpersonen besonders herausfordernd, denn hier bekommen manche Schülerinnen und Schüler erstmals ungenügende Noten. Je nach Persönlichkeit treffe es sie wahnsinnig tief, so Florian Reichen. Deshalb versuche er, ungenügende Noten möglichst gut zu erklären. Er empfindet die Notengebung selbst als etwas unfair den Kindern gegenüber: "Wir sagen immer, man soll und darf Fehler machen, und dann – zack – darfst du plötzlich keinen Fehler mehr machen, sonst hast du einen Punkt weniger."  Doch so seien die Spielregeln.

 

Lehrer – ein abwechslungsreicher Beruf

In der Altersstufe der Elf- und Zwölfjährigen seien die Kinder sehr wissbegierig, das schätzt der Primarlehrer sehr. Auch, dass es im Lehrberuf keinen Alltag gibt. Mit 19 Kindern weiss er trotz Vorbereitung nie, was ihn alles erwartet. Während der Schulzeit sind seine Arbeitstage lang, von sieben Uhr in der Früh bis sechs Uhr abends ist er am Vorbereiten, Unterrichten und Korrigieren. In den Schulferien plant er, neben der Jahresplanung, die Lektionen für das nächste Quartal. Hinzu kommen administrative Aufgaben sowie viele Sitzungen, denn die Hauptfächer werden im Kollegium geplant. Dies, weil in der 6. Klasse die Lernzielkontrollen aufgrund des bevorstehenden Übertritts besonders wichtig sind. Auch die Zusammenarbeit mit der Heilpädagogin der Schule ist intensiv. Florian Reichen findet den Lehrberuf nicht strenger oder weniger streng als andere Berufe, aber auf jeden Fall schöner.