Martin Fischer im grossen Interview

 

Martin Fischer kennt die Lehrerinnen- und Lehrerbildung im Kanton Bern wie seine Hosentasche: als Gymnasiallehrer, ehemaliger Leiter des Seminars Langenthal, Direktor des privaten Campus Muristalden und als Schulratsmitglied und -präsident der PHBern. In der letztgenannten Funktion ist seine Amtszeit nun ausgelaufen: Ende August 2017 wurde Martin Fischer nach drei sehr erfolgreichen Legislaturperioden aus dem Schulrat verabschiedet.

 
Foto von Martin Fischer am Campus Muristalden.
 

Martin Fischer, wo steht die PHBern heute, 12 Jahre nach ihrer Gründung?
Die PHBern ist in meinen Augen eine der modernsten, kompetentesten und am konsequentesten auf die Zukunft ausgerichteten Pädagogischen Hochschulen der Schweiz. Als Anfang der 2000er-Jahre die ersten Pädagogischen Hochschulen gegründet wurden, war die Schaffung eines neuen Hochschultyps ja nicht unumstritten. In der Zwischenzeit haben sich die Pädagogischen Hochschulen neben den Universitäten und den Fachhochschulen aber etabliert. Die eigenständige Form widerspiegelt die Bedeutung der Lehrerinnen- und Lehrerbildung für die Gesellschaft.

Welches waren in Ihren Augen die wichtigsten Meilensteine auf dem Weg zur heutigen PHBern?
Für mich waren es die folgenden drei: Erstens die organisatorische Zusammenfassung aller Institutionen der Lehrerinnen- und Lehrerbildung im Kanton Bern unter das Dach einer Hochschule. Zweitens der im Jahr 2012 erarbeitete Orientierungsrahmen, der das gemeinsame Verständnis von Professionalität festigt. Das ist ein unglaublicher Gewinn gegenüber den Seminaren, in denen man die gleiche Frage je nach Standort ganz unterschiedlich handhabte. Und drittens nenne ich den Umzug der Grundausbildungsinstitute ins neu gebaute Hochschulzentrum vonRoll im Jahr 2013. Das war das physische Pendant zur organisatorischen Zusammenfassung.

Sie waren von 1998 bis 2002 Direktor des Seminars Langenthal. War da kein Nachtrauern?
Wechsel sind immer mit einem weinenden Auge verbunden. Eine Weiterführung der Seminare stand aber gar nie zur Diskussion. Die guten Elemente, die das Seminar hatte, konnten weitgehend auch an der PHBern wieder verankert werden. Dass eine Tertiarisierung nötig war, davon war ich immer überzeugt.

Die Aufgaben von Lehrpersonen verändern sich. Welches sind die grössten Herausforderungen, die in den letzten zehn Jahren hinzugekommen sind?
Als Lehrer und Campusdirektor beobachte ich, dass sich die Klassenzusammensetzung verändert hat. Heute herrscht eine grössere Vielfalt – sei es durch die Zuwanderung, sei es durch gesellschaftliche Veränderungen. Dazu kommt, dass die digitale Welt auch in der Schule immer mehr Fuss fasst. Der Umgang damit ist eine grosse Herausforderung.

Wie kann eine Schule dieser Heterogenität begegnen und wie kann sie mit dem digitalen Zeitalter Schritt halten?
Eine Erleichterung und Hilfe kann die Teamarbeit sein. Eine Lehrperson ist heute keine Einzelkämpferin mehr, sondern Teil eines Teams. Viele Herausforderungen können so bewältigt werden. Andererseits bringt die Teamarbeit auch neue Herausforderungen mit sich.

Wie gut gelingt es der PHBern, die Studierenden an den Beruf der Lehrperson heranzuführen?
Dem Echo nach, das ich als Campusdirektor von meinen Mitarbeitenden immer wieder erhalte, sehr gut. Manchmal hört man noch, den Studierenden mangle es an Praxiserfahrung. Das liegt aber in der Natur der Sache. Die PHBern stellt sicher, dass die Studierenden in allen Ausbildungsbereichen viel Praxisbezug erhalten – mehr noch als zur Zeit der Seminare.

 
Foto von Martin Fischer, wie er an einem Tisch sitzt und spricht.
 

Seit der Tertiarisierung haben Forschung, Entwicklung und Evaluation grössere Bedeutung erhalten. Weshalb ist der Bereich so wichtig?
Gesichertes aktuelles Wissen ist die Grundlage der Aus- und Weiterbildung und damit auch der Arbeit als Lehrperson. Die Dozierenden müssen sich deshalb mit aktuellen Forschungsergebnissen auseinandersetzen und nach Möglichkeit selber Forschung betreiben. Das war an den Seminaren ganz anders. Dort fand kaum eine Berührung mit aktuellen wissenschaftlichen Diskursen statt.
Absolventinnen und Absolventen der PHBern sind fähig, die Kompetenzen, die sie im Bereich Forschung und Entwicklung erworben haben, für die eigene berufliche und persönliche Weiterentwicklung zu nutzen.  
Neu ist ebenfalls, dass die Schulen an der Forschung teilhaben können. Sie lassen zum Beispiel neue Angebote evaluieren oder optimieren in Schulentwicklungsprojekten gemeinsam mit der PHBern ihre Strukturen und Praktiken.

Wie hat sich das Weiterbildungs- und Beratungsangebot der PHBern in Ihrer Amtszeit weiterentwickelt?
Die Breite und der Umfang der Weiterbildungsangebote und der Beratung sind unglaublich gross geworden. Beinahe zu jeder Frage, die eine Lehrperson oder eine Schulleitungsperson hat, erhält sie heute eine fundierte Antwort. Das gab es vorher so nicht. Angesichts der Herausforderungen, die immer wieder auf das Berufsfeld zukommen, ist das eine grosse Hilfe und auch eine Notwendigkeit. Wer sich weiterentwickeln und an neue Situationen anpassen möchte, für die oder den ist heute klar: Dafür gehe ich an die PHBern.

Eine provokative Frage: Weshalb braucht die PHBern eigentlich einen Schulrat?
Der Schulrat übernimmt wichtige Aufgaben bezüglich der Frage, in welcher Art und Weise der Leistungsauftrag umgesetzt wird. Die Erarbeitung von Leitbild, Strategie, Statuten und Reglementen gehört dazu. Und die hehrste, wichtigste Aufgabe ist die Wahl der obersten Verantwortlichen, also der Rektorin bzw. des Rektors und der Institutsleitenden. Der Schulrat ist Teil der PHBern und kann gut einschätzen, welche Personen es braucht. Ich persönlich war von jeder Wahl überzeugt. Es ist schön, das sagen zu können.
Und nicht zuletzt stellt der Schulrat eine Entlastung der operativen Leitung dar. Beispielsweise hinsichtlich des sich abzeichnenden Wechsels an der Spitze der Erziehungsdirektion. Der Schulrat wird eine gute Zusammenarbeit mit der neuen Erziehungsdirektorin oder dem neuen Erziehungsdirektor aufbauen.

Wie haben Sie Ihre Funktion als Präsident des Schulrats verstanden?
Ich habe meine Funktion stets als integrierend verstanden. Die PHBern wird von vielen Personen zusammen getragen, nicht von einzelnen allein. Machtkämpfe und politische Ränkeleien können wir nicht brauchen. Zuweilen wurde das Mittel der Abstimmung angewandt, in der Regel wurden die Themen jedoch ausdiskutiert.

Wie gestaltete sich die Zusammenarbeit mit der Erziehungsdirektion?
Sehr gut, von Anfang an. Das ist auch der Grund, weshalb die Erziehungsdirektion der PHBern immer mehr Selbstständigkeit zugesprochen hat, etwa bezüglich der Umsetzung des Leistungsauftrags und bezüglich der Finanzverantwortung. Das Vertrauen war stets gegenseitig vorhanden. Das ist auch dem Erziehungsdirektor zu verdanken.

Als eine letzte wichtige Aufgabe unter Ihrem Präsidium hat der Schulrat eine neue Strategie und eine neue Vision erarbeitet. "Innovativ, vernetzt und agil" – so sieht der Schulrat die PHBern in der neuen Vision. Worauf gründet die Wortwahl?
Die Vision geht noch in die Vernehmlassung, insofern sind die Begriffe noch nicht definitiv. "Agil" ist ein grossartiges Wort, das viel ausdrückt von dem, was nötig ist, um die Herausforderungen anzugehen, die auf die PHBern zukommen. Die PHBern muss gesellschaftliche Entwicklungen antizipieren und die Lehrperson vorausschauend ausbilden. Das setzt Innovation voraus. Und zum Begriff "vernetzt" ist zu erwähnen, dass die PHBern nicht den Anspruch hat oder haben kann, als einzelne Pädagogische Hochschule auf alle Fragen der Lehrerinnen- und Lehrerbildung eine Antwort geben zu können. Die Vernetzung innerhalb der PHBern sowie mit anderen Pädagogischen Hochschulen und mit Universitäten und Fachhochschulen im In- und Ausland ist deshalb sehr wichtig. Im Übrigen hat der Schulrat die Begriffe nicht aus der Luft gegriffen, sondern sie wurden im Strategieentwicklungsprozess mit einer Vielzahl von Beteiligten erarbeitet.

Was möchten Sie den Mitarbeitenden der PHBern mit auf den Weg geben?
Das Bewusstsein, dass sie an einem Ort tätig sind, an dem ihre Arbeit extrem wichtig ist und sie grosse Verantwortung haben. Und dass sie grossartige Arbeit leisten. Deshalb möchte ich ihnen vor allem auch meinen Dank mitgeben.

Eine letzte Frage: Sie sind noch nicht im Pensionsalter. Wie sieht Ihre weitere berufliche Zukunft aus?
Ich bleibe Direktor am Campus Muristalden. Zudem wurde ich kürzlich in die Verwaltungskommission der Bernischen Lehrerversicherungskasse (BLVK) gewählt. Vorerst für eine Wahlperiode von vier Jahren. Ich freue mich auf die neue Aufgabe.

 
Martin Fischer mit seiner Nachfolgerin Elisabeth Schenk Jenzer an einem Tisch.

Der verabschiedete Schulratspräsident Martin Fischer mit seiner Nachfolgerin Elisabeth Schenk Jenzer. Mehr Informationen zur neuen Schulratspräsidentin gibt es unter Personelles.