"Mit einem Diplom als Heilpädagogin stehen mir die Türen offen."

Leseschwächen, geistige Beeinträchtigungen, Aufmerksamkeitsprobleme oder Hochbegabung: Die Gründe, warum Schülerinnen und Schüler von Schulischen Heilpädagoginnen und Heilpädagogen unterstützt werden, sind vielfältig. Die beiden Studierenden Katja Zimmermann und Damian Riedo erzählen, was sie dazu bewogen hat, das Masterstudium der Schulischen Heilpädagogik an der PHBern zu starten.
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Obwohl Schulische Heilpädagoginnen und -pädagogen gefragter sind denn je, fehlt es an ausgebildetem Fachpersonal. «Es ist davon auszugehen, dass etwa ein Drittel der heilpädagogisch Tätigen über keinen entsprechenden Abschluss verfügen, je nach Region und Kanton kann dieser Anteil erheblich variieren», so Michael Eckhart, Institutsleiter am Institut für Heilpädagogik der PHBern. Schulische Heilpädagoginnen und Heilpädagogen sind Fachpersonen für Unterricht und Erziehung in heterogen zusammengesetzten Schulklassen. Sie begleiten, fördern und unterstützen Kinder und Jugendliche mit besonderem Bildungsbedarf und engagieren sich für eine gerechte Schule. Damit entlasten die Fachkräfte auch Klassenlehrpersonen, indem sich diese auf die anderen Schülerinnen und Schüler konzentrieren können. Die PHBern hat sich zum Ziel gesetzt mehr heilpädagogische Fachkräfte auszubilden, indem sie ein flexibles Studium anbietet: Das Masterstudium wird damit attraktiver für all jene, die Berufstätigkeit, Ausbildung und Familie gemeinsam meistern müssen.

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Katja Zimmermann und Damian Riedo studieren am Institut für Heilpädagogik der PHBern.

Wie alles unter einen Hut bringen?
Rund 80 Prozent der Studierenden am Institut für Schulische Heilpädagogik (IHP) absolvieren ihren Master berufsbegleitend. So auch Katja Zimmermann (44) und Damian Riedo (27). Das heisst: Zwei Tage pro Woche besuchen sie Vorlesungen und Seminare an der PHBern, die restlichen zwei bis drei Tage arbeiten sie. «Weder die Reihenfolge noch der Zeitpunkt eines Modulbesuchs sind vorgegeben. Ich kann das Studium also ganz nach meinen individuellen Wünschen gestalten. Als alleinerziehende Mama von drei Kindern wäre es mir nicht möglich, ein Vollzeitstudium zu absolvieren», erzählt Katja Zimmermann.

Katja Zimmermann hat ursprünglich die Ausbildung zur Kindergärtnerin gemacht, arbeitet nun aber schon seit zehn Jahren an der Heilpädagogischen Schule in Glis (VS). Diese Sonderschule bietet Unterricht für Kinder und Jugendliche von 4 bis 18 Jahren an. Gestartet hat Katja als Schulassistentin, bevor sie vor einigen Jahren als Klassenlehrperson angestellt wurde. Dies bewog sie dazu, die Ausbildung zur Schulischen Heilpädagogin zu starten. «Als ich mich Entschied, das Masterstudium an der PHBern zu beginnen, haben meine drei Kinder gesagt: «Wow, das finden wir echt super!»

Wie hat sich durch das Studium die Arbeit verändert?
Vor dem Studium habe sie sehr intuitiv gearbeitet. Jetzt könne sie das theoretische Wissen direkt mit der Praxis verbinden. «Ich verstehe meine Schülerinnen und Schüler besser und kann spezifischer auf ihre individuellen Bedürfnisse eingehen. Zudem werde ich von meinen Arbeitskolleginnen und -kollegen nun auch als Fachperson wahrgenommen.» In der Klasse von Katja gibt es auch Kinder mit Autismus-Spektrum-Störungen, insbesondere Kinder mit sogenanntem frühkindlichem Autismus. «Diese können sich nicht mit Sprache ausdrücken. Sie können mir nicht sagen, was sie brauchen und was sie wollen. Hier braucht es Hintergrundwissen, das ich mir in meinem Masterstudium aneignen konnte. Dieses Wissen bringt mich nicht nur im Klassenzimmer weiter, sondern auch persönlich.»

Damian Riedo hat direkt nach seinem Abschluss des Bachelorstudiums zum Lehrer auf der Vorschul- und Primarschulstufe das Masterstudium in Schulischer Heilpädagogik begonnen. Er arbeitet neben dem Studium in einem 45-Prozent-Pensum als Lehrer an einer Sprachheilschule, die sich auf Kinder mit Spracherwerbsstörungen spezialisiert hat. «Das gleichzeitige Studieren und Arbeiten ist zeitaufwendig, da muss man sich keine Illusionen machen. Der Start ins Masterstudium mit paralleler Berufstätigkeit war ein steiler Einstieg», sagt Damian Riedo. Dennoch würde er es heute nicht anders machen: «Das berufsbegleitende Studium bringt auch viele Vorteile. Ich kann Gelerntes direkt in der Praxis üben und anwenden.» So habe er beispielsweise gelernt, dass er bei seiner Arbeit in der Sprachheilschule mit den Schülerinnen und Schülern auf eine andere Art und Weise sprechen müsse. Die Kinder hätten ganz unterschiedliche Voraussetzungen und man müsse genau darauf achten, was und wie man etwas sage, so Damian Riedo. «Durch den Lernzuwachs an der PHBern hat sich auch mein Unterricht weiterentwickelt.» Er habe erkannt, dass er bewusster und deutlich langsamer sprechen sowie Aufgaben anders formuliere müsse, als er dies in einer Regelschule tun würde. «In der Schule findet sehr schnell ein Zuschreiben statt: Dieses Kind ist mühsam, jenes ist besonders anstrengend, und das andere hat enorme Schwierigkeiten. Jedes Verhalten geschieht jedoch in einem bestimmten Kontext, in dem andere Schülerinnen und Schüler, die Schule und besonders die Lehrperson ebenfalls eine zentrale Rolle spielen.» Deshalb solle das jeweilige Verhalten nicht gleich beurteilt, sondern stattdessen hinterfragt werden, welche Bedeutung es für das Kind hat und wie auf das dahinterstehende Bedürfnis eingegangen werden kann.

«Mir werden viele Türen offenstehen»
Was Damian Riedo am Studium besonders fasziniert, ist die starke Auseinandersetzung mit den eigenen Werten und Einstellungen: «Es werden sehr viele Fragen aufgeworfen und diskutiert, die zum Nachdenken und Hinterfragen anregen. Neben der Aneignung von fachwissenschaftlichem Wissen findet auch eine persönliche Entwicklung statt. Ich merke, wie ich mich durch das Studium als (Lehr-)Person verändere und die Wirklichkeit immer mehr aus Sicht des Kindes zu sehen vermag. Ich werde am Ende des Studiums sicherlich ein anderer sein als zu Beginn.»

Auch Katja Zimmermann kann sich gut vorstellen, immer in einer Sonderschule zu arbeiten: «Vielleicht kommt trotzdem eines Tages der Moment, an dem ich lieber in einer Regelklasse Integrative Förderung unterrichten möchte. Mit einem Masterdiplom als Heilpädagogin stehen mir viele Türen offen.»

Damian Riedo ist ebenfalls zufrieden mit seinen Berufsperspektiven: «Durch die Arbeit als Heilpädagoge an der Sprachheilschule bin ich nahe an den Schülerinnen und Schülern, diesen persönlichen Umgang schätze ich sehr. Ich kann sehr individuell und spezifisch auf die Kinder eingehen. Die Beziehung zum Kind spielt in dieser Arbeit eine wichtige Rolle. Obschon die Schülerinnen und Schüler sehr unterschiedliche Voraussetzungen mitbringen, versucht man, allen mit der gleichen wertschätzenden Haltung zu begegnen. Diese Haltung im heilpädagogischen Umfeld empfinde ich als bereichernd.»