9. April 2026, Sergej Wüthrich (PHBern), Christiane Ammann (PHBern) & Jean-Daniel Roth (BeLEARN)
Nach den ersten Eindrücken in Peking ging die Reise weiter nach Shanghai. Dort stiessen nach und nach weitere Mitglieder der Schweizer Delegation dazu, und die Gruppe vergrösserte sich um Schulleitungen, Lehrpersonen und weitere Forschende. Shanghai bot dabei bereits Gelegenheit für zusätzliche Einblicke und Austauschmomente, bevor die Reise in der vollständigen Konstellation nach Wenzhou weitergeht.
Empfang an der East China Normal University
Professor Liu Kun nahm uns heute vor den Toren der East China Normal University (ECNU) in Empfang. „Normal University“ ist die Bezeichnung für Universitäten zur Lehrpersonenausbildung, und anders als bei uns befindet sich diese jeweils auf einem Campus. Und zwar auf einem riesigen. Ca. 30'000 Studierende studieren und leben hier an der ECNU. Leben im wahrsten Sinne des Wortes: Die Undergraduate Students, also die Bachelor-Studierenden, verpflichten sich, auf dem Campus zu wohnen. Der Campus erinnert an eine Kleinstadt, es gibt alles, was man benötigt. Beeindruckt sind wir aber vor allem vom vielen Grün und vom kleinen, gemütlichen Café am Fluss, wo wir uns zusammen mit Professor Liu und den anderen Professor:innen über das chinesische und schweizerische Schul- und Ausbildungssystem austauschen.
Als Gäste werden wir zum Mittagessen im campuseigenen Hotel eingeladen, bevor wir zum Schulbesuch zur ersten Primarschule in Shanghai fahren.
Besuch bei der Guang Zhong Road Primary School
Dort werden wir gleich festlich empfangen, nicht nur von einer Begrüssungsbotschaft auf zahlreichen Bildschirmen, sondern auch von einer Delegation an Lehrpersonen und bunten chinesischen Löwen, unter denen sich Kinder verstecken. Die Schule selbst wirkt überschaubar, einladend, hell und modern. In der Eingangshalle hängen Auszeichnungen, darunter eine als Modellschule der Stadt Shanghai sowie die Mitgliedschaft als „UNESCO EPD Member School“, was eine Schule bezeichnet, die sich verpflichtet hat, Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) über den normalen Lehrplan hinaus aktiv zu fördern und umzusetzen.
Zudem wird auch Inklusion grossgeschrieben, und zwar gleich am Eingang: Acceptance, Diversity, Collaboration; Community, Participation und Support. Und wir werden gleich in die Gemeinschaft einbezogen. Denn wiederum empfängt uns eine Kinderschar, gar nicht schüchtern drücken sie uns Drachendiabolos in die Hände und bringen uns bei, diese auf verschiedene Arten durch die Luft zu schwingen. Wir sind mitten im Bewegungsunterricht gelandet und stellen uns dabei mehr oder weniger geschickt an. Auch merken wir bereits: Tradition und Moderne liegen hier sehr nahe beieinander.
Später führt uns die Direktorin durch die Schulgänge und erzählt vom 70-jährigen Jubiläum, das die Schule in diesem Jahr feiert. Die Schule sei stark im Quartier verwurzelt. Mehrere Generationen derselben Familien seien hier schon zur Schule gegangen. Für das Jubiläum sammeln die Kinder gemeinsam Ideen, entwerfen das Logo und wählen sogar den Ton der Schulglocke selbst.
Neugierig schlendern wir durch die Gänge und blicken durch die Fenster in die Klassenzimmer. Die Klassen sind überschaubar gross, mit ca. 25 Kindern, die kleinste hat zurzeit gerade mal 15 Schüler:innen. Gar nicht so anders als bei uns, aber eher unüblich für Shanghai mit Klassengrössen von 35 bis 40 Kindern. Anders als bei uns gibt es hier eher einen Lehrpersonenüberschuss, und damit sinkende Klassengrössen. Was ebenfalls gleich ist wie bei uns: die Lautstärke im Gang, wenn die Kinder in die Pause stürmen (10 Minuten nach jeder Schullektion). Sie ist kaum geringer.
Forschendes Lernen
In einer 2. Klasse dürfen wir mitten in den Unterricht hinein. Naturwissenschaft, es geht um Magnetismus. Erstaunt sind wir über die Ausstattung, die Technik und den fliessenden Einbezug von analogem und digitalem Arbeiten. Die Lehrperson orchestriert den perfekt getakteten Unterricht, instruiert, die Kinder sitzen jeweils zu fünft an runden Tischen, hören aufmerksam zu, melden sich auf Fragen und arbeiten jeweils auf Signal in Kleingruppen an Aufträgen mit Magneten und Materialien. Sie stellen Hypothesen auf und führen Experimente durch.
Jede Gruppe verwendet ein Tablet. Ein Kind fotografiert jeweils das Gruppenergebnis. Die Lehrperson bespricht die Ergebnisse sogleich vorne am Whiteboard. Wenn die Lehrperson etwas bei einer Gruppe demonstriert, tut sie dies filmend und erklärend mit dem Tablet. Alle Kinder bleiben sitzen und verfolgen gespannt den Livestream vorne am Whiteboard. Dass wir dabei zusehen, fotografieren und filmen, scheint weder die Lehrperson noch die Kinder zu irritieren. Sie sind es sich gewohnt, denn überall in der Schule gibt es Kameras, auch in den Klassenzimmern. Der Unterricht wird aufgezeichnet und später im Team analysiert, wie uns Professor Liu erklärt.
Aufgezeichnet und analysiert wird sowieso sehr vieles. In der Schule gibt es Bildschirme, mit denen die Kinder interagieren können, z. B. das Mittagessen bestellen oder die eigene Stimmung angeben. So erhalten die Klassenlehrpersonen oder die Schulleiterin Informationen darüber, wie es den Kindern geht, und setzen sich bei Bedarf zusammen.
Voller Eindrücke beenden wir den Besuch der Schule bei einer Tasse Tee und einem Austausch mit den Lehrpersonen und der Direktorin. Was wir vor allem mitnehmen: die Lehrpersonen integrieren digitale Technologie völlig selbstverständlich und nahtlos in den Schulalltag.
English
After gaining first insights in Beijing, the journey continued to Shanghai. There, further members of the Swiss delegation gradually joined the group, which expanded to include school principals, teachers and other researchers. Shanghai already provided an opportunity for further impressions and exchanges before the journey continued to Wenzhou with the full delegation.
Reception at East China Normal University
Professor Liu Kun welcomed us today at the gates of East China Normal University (ECNU). “Normal University” is the term used for universities dedicated to teacher education, and unlike in our system, these are located on a single campus – and an enormous one at that. Around 30,000 students study and live here at ECNU. And “live” is meant quite literally: undergraduate students, i.e. bachelor’s students, are required to reside on campus. The campus resembles a small town, with everything one might need. What impresses us most, however, is the abundance of green space and the small, cosy café by the river, where we exchange views with Professor Liu and the other professors on the Chinese and Swiss school and education systems.
As guests, we are invited to lunch at the university’s on-campus hotel before heading off to visit our first primary school in Shanghai.
Visit to Guang Zhong Road Primary School
We receive a warm and festive welcome, not only through greeting messages displayed on numerous screens, but also from a delegation of teachers and colourful Chinese lions, beneath which children are hidden. The school itself feels compact, inviting, bright, and modern. Awards are displayed in the entrance hall, including recognition as a model school of the city of Shanghai and membership as a “UNESCO EPD Member School”, which denotes a school committed to actively promoting and implementing education for sustainable development beyond the standard curriculum.
Inclusion is also clearly a priority, highlighted right at the entrance: Acceptance, Diversity, Collaboration; Community, Participation, and Support. We are immediately drawn into this sense of community. Once again, a group of children greets us, far from shy, they press Chinese diabolo dragon toys into our hands and show us how to spin them through the air in various ways. We find ourselves in the middle of a physical education lesson, performing with varying degrees of skill. It quickly becomes apparent: tradition and modernity coexist closely here.
Later, the headteacher guides us through the corridors and tells us about the school’s 70th anniversary, which is being celebrated this year. The school, she explains, is deeply rooted in the local community, with several generations from the same families having attended. For the anniversary, the children are involved in collecting ideas, designing the logo, and even choosing the sound of the school bell themselves.
Curiously, we wander through the corridors and peer through the windows into the classrooms. Class sizes are relatively small, with around 25 children; the smallest currently has just 15 pupils. Not so different from our context, though rather unusual for Shanghai, where class sizes typically range from 35 to 40. Unlike in our system, there is more of a surplus of teachers here, resulting in smaller classes. One thing that is very similar, however, is the noise level in the corridors when children rush out for break (ten minutes after each lesson), it is hardly any quieter.
Inquiry-based learning
We are invited into a Year 2 class in the middle of a lesson. It is a science class on magnetism. We are struck by the equipment, the technology, and the seamless integration of analogue and digital learning. The teacher orchestrates the perfectly timed lesson, giving instructions while the children sit in groups of five at round tables. They listen attentively, raise their hands to answer questions, and, on cue, work in small groups on tasks using magnets and various materials. They formulate hypotheses and conduct experiments.
Each group uses a tablet, and one child photographs the group’s results. The teacher immediately discusses these results at the whiteboard. When demonstrating something to a group, the teacher films and explains it using the tablet. All the children remain seated and follow the live stream on the whiteboard with great interest. Our presence – watching, photographing, and filming – does not seem to distract either the teacher or the pupils. They are used to it, as cameras are installed throughout the school, including in the classrooms. Lessons are recorded and later analysed as a team, as Professor Liu explains.
In fact, a great deal is recorded and analysed. The school has interactive screens that children can use, for example to order lunch or indicate their mood. This provides class teachers and the headteacher with insights into how the children are feeling, allowing them to meet and discuss matters when necessary.
Full of impressions, we conclude our visit with a cup of tea and a discussion with the teachers and the headteacher. What stands out most is how naturally and seamlessly digital technology is integrated into everyday school life.