Nachteilsausgleiche sollen faire Bedingungen schaffen, wenn eine Behinderung die Leistungserbringung erschwert. Ein Nachteilsausgleich kann zum Beispiel mehr Zeit bei Prüfungen oder den Einsatz von Hilfsmitteln ermöglichen. Entscheidend ist: Für die betroffenen Schülerinnen und Schüler gelten weiterhin die gleichen Lernziele und Bewertungskriterien. Geprüft werden ihre Kompetenzen, nicht die Auswirkungen einer Behinderung.
Dass Nachteilsausgleiche heute häufiger wahrgenommen werden, lässt sich laut Sahli Lozano unter anderem mit einer stärkeren Sensibilisierung erklären. Auch das Wissen über die eigenen Rechte habe zugenommen. Zudem hätten die Kantone den Nachteilsausgleich in den vergangenen Jahren stärker umgesetzt. Offizielle schweizweite Zahlen zur Entwicklung gibt es jedoch nicht.
Keine Belege für häufigere Vergabe
Für die Annahme, Nachteilsausgleiche würden generell zu häufig vergeben, sieht Sahli Lozano keine wissenschaftlichen Belege. Auch gebe es keine Hinweise darauf, dass dadurch der Wert von Schulabschlüssen wie der Matura sinke.
Die Berner Langzeitstudie BELIMA untersucht integrative schulische Massnahmen. Die Ergebnisse zeigen: Kinder und Jugendliche aus sozial benachteiligten Familien erhalten seltener einen Nachteilsausgleich. Diese Unterschiede nach sozialer Herkunft werden auch in der Forschung der PHBern festgestellt. Mit Blick auf die Chancengerechtigkeit sei das problematisch, so Sahli Lozano.
Nationale Statistik wäre hilfreich
Eine nationale Statistik könnte laut Sahli Lozano dazu beitragen, Entwicklungen und Unterschiede zwischen Kantonen und Schulen sichtbar zu machen. Gerade mit Blick auf die Chancengerechtigkeit wäre ein besseres Gesamtbild wichtig.
Im Interview spricht sie zudem über den Übergang in die Berufsbildung. Jugendliche mit Nachteilsausgleich wählen laut der Berner Längsschnittstudie häufig bewusst Berufe, die zu ihren Fähigkeiten passen und in denen sich behinderungsbedingte Nachteile gut ausgleichen lassen. Dabei können auch neue Hilfsmittel wie Künstliche Intelligenz eine Rolle spielen.
Das Interview erschien im Zusammenhang mit einem ausführlichen Artikel der "Aargauer Zeitung" über die aktuelle Debatte rund um den Nachteilsausgleich. Darin wird unter anderem die Frage aufgegriffen, ob sozial privilegierte Kinder häufiger von entsprechenden Massnahmen profitieren.
Das Interview mit Caroline Sahli Lozano ist in den "CH Media"-Medien erschienen und ist mit einem entsprechenden Abonnement zu lesen.