SHP+ bringt Sprachheilpädagogik ins Klassenzimmer

Bereits beim Schuleintritt zeigt nahezu jedes vierte Kind Auffälligkeiten im Spracherwerb. Hinzu kommt der Mangel an Logopädinnen und Logopäden. Genau hier setzt die PHBern an: Ab dem Herbstsemester 2026 bietet sie die neue Zusatzqualifkation SHP+ an.
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Mit SHP+ geht die PHBern einen neuen Weg: Die in der Schweiz einzigartige Zusatzqualifikation richtet sich an Studierende im Masterstudiengang Schulische Heilpädagogik und erweitert das Wissen gezielt im Bereich Schulische Sprachheilpädagogik. Julia Winkes, Leiterin der Zusatzqualifikation, und Christoph Till, Bereichsleiter Fachwissenschaft, Forscher und Dozent für Sprachheilpädagogik, sprechen über die Inhalte von SHP+, die Hintergründe und die konkreten Massnahmen.

Viele Schulen können die notwendige sprachliche Förderung nicht abdecken.
Julia Winkes  -  Dozentin Institut für Heilpädagogik

Warum kommt SHP+ genau jetzt?

Christoph Till: Bereits 2023 wurde erkannt, wie wichtig es ist, Schulische Heilpädagoginnen und Heilpädagogen (SHP) im Bereich Sprachförderung gezielt weiterzubilden. Der Regierungsrat hat die Entwicklung einer Zusatzqualifikation im Leistungsauftrag an die PHBern festgehalten. Gemeinsam mit der Bildungs- und Kulturdirektion (BKD) entstand die Idee für SHP+. Im Dezember 2025 hat der Grosse Rat die finanziellen Mittel bewilligt – jetzt können wir starten.

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SHP+: Julia Winkes und Christoph Till

Julia Winkes (links) und Christoph Till hoffen, dass ab Herbst 2026 viele Studierende des Masterstudiengangs Schulische Heilpädagogok die Zusatzqualifikation SHP+ wählen.

Was beobachten Sie aktuell an Schulen, das diesen Schritt notwendig macht?

Julia Winkes: Es herrscht ein deutlicher Mangel an Fachpersonen, sowohl bei SHP als noch stärker bei den Logopädinnen und Logopäden. Viele Schulen können die notwendige sprachliche Förderung nicht abdecken. SHP+ schliesst hier eine Lücke: Mit der Zusatzqualifikation können Fachpersonen Kinder gezielt unterstützen und präventiv arbeiten, damit sich Sprachstörungen nicht verfestigen – etwa bei Kindern, die im Alltag zu wenig Gelegenheit haben, ihre sprachlichen Fähigkeiten zu trainieren.

Was unterscheidet SHP+ von der bisherigen Ausbildung im Master Schulische Heilpädagogik?

Till: Im Masterstudiengang Schulische Heilpädagogik absolvieren die Studierenden bisher 3 ECTS im Bereich Sprachheilpädagogik. Die wählbare Zusatzqualifikation SHP+ ergänzt das Studium um 15 zusätzliche ECTS.

Winkes: Die Studierenden erwerben neu Grundlagenwissen zu Sprachstörungen, vertieftes Wissen zu Diagnostik, inkl. Instrumenten, sowie zu Fördermethoden. Das neue Wissen wird direkt im eigenen Unterricht angewendet.

Der Wirkungsort von SHP+ liegt im Klassenzimmer. Dort können sie den Prozess gezielt unterstützen.
Christoph Till  -  Forscher und Dozent für Sprachheilpädagogik

Warum lohnt sich der zusätzliche Aufwand?

Till: Kinder mit Förderbedarf können gezielter begleitet werden. Auch Schulen profitieren: Teams gewinnen neue Kompetenzen. Daraus entstehen neue Dynamiken und mehr Wirksamkeit.

Winkes: Die im SHP+ erworbenen Kompetenzen – etwa die Anpassung der eigenen Lehrpersonensprache, gezieltes Wissen zum Aufbau des Wortschatzes und zur Sicherung des Sprachverständnisses – lassen sich problemlos bei einer grossen Bandbreite von Kindern anwenden. Davon profitiert die gesamte Unterrichtsqualität. 

Welche Forschungsergebnisse waren zentral für die Entwicklung von SHP+?

Till: Studien zeigen, dass es oft keinen Transfer vom Therapiesetting, zum Beispiel Logopädie, ins Klassenzimmer gibt. Hier setzt SHP+ an: SHP können neu eine wichtige Brücke zwischen Therapie und Unterricht schlagen. Dadurch wird der Lernerfolg schneller sichtbar. Die Forschung zeigt, dass sprachtherapeutische Inhalte im Unterricht geübt und gefestigt werden müssen, um nachhaltig Wirkung zu zeigen.

Wie wirkt SHP+ im Unterricht?

Winkes: Sprache ist die Grundlage jedes Lernens. SHP+ stellt sicher, dass sowohl sprachliches als auch fachliches Lernen für betroffene Kinder möglich wird. Deshalb möchten wir die Schulische Sprachheilpädagogik möglichst allen zur Verfügung stellen – in weiter Zukunft auch mit einem CAS-Angebot für Lehrpersonen und SHP. Aktuell ist die Zusatzqualifikation nur für Studierende des Masterstudiengangs Schulische Heilpädagogik wählbar.

Können Sie ein typisches Beispiel aus der Praxis schildern, in dem SHP+ den Unterschied macht?

Till: SHP+ vermittelt konkrete und praxiserprobte Vorgehensweisen. Die Teilnehmenden lernen, wie Grammatikübungen so gestaltet werden, dass Kinder sie leicht verstehen und erfolgreich umsetzen können – ohne durch unklare Formulierungen in die Irre geführt zu werden. Hierbei hilft die Kontextoptimierung: Doch diese Methode ist komplex und erfordert Übung, ermöglicht aber, Sprachlernen gezielt und sehr effektiv zu fördern.

Winkes: SHP+ befähigt zudem, Sprachstörungen frühzeitig zu erkennen. Viele Kinder entwickeln Strategien, um sprachliche Schwierigkeiten zu kaschieren. SHP+ vermittelt das Wissen und die Werkzeuge, solche Kinder zu identifizieren und gezielt zu unterstützen. Zudem können sprachfördernde Methoden in den Unterricht integriert werden.

Wie ergänzt SHP+ die Arbeit von Logopädinnen und Logopäden?

Till: SHP+ ersetzt selbstverständlich keine logopädische Therapie. Logopädinnen und Logopäden absolvieren eine dreijährige Ausbildung, ihr Auftrag ist ein anderer. Der Wirkungsort von SHP+ liegt im Klassenzimmer. Dort können sie den Prozess gezielt unterstützen.

Entsteht durch SHP+ spürbare Entlastung für Schulen?

Till: Besonders in ländlichen Regionen gibt es oft keine oder zu wenige Logopädinnen und Logopäden. SHP+ schafft hier wichtige Entlastung, weil Fachpersonen im Schulteam sind, die Kinder im Unterricht früh diagnostizieren und gezielt sprachlich fördern können. Dadurch machen die Kinder trotzdem Fortschritte. 

Winkes: Entlastung bedeutet hier nicht weniger Arbeit, sondern mehr Sicherheit im pädagogischen Handeln. Logopädinnen und Logopäden haben häufig lange Wartelisten und müssen streng priorisieren. Durch die Zusammenarbeit mit Fachpersonen SHP+ können mehr Kinder angemessen begleitet werden. Ein Beispiel: Aussprachestörungen wie Sigmatismus, also Lispeln, werden von vielen Logopädinnen oft nicht mehr therapiert, sondern höchstens im Rahmen einer Elternberatung thematisiert. Fachpersonen SHP+ können in solchen Fällen unterstützend eingreifen und im Unterricht gezielte Übungen oder sprachfördernde Aktivitäten anbieten.