14.05.2020: Seit Anfang April hat die Arbeitsgruppe «Digitalisierung und Chancen(un)gleichheit» Erfahrungsberichte und Analysen, die im Dialog mit pädagogischen Fachpersonen entstanden sind, auf ihre Plattform hochgeladen. Nachdem die Schulen langsam zurück zum Präsenzunterricht finden, zieht die Arbeitsgruppe Bilanz und kommt zum Schluss, dass die Chancengleichheit ein Schwerpunkt von Schulentwicklungsprozessen werden muss.
Aus Sicht der Arbeitsgruppe gab es in der Zeit des Fernunterrichts wiederkehrende Themen: Die oft mangelhafte IT-Ausstattung von Schulen, die ungleichen digitalen Kompetenzen von Schülerinnen und Schülern oder die unschätzbar wichtige Zusammenarbeit mit den Eltern. Letztere ist der zentrale Dreh- und Angelpunkt, wenn es um Chancenungleichheit geht. Waren in einem Schulteam eine entsprechende Kultur sowie Kontakte und Kommunikationsstrukturen bereits vorhanden, konnten sich die Lehrpersonen gleich der Ausgestaltung des Unterrichts widmen. Andernfalls war viel Aufwand notwendig, um alle Eltern und Lernenden zu erreichen.
Auch wenn die Lehrpersonen sich bemühten, die digitalen Medien zurückhaltend und situationsadäquat einzusetzen, waren viele Schülerinnen und Schüler überfordert. Das selbstorganisierte Lernen konnte dann als Chance genutzt werden, wenn Lernende die grundlegenden Kompetenzen für den Umgang mit Technologie, Tools und Apps bereits erworben und – auch mit den Peers – geübt hatten. Nicht alle verfügten zu Hause über eine Mindestausstattung an Geräten und einen ausreichenden Zugang zum Internet. Nicht überall konnten die Eltern ihren Kindern in technischen oder inhaltlichen Fragen helfen. So benötigten beispielsweise Schülerinnen und Schüler aus Familien, die sich nicht prioritär um die Bildung der Heranwachsenden kümmern können (z.B. aufgrund einer anderen Erstsprache oder der Arbeitssituation), junge Kinder oder Lernende mit besonderem Förderbedarf zusätzliche Unterstützung von Seiten der Schule.
Konkrete Empfehlungen für die Zukunft
IT-Ausstattung, Support und Schulung: Es braucht regelmässige Schulungen durch die Spezialistinnen und Spezialisten Medien und Informatik der Schulen (SMI). Nur so kann eine Schule gewährleisten, dass alle Schülerinnen und Schüler sowie Lehrpersonen und schulische Heilpädagoginnen und Heilpädagogen mit der Bedienung der Programme und der notwendigen Geräte vertraut sind. Natürlich wäre es am besten, wenn alle ein Gerät zur Verfügung haben, um den Umgang zu üben und die Basiskompetenzen zu erlangen. Aus einer sozialräumlichen Perspektive ist zu ergänzen, dass auch manche Eltern technischen Support brauchen, damit sie erreichbar bleiben.
Plattformen als Basis für den Fernunterricht: Im Fernunterricht wurden Arbeitsergebnisse gerade bei jungen Schülerinnen und Schülern oft durch die Eltern per Foto dokumentiert und den Lehrpersonen per E-Mail oder WhatsApp-Dienst zugeschickt. Für einen besseren Überblick empfiehlt die Arbeitsgruppe den Einsatz von Plattformen, wie z.B. Office365, über welche die Kommunikation erfolgen und Dokumente ausgetauscht werden können. Die Basisfunktionen sollten möglichst in allen Zyklen eingerichtet sein. Wenn die Schülerinnen und Schüler die grundlegenden Kompetenzen einmal erworben haben, können weitere Dienste aus der Plattform oder externe Dienste hinzugezogen werden.
Voraussetzungen für digitales Lernen: Die Arbeitsgruppe unterstützt die Forderung, dass die digitalen Kompetenzen von Schülerinnen und Schülern und der verantwortungsbewusste Umgang mit Medien flächendeckend gefördert werden müssen. Wie bei jedem Unterricht gilt jedoch auch fürs digitale Lernen der Grundsatz, dass die professionelle Begleitung des Lernens und geeignete Inhalte das Wichtigste sind. Ihnen folgen die didaktische Vermittlung (reichhaltige, differenzierte Aufgabenstellungen) und der Einsatz passender digitaler Werkzeuge.
Kommunikationskonzept: Angesichts der Erfahrungen im Fernunterricht drängt sich für jede Schule ein auf die verschiedenen Bedürfnisse abgestimmtes Kommunikationskonzept auf. Es braucht pragmatische Lösungen, die auf bereits in der Schule eingesetzten Systemen aufbauen. Die so geschaffenen Kanäle können von den multiprofessionellen Teams auch für die Zusammenarbeit mit den Eltern genutzt werden.
Verringerung der Chancenungleichheit als Thema im Schulentwicklungsprozess
Die Empfehlungen der Arbeitsgruppe zielen auf eine verbesserte Chancengleichheit und sie sind relevant für die Schulentwicklung. Jede Schule braucht jetzt Zeit und Ressourcen um den Austausch über die Unterrichtsteams hinweg zu ermöglichen und die Erfahrungen im Rahmen des Fernunterrichts auszuwerten. Die Erkenntnisse können für die Schul- und Unterrichtsentwicklung nachhaltig nutzbar gemacht werden – nicht nur im Hinblick auf eine allfällige “zweite Welle”, sondern auch für das Bestreben, Chancenungleichheit zu reduzieren.
Die Autoren
Caroline Bühler
Uwe Dirksen
Thierry Schluchter
Simone Suter
Kontakt:
Arbeitsgruppe "Digitalisierung und Chancen(un)gleichheit"
Think Tank Medien und Informatik (TTIM)
Fabrikstrasse 8
CH-3012 Bern
ttim.chancengleichheit@phbern.ch