17.04.2020: Osterpause. Nach drei Wochen Digitalisierungs-Selbstlern-Marathon heisst es innehalten und zurückschauen. Was hat sich bewährt, was gilt es zu optimieren? Im Outlook habe ich den Abwesenheitsmelder aufgeschaltet. Wobei der Ausdruck "Abwesenheit" zurzeit irreführender kaum sein könnte.
Was sollen meine Studierenden, die sich in den letzten drei Wochen daran gewöhnt haben, innert Minuten Antworten auf ihre Mails zu erhalten, zu lesen bekommen, wenn sie mir schreiben? Ich nehme mir eine Zoom-Auszeit? Mache eine Skype-Detox-Kur? Oder einen Ilias-Entzug? Ich entscheide mich für: "Ich bin zur Zeit weit weg vom Bildschirm und antworte nach der Osterpause."
Die vergangenen Wochen haben meine Arbeit komplett verändert. Die ersten virtuellen Kaffeepausen mit Kolleginnen und Kollegen via Teams und Skype waren anregend. Wir testeten sämtliche Features, sandten uns Gifs und Emoticons und tauschten uns darüber aus, mit welchen Tools wir welche Seminare am besten umgestalten. Und dann probierten wir aus. Wildwuchs, sagten die einen, kreative Erweiterung der eigenen Digitalität, die andern. Seit drei Wochen lehre und coache ich also äusserst agil auf Distanz, wobei die Herausforderung nicht nur darin besteht, die richtigen Inhalte für die richtige Studentin vorzubereiten, sondern auch darin, mir darüber im Klaren zu sein, ob wir telefonieren, whatsappen oder skypen, also ohne oder mit Sichtkontakt korrespondieren. Ist letzteres der Fall, scheint es mir angebracht, mich nicht auf den sonnigen Balkon, sondern vor die professorale Bücherwand ins Büro zu setzen. Je nach Besprechungsdichte kann dies an einem Tag zu etlichen Standortwechseln führen, womit dann auch schon das halbe Home-Fitness-Soll erfüllt wäre. Ich bespreche Master- und Projektarbeiten, erstelle Padlets, Pinnwände und Foren, organisiere Peerfeedbacks und Gruppenarbeiten. Und ich lese und korrigiere und kontrolliere und mahne und fordere ein und kontrolliere erneut und staune und bin meist zufrieden, ab und zu genervt und oft begeistert vom Einsatz der Studierenden, etwa dann, wenn sämtliche "Teilnehmende" an einem coronabedingt abgesagten ausserschulischen Lernanlass diesen fachwissenschaftlich fundiert und didaktisch versiert planen – für die unbestimmte Zeit danach, in der alles wieder normal sein wird. Hoffentlich.
Doch trotz exponentiellem Wachstum meiner digitalen Kompetenz wächst auch die Einsicht, dass keine noch so gut orchestrierte Lerngelegenheit auf der Basis eines auf Ilias abgelegten Fachartikels, kein noch so attraktiver Link und keine noch so gut aufgegleiste virtuelle Thesendiskussion das ersetzen kann, was meinen Beruf ausmacht: Das Zwischenmenschliche, das Persönliche. Den Empfehlungen für "digital teaching" folgend, versuchte ich, eine meiner PowerPoint-Präsentation zu "vertonen", damit die Studierenden damit asynchron und flexibel lernen können.
Transformationsprozesse in Osteuropa nach dem Kalten Krieg: "Bildschirmpräsentation aufzeichnen". Folie 1: Ich redete mich mit sonorer Stimme durch die fünf Stichworte. Folie 2: Erklärung zur Messbarkeit von Transformation; ich verhaspelte mich nach dem dritten Satz, begann von vorne und kam schadlos bis Folie 3: Zwei private Fotos. An dieser Stelle hatte ich einen Erfahrungsbericht geplant, erlebte Transformation. Begegnungen mit korrupten Polizisten in Transsilvanien, geschmierten Grenzwächtern am ukrainischen Zoll und mit einer alten Jüdin in der zerfallenen Synagoge in Czernowitz. "Präsentation beenden". Ich scheiterte. Geschichten wie diese kann man nicht auf PowerPoint-Folien bannen. Geschichten wie diese brauchen ein Gegenüber, das lauscht, das Fragen stellt, sie anreichert mit eigenen Geschichten und sie integriert in das grosse Ganze historischer Entwicklungen. Von dieser Auseinandersetzung, vom lebendigen Austausch, vom diskursiven Streit über Meinungen, Perspektiven und Erkenntnisse lebt nicht nur jene Geschichte, die ich an der PHBern zu vermitteln versuche, davon lebt der Lehrberuf.
Ich habe mich schliesslich für ein Zoom-Meeting entschieden. Immerhin sah ich am Bildschirm, dass Herr A. die Stirn runzelte, Herr M., noch im Trainer, gähnte und Frau L. den Kopf schüttelte. Und ja, sogar eine kurze Diskussion kam zustande. Aber dies alles ersetzt nicht die direkte Begegnung mit Studierenden, die sich "anstecken" lassen von Themen, Inhalten, Geschichte(n) und vom Unterrichten selbst – von Mensch zu Mensch.
Nadine Ritzer ist Dozentin für Fachwissenschaft und Fachdidaktik Geschichte am Institut Sekundarstufe I der PHBern.