Sammeln und Ordnen in Zeiten der Corona-Krise

15.04.2020: Grundsätzlich besteht die Aufgabe des Natur-Mensch-Gesellschaft-Unterrichts (NMG) darin, der Weltwahrnehmung und Weltdeutung von Schülerinnen und Schülern Richtung und Methode zu verleihen. Das bedeutet nicht, den Kindern zu sagen, wie die Welt wirklich beschaffen sei (wer weiss das schon?), sondern es meint, Kindern Möglichkeiten an die Hand zu geben, mit denen sie sich die Welt selber erschliessen können. Dies kann etwa erfolgen, indem das gezielte Sammeln und Ordnen von Informationen geübt wird.

Dabei sind Sammeln und Ordnen ja nicht an sich gezielte Vorgehensweisen, sondern oftmals alltägliche Beschäftigungen, die häufig ganz beiläufig geschehen. Bereits Primarschülerinnen und -schüler kuratieren persönliche Sammlungen – etwa solche von glitzernden Steinen, von Muscheln aus den Ferien oder Fussballerbildchen.

Letztgenanntes Beispiel zeigt deutlich auf, dass sich kommerzielle Anbieter die Faszination des Sammelns längst zu eigen gemacht haben. Ja, es vergeht kein Jahr, ohne dass grosse Detailhändler nicht irgendein neues Sammelfieber entfachen.

Sammeln und Ordnen zählen jedoch auch zu den grundlegenden Tätigkeiten in der Wissenschaft. So sammelt gegenwärtig die Virologie und die Epidemiologie möglichst viele Informationen zum Coronavirus. Diese Daten werden geordnet, um Aufschluss darüber zu erhalten, wie sich das Virus verbreitet. Politische Entscheidungsträger ordnen diese Informationen erneut, berücksichtigen hoffentlich Interessen von unterschiedlichsten Bürgerinnen und Bürger und entscheiden dann, was zu tun ist.

Durch Ordnen und Neuordnen verändert sich unsere Weltwahrnehmung und unsere Deutungen, da jede Ordnung gewisse Aspekte beleuchtet und andere verdeckt. Jede Ordnung führt zu neuen Fragen, da in jeder Ordnung auch Widersprüche und Ungereimtheiten stecken. Hieraus resultiert die Relevanz, Sammeln und Ordnen bereits auf Primarstufe als Hinführung zu wissenschaftlichem Denken zu fördern.

Doch wie lassen sich in der gegenwärtigen Situation – in der "besonderen Lage" – nun Lernanlässe zum Sammeln und Ordnen gestalten? Wie kann grundsätzlich gesammelt und geordnet werden, wenn wir doch alle möglichst zuhause bleiben sollen?

Freilich, wir könnten Kinder auffordern, all die Spielsachen einzusammeln, die sicher überall im elterlichen "Home Office" herumliegen und manche Eltern wären wohl froh um diese Ordnungsinitiative.

Aus NMG-Sicht sei jedoch ein anderer Vorschlag erlaubt: Wieso nicht einmal mit einem sogenannten Wimmelbuch arbeiten? Denn während sich überall der öffentliche Raum entvölkert, finden sich hier zwischen zwei Buchdeckeln Landschaften, die vor lauter Menschen nur so wimmeln.

Erteilen Sie den Schülerinnen und Schülern Such-, Sammel- und Ordnungsaufträge in einem Wimmelbild. Warum nicht einfach die Corona-Regeln des BAG ("so schützen wir uns") zur Hand nehmen und prüfen, welche Wimmelbuchfiguren dagegen verstossen? Welche öffentlichen Tätigkeiten finden sich auf den bunten Seiten, die in der Realität unlängst zum Erliegen gekommen sind?

In einer solch gezielten Auseinandersetzung mit einem Wimmelbild erschliessen sich Kinder die vielfältigen Auswirkungen der Corona-Krise und sie erkennen dabei Aspekte, die jenseits ihrer Lebenswelt liegen. So sammeln Kinder Informationen, gewinnen Orientierungswissen und damit Sicherheit.

Wenn mit Kindern auf Basis dieser Erkenntnisse nun darüber diskutiert wird, wie pandemiebedingte Probleme gelöst werden könnten, dann beteiligen sich Kinder am aktuellen politischen Diskurs und haben Anteil an der Gesellschaft und ihrer Entscheidungsfindung.

Dies ist dringend angezeigt, da es ja ungefähr eine Generation lang dauern werde, so Finanzminister Maurer, um die krisenbedingte Staatsverschuldung wieder abzutragen.

Tja, wenn das Kinder nichts angeht, was dann?

Anmerkungen:

  • Ideen zur Arbeit mit Wimmelbüchern finden sich auf der Plattform Fernunterricht der PHBern: www.phbern.ch/fernunterricht 
  • Tipp: Ein spannendes Wimmelbuch ist etwa das "Bern-Wimmelbuch" (bestellbar unter www.vatterundvatter.ch oder ausleihbar in der Mediothek der PHBern), die Wimmelbücher von Rotraut Susanne Berner oder diejenigen von Ali Mitgutsch.

Über den Autor

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Michel Daengeli

Michel Dängeli ist Wissenschaftlicher Assistent am Institut Vorschulstufe und Primarstufe der PHBern