1. Oktober 2026, Andreas Jäggi (PHBern), Sabine Williner (PHBern)
Der Donnerstag stand im Zeichen der Frage, wie Studierende an der Concordia University of Edmonton (CUE) im Studienalltag unterstützt werden. Am Vormittag war die Delegation im Student Success Centre zu Gast. Dort werden zahlreiche Angebote an einem Ort gebündelt: Studien- und Laufbahnberatung, Learning Services mit Unterstützung zu Lernstrategien und Studienorganisation, Schreibberatung, Tutoring und zusätzliche Lernangebote für anspruchsvolle Kurse, psychologische Beratung sowie die Student Accessibility Services (SAS) für Studierende mit Behinderungen oder gesundheitlichen Beeinträchtigungen. Die offene und einladende Gestaltung der Räume soll Studierende ermuntern, unkompliziert Unterstützung in Anspruch zu nehmen. Eine wichtige Rolle spielt dabei die psychische Gesundheit. Die häufigsten Gründe, weshalb Studierende eine psychologische Beratung aufsuchen, sind Ängste, Depressionen und familiäre Belastungen.
Anschliessend stellten sich die Student Accessibility Services (SAS) vor. Rund zehn Prozent der Studierenden erhalten einen Nachteilsausgleich, Tendenz steigend. Wie in der Schweiz ist der Anspruch auf einen Nachteilsausglich auch in Alberta rechtlich verankert. Entsprechend steht nicht zur Diskussion, ob ein Nachteilsausgleich umgesetzt wird, sondern wie. Ziel ist es, Barrieren abzubauen, damit Studierende ihr Potenzial ausschöpfen und zeigen können, was sie tatsächlich können. Die SAS beraten und unterstützen Studierende und vermitteln, wenn Dozierende Vorbehalte haben oder unterschiedliche Vorstellungen zur Umsetzung bestehen. Die möglichen Massnahmen sind vielfältig und werden individuell festgelegt.
Für Prüfungen verfügt die CUE über ein eigenes Testing Centre. Je nach Bedarf erhalten Studierende beispielsweise zusätzliche Prüfungszeit oder Pausen, einen ruhigen Einzelarbeitsplatz, angepasste Licht- und Sitzverhältnisse, technische Hilfsmittel oder ein alternatives Prüfungsformat. Jeder Prüfungsplatz wird entsprechend individuell eingerichtet. Die Studierenden schreiben ihre Prüfung zeitgleich mit ihren Mitstudierenden, jedoch mit den individuell festgelegten Anpassungen.
Besonders eindrücklich waren die Erfahrungsberichte zweier Studentinnen mit Behinderungen, die dem regulären Studienprogramm folgen. Sie zeigten, dass bereits die Entscheidung, einen Nachteilsausgleich zu beantragen, mit Unsicherheiten verbunden sein kann, etwa mit der Sorge, als weniger leistungsfähig wahrgenommen zu werden, oder mit Blick auf die spätere berufliche Laufbahn. Eine Studentin in der Lehrpersonenausbildung berichtete, dass ihre Behinderung im Studienalltag deutlich weniger ins Gewicht fällt, wenn Dozierende ihre Lehre nach den Prinzipien des Universal Design for Learning (UDL) gestalten. Zugängliche Lehre kann somit Barrieren von vornherein reduzieren und individuelle Anpassungen teilweise überflüssig machen.
Zum Abschluss des Vormittags besuchte die Delegation den CUE Cupboard. Studierende in finanziellen Engpässen können dort kostenlos Lebensmittel und Artikel des täglichen Bedarfs über einen Online-Shop bestellen. Wer das Angebot wiederholt nutzt, wird bei Bedarf an weiterführende finanzielle Unterstützungsangebote vermittelt. Das Angebot zeigt, wie breit Unterstützung gedacht wird: Auch die Sicherung grundlegender Lebensbedürfnisse kann eine wichtige Voraussetzung dafür sein, ein Studium erfolgreich absolvieren zu können.
Während des Mittagessens wechselte die Perspektive zur PHBern. Verschiedene Vertreter der Delegation gaben anhand ausgewählter Beispiele Einblick, wie inklusive Hochschulentwicklung auf internationaler und nationaler Ebene sowie innerhalb der PHBern vorangetrieben wird. Vorgestellt wurden unter anderem die Diplomausbildung "Fachperson Inklusion" (F-INK), in der Menschen mit Behinderungen zu Expert:innen in eigener Sache ausgebildet werden, Studiengänge mit inklusiven Schwerpunkten sowie die Fachstelle Barrierefreies Studieren und Arbeiten. Auch die strategische Verankerung der inklusiven Hochschulentwicklung an der PHBern wurde thematisiert. Anschliessend wurden die vorgestellten Ansätze mit Vertreter verschiedener Bereiche und Funktionen der CUE diskutiert, darunter Hochschulleitung, Forschung, Student Success Centre und Studierende.
Am Nachmittag stand CUE Wellness im Zentrum. Das Team fördert das Wohlbefinden und die psychische Gesundheit der Studierenden und setzt dabei stark auf deren aktive Beteiligung. Geschulte Studierende engagieren sich als Wellness Educators und Volunteers und bieten unter anderem vertrauliche Peer-Support-Gespräche ohne Voranmeldung an. Eine Volunteer berichtete, wie gerne sie andere Studierende unterstützt und wie ihr Engagement zugleich ihr eigenes Zugehörigkeitsgefühl zur Hochschulgemeinschaft stärkt. Das Interesse ist gross: Es gibt mehr Bewerbungen als Volunteer-Plätze. Bemerkenswert ist auch, wie die Angebote entwickelt werden. Statt primär auf klassische Workshops zu setzen, bringt CUE Wellness Themen wie psychische Gesundheit, Suizidprävention oder den Umgang mit Geld dorthin, wo sich Studierende ohnehin aufhalten. Niederschwellige Formate wie Mocktail-Partys im zentralen Eingangsbereich schaffen Gelegenheiten für Begegnung und Austausch. Das Team erprobt verschiedene Formate, hört auf die Studierenden und baut aus, was sie tatsächlich erreicht. Dahinter steht ein klares Prinzip: Unterstützung soll sichtbar, leicht zugänglich und selbstverständlicher Teil des Hochschulalltags sein. Wohlbefinden wird damit als wichtige Voraussetzung für Teilhabe und ein erfolgreiches Studium verstanden.
Zum Abschluss des Tages stellte sich der Student Enrolment Service (SES) vor. Die Fachstelle ist für Zulassung, Einschreibung, Studienfinanzierung und Stipendien zuständig und für viele Studierende eine wichtige erste Anlaufstelle. Inklusive Werte und die Wertschätzung von Vielfalt sind im Leitbild des SES (vgl. Bild) fest verankert. Mitarbeitende werden regelmässig zu Themen wie LGBTQ2S+, Behinderung und kultureller Vielfalt geschult. Auch bei Neuanstellungen zählen Haltung und Werte: Fachliches könne man lernen, entscheidend sei, wie man Studierenden begegnet. Wie sich diese Haltung im Alltag zeigt, wurde an konkreten Beispielen deutlich. Die von Inclusion Alberta begleiteten Studierenden haben als Gasthörende selbstverständlich Zugang zu den Unterstützungsangeboten der CUE. Studierende können zudem unkompliziert festlegen, mit welchem Namen und Geschlecht sie in den Systemen der Hochschule geführt und nach aussen angesprochen werden möchten.
Über den gesamten Tag zeigte sich, wie konsequent sich die Wertschätzung von Vielfalt und das Ziel des Student Success durch die Hochschule zieht. Beziehungen, persönliche Ansprechbarkeit und niederschwellige Unterstützung stehen dabei im Zentrum. Inklusion ist damit nicht Aufgabe einzelner Fachstellen, sondern wird in unterschiedlichen Bereichen des Hochschulalltags mitgedacht.
Eine Kernaussage wurde uns für den weiteren Weg mitgegeben: Jeder kleine Schritt zählt. Das ist auch für den Transfer an die PHBern ermutigend. Inklusive Hochschulentwicklung braucht strukturelle Veränderungen, lebt aber auch von vielen konkreten Verbesserungen in Lehre, Prüfungen, Beratung, Unterstützungsangeboten und alltäglichen Begegnungen. Zusammengenommen können sie Barrieren abbauen und den Studienerfolg fördern. Für eine Pädagogische Hochschule ist dies besonders relevant: Gute Studienbedingungen tragen zu einer guten Ausbildung von Lehr- und Fachpersonen bei und kommen damit letztlich auch den Schüler:innen zugute.
Dieser Beitrag gibt die persönlichen Eindrücke der Verfassenden wieder.
English
Visible Support Under One Roof
Thursday focused on the question of how students at Concordia University of Edmonton (CUE) are supported throughout their studies. In the morning, the delegation visited the Student Success Centre, which brings together a wide range of services in one place: academic and career advising, Learning Services providing support with study strategies and academic organization, writing support, tutoring and additional learning opportunities for challenging courses, counselling, and Student Accessibility Services (SAS) for students with disabilities or health-related needs. The open and welcoming design of the space is intended to encourage students to seek support easily and without hesitation. Mental health plays an important role in this context. The most common reasons students seek counselling are anxiety, depression, and family-related challenges.
The delegation was then introduced to Student Accessibility Services (SAS). Around ten per cent of CUE students currently receive academic accommodations, and the number is increasing. As in Switzerland, the right to reasonable accommodation is legally established in Alberta. The question, therefore, is not whether accommodations should be provided, but how they can best be implemented. The aim is to remove barriers so that students can fulfil their potential and demonstrate what they are capable of. SAS advises and supports students and also acts as an intermediary when instructors have concerns or when views differ regarding how accommodations should be implemented. A wide range of measures is available and is determined according to each student’s individual needs.
For examinations, CUE has its own Testing Centre. Depending on their needs, students may receive additional time or breaks, a quiet individual workspace, adapted lighting or seating arrangements, assistive technology, or an alternative examination format. Each testing space is set up individually in line with the approved accommodations. Students take their examinations at the same time as their peers, but with the adjustments that have been agreed for them.
Particularly powerful were the personal accounts of two students with disabilities who are enrolled in regular degree programmes. Their experiences highlighted that even the decision to request accommodations can involve uncertainty, for example concerns about being perceived as less capable or about possible implications for their future careers. One student in a teacher education programme explained that her disability has far less impact on her everyday studies when instructors design their teaching according to the principles of Universal Design for Learning (UDL). Accessible teaching can therefore reduce barriers from the outset and, in some cases, reduce the need for individual accommodations.
At the end of the morning, the delegation visited the CUE Cupboard. Students experiencing financial hardship can order food and everyday essentials free of charge through an online shop. Students who use the service repeatedly can, where appropriate, be connected with additional forms of financial support. The initiative illustrates the broad way in which student support is understood at CUE: meeting basic needs can also be an important prerequisite for successfully completing a degree.
During lunch, the focus shifted to PHBern. Drawing on selected examples, several members of the delegation provided insights into how inclusive higher education development is being advanced internationally, nationally, and within PHBern itself. Initiatives presented included the diploma programme “Fachperson Inklusion” (F-INK), in which people with disabilities are trained as experts by experience, degree programmes with an explicit focus on inclusion, and the specialist service for accessible studying and working. The strategic integration of inclusive higher education development at PHBern was also discussed. The approaches presented were subsequently explored with representatives from different areas and roles at CUE, including university leadership, research, the Student Success Centre, and students.
In the afternoon, the focus was on CUE Wellness. The team promotes student well-being and mental health, placing strong emphasis on active student involvement. Trained students serve as Wellness Educators and Volunteers and, among other activities, offer confidential drop-in peer support. One volunteer described how much she enjoys supporting fellow students and how her involvement has also strengthened her own sense of belonging within the university community. Interest in the programme is high, with more applications than available volunteer positions.
The way in which CUE Wellness develops its activities is also noteworthy. Rather than relying primarily on traditional workshops, the team brings topics such as mental health, suicide prevention, and financial well-being directly into the spaces where students already spend their time. Low-threshold formats, such as mocktail parties in the main entrance area, create opportunities for informal encounters and conversations. The team experiments with different formats, listens to students, and expands the approaches that genuinely reach them. The underlying principle is clear: support should be visible, easily accessible, and an integral part of everyday university life. Well-being is therefore understood as an important prerequisite for participation and academic success.
At the end of the day, the Student Enrolment Service (SES) introduced its work. The service is responsible for admissions, enrolment, student funding, and scholarships, and is an important first point of contact for many students. Inclusive values and an appreciation of diversity are firmly embedded in the SES mission statement (see image). Staff regularly receive training on topics such as LGBTQ2S+ inclusion, disability, and cultural diversity. Attitudes and values are also considered important when recruiting new staff: professional knowledge can be learned, but what matters most is how students are treated.
Concrete examples illustrated how this approach is reflected in everyday practice. Students supported by Inclusion Alberta who attend CUE as non-degree students have full access to the university’s support services. Students can also easily indicate the name and gender with which they wish to be recorded in university systems and addressed in external communication.
Throughout the day, it became clear how consistently the appreciation of diversity and the goal of student success are embedded across the university. Relationships, personal accessibility, and low-threshold support are central to this approach. Inclusion is therefore not regarded as the responsibility of individual specialist services, but as something that is considered across different areas of everyday university life.
One key message accompanied us as we reflected on the next steps: every small step matters. This is also encouraging when considering how the insights from the visit might be transferred to PHBern. Inclusive higher education development requires structural change, but it also depends on many concrete improvements in teaching, assessment, advising, support services, and everyday interactions. Taken together, these measures can help reduce barriers and promote student success.
For a university of teacher education, this is particularly important: high-quality study conditions contribute to the education of well-prepared teachers and other education professionals and, ultimately, also benefit the students they will go on to teach.
This article reflects the personal impressions of its authors.