Im Fokus: Unterschiede in den Bildungs- und Betreuungsangeboten

Wie gestalten Berner Gemeinden ihre Bildungs- und Betreuungsangebote? Welche Rolle spielen Tagesschulen, Schulsozialarbeit, Kitas oder Offene Kinder- und Jugendarbeit innerhalb der Gemeinde bei der Bildung von Kindern und Jugendlichen? 

 

Forschungsprojekt Vision B2

Das Forschungsprojekt «Vision B2 – Bildung und Betreuung aus Sicht der Gemeinde» untersuchte die Bildungs- und Betreuungslandschaft in den Berner Gemeinden und zeigte, inwiefern sich kommunale Strukturen, Angebote und Strategien zwischen den Gemeinden unterscheiden. Die Erhebungen wurde zwischen 2022 und 2025 durchgeführt und beziehen sich auf mehrere Datenquellen: Verwaltungsdaten von Kanton und Bund zu den Bildungs- und Betreuungsangeboten, 13 Expert*inneninterviews, 43 qualitative Interviews in sechs Fallstudiengemeinden, sowie eine kantonsweite Befragung mit 149 Gemeinderatsmitgliedern Bildung, 51 Schulleitungen und 36 Tagesschulleitungen.

Der vollständige Gesamtbericht steht hier als PDF zur Verfügung. 

Die analysierten Verwaltungsdaten wurden aus verschiedenen Datenquellen zusammengetragen und geben einen guten Überblick über die Vielfalt der Angebote. Die stammen aus den folgenden Quellen:

  • Demografie, Wirtschaft etc. stammen aus den Regionalporträts der Gemeinden des Kantons Bern des Bundesamts für Statistik (BFS, 2021, 2023)
  • Daten zu Schulen, Tagesschulen und Schulsozialarbeit wurden von der Bildungs- und Kulturdirektion des Kantons Bern bereitgestellt (BKD, 2023a)
  • Informationen über Kindertagesstätten stammen von der Gesundheits-, Sozial- und Integrationsdirektion (GSI, 2022)
  • die Daten zur Kinder- und Jugendarbeit vom Verband der offenen Kinder- und Jugendarbeit erhoben wurden (VOJA, 2022)

Die Analyse der 338 Berner Gemeinden zeigt, dass sich Bildungs- und Betreuungsangebote je nach geographischem Kontext (städtisch, intermediär, ländlich) deutlich unterscheiden. Die folgende Grafik verdeutlicht, welche Angebote in den verschiedenen Gemeindetypen besonders verbreitet sind und wo Unterschiede hinsichtlich des Angebots bestehen.

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Grafische Darstellung der Verbreitung von Bildungs- und Betreuungsangeboten in Gemeinden unterschiedlicher Grösse.

Beschreibung der Grafik

Die Grafik zeigt den Anteil der Gemeinden mit einem bestimmten Angebot, differenziert nach Gemeindegruppen:

  • Schulen sind fast flächendeckend vorhanden (85 % der ländlichen, 94 % der intermediären und 100 % der städtischen Gemeinden). Die Gemeinden führen zu 70 % ihre Primarschulen eigenständig, während ca. 50 % der Gemeinden bei den Sekundarschulen im Rahmen von Gemeindeverbänden mit anderen kooperiert.
  • Tagesschulen gibt es in 51 % der ländlichen, 81 % der intermediären und 89 % der städtischen Gemeinden.
  • Schulsozialarbeit ist in 60 % der ländlichen Gemeinden vorhanden, gegenüber 81 % der intermediären und 96 % der städtischen Gemeinden.
  • Die grössten Unterschiede zeigen sich bei den Kitas: Während nur 21 % der ländlichen Gemeinden über ein Kita-Angebot verfügen, sind es bei den intermediären Gemeinden 50 % und bei den städtischen Gemeinden 96 %.
  • Die Offene Kinder- und Jugendarbeit (OKJA) ist mit 53 % in ländlichen, 77 % in intermediären und 84 % in städtischen Gemeinden vertreten. 63 % der Gemeinden organisieren die OKJA gemeinsam mit anderen Gemeinden in der Region (Gemeindeverband, Sitzgemeinden). 

Die Publikation zum Projekt Vision B2 von Windlinger und Jutzi (2025) untersuchte, welche Merkmale mit dem Vorhandensein eines Tagesschulangebots in Gemeinden zusammenhängen. Die Ergebnisse zeigen, dass die Wahrscheinlichkeit, über ein Tagesschulangebot zu verfügen, insbesondere in städtischen und intermediären Gemeinden höher ist. Zudem tritt ein solches Angebot häufiger in Gemeinden mit einem höheren Ausländeranteil, einem geringeren Anteil von in der Landwirtschaft tätigen Personen sowie einem tieferen Stimmenanteil der SVP auf. Die Befunde verdeutlichen, dass die Verfügbarkeit von Tagesschulen nicht nur von strukturellen Faktoren wie Gemeindegrösse oder Siedlungstyp, sondern auch von sozioökonomischen und politischen Rahmenbedingungen beeinflusst wird.

Link zur Publikation: Windlinger, R. & Jutzi, M. (2025) “Between cantonal regulations and local implementation: Relationships between municipal characteristics and the availability of daycare services for children outside of school hours”, Swiss Journal of Educational Research, 47(2), pp. 202–215. doi:10.24452/sjer.47.2.10.

Interpretation

Basierend auf dieser Grafik können verschiedene Schlussfolgerungen und Impulse für die Zukunft gezogen werden. 

  • Der Wohnort beeinflusst den Zugang zu Bildungs- und Betreuungsangeboten: Die Unterschiede zwischen ländlichen und städtischen Gemeinden sind besonders bei Kitas deutlich sichtbar. Die Grafik zeigt damit, dass Kinder und Familien je nach Wohnort auf sehr unterschiedliche Angebote zugreifen können. Dies verweist auf Fragen der Zugangsgerechtigkeit. Es stellen sich für die Zukunft folgende Fragen: Wie kann sichergestellt werden, dass alle Kinder – unabhängig vom Wohnort – Zugang zu zentralen Bildungs- und Betreuungsangeboten haben? Welche Mindestversorgung soll im Kanton Bern gewährleistet sein?
  • Interkommunale Zusammenarbeit: Gerade Angebote wie Schulsozialarbeit, OKJA oder teilweise auch Tagesschulen werden in kleineren Gemeinden häufig in Gemeindeverbänden oder durch Sitzgemeinden organisiert.Es scheint, dass es zentral ist, regionale Kooperationen weiter zu stärken und gemeinsam genutzte Angebote als Chance und nicht nur als Notlösung zu verstehen. Dabei ist es entscheidend, die Zuständigkeiten für Koordination und Vernetzung klar zu definieren. 
  • Gemeindebehörden könnten eine zentrale Rolle übernehmen: Gemeindebehörden gestalten Angebote, koordinieren Akteur*innen und setzen finanzielle sowie strategische Rahmenbedingungen. Die Gemeindeautonomie führt dabei zu einer grossen Vielfalt an lokalen Lösungen. Es gibt keine «richtige Lösung». Das Bildungs- und Betreuungsangebot orientiert sich stark an Grösse, Bevölkerung, Finanzkraft und den lokalen Bedürfnissen einer Gemeinde.
  • Weitere Erkenntnisse zu Zusammenhängen zwischen Gemeindemerkmalen und dem Vorhandensein spezifischer Bildungs-, Betreuungs- und Unterstützungsangebote sind im Gesamtbericht dokumentiert. Diese vertiefenden Ausführungen zu einzelnen Gemeinden mit spezifischen Charakteristika liefern zusätzliche Hinweise darauf, welche strukturellen, demografischen und politischen Faktoren die Angebotslandschaft in den Gemeinden prägen.

Fazit

Insgesamt wird deutlich, dass Angebote für Kinder, Jugendliche und Familien mit dem Gemeindekontext zusammenhängen. Gemeindegrösse, Urbanisierungsgrad sowie demografische und politische Merkmale beeinflussen, welche Angebote vor Ort vorhanden sind. Die Herausforderung für Politik und Praxis besteht darin, die Vorteile lokaler Gestaltungsfreiheit zu bewahren und gleichzeitig vergleichbare Zugangs- und Entwicklungschancen für Kinder und Jugendliche im gesamten Kanton Bern zu fördern.