08.05.2020: Unter dem Titel Fernunterricht als Chance für die inklusive Schule (vgl. Kolumne weiter unten) haben wir das im Lockdown enthaltene Potential zur Entwicklung Richtung Inklusion herausgearbeitet. Im Fernunterricht sind Bildungsungleichheiten schonungslos zu Tage getreten. Damit diese verstärkte Sensibilisierung für Vielfalt die Schul- und Unterrichtsentwicklung vorantreiben kann, darf sie bei der Wiederaufnahme des Präsenzunterrichts nicht in den Hintergrund rücken. Unterstützt wird dieses Bewusstsein durch den Umstand, dass weiterhin Lernende dem Unterricht aus gesundheitlichen Gründen fernbleiben und wir auf das Szenario einer erneuten Schulschliessung vorbereitet sein müssen. In diesem Sinne bietet die ausserordentliche Situation die Chance, konkrete Schritte zu unternehmen hin zu einer Schule für alle:
Intensive Kooperation im multiprofessionellen Team
- Das Unterrichtsteam, bestehend aus Regellehrpersonen sowie schulischen Heilpädagoginnen und Heilpädagogen, verantwortet den Unterricht gemeinsam. Die Rolle der schulischen Heilpädagoginnen und Heilpädagogen kann z.B. darin liegen, den Lernstand der Schülerinnen und Schüler zu erheben, Handlungsmaterial einzuführen sowie Lerngruppen beim Erwerb von Grundanforderungen zu begleiten. Das Team strebt nicht eine "homogene" Klasse an, sondern richtet sein Denken und Handeln wertschätzend an der Heterogenität der Lernenden aus – stets im Bestreben, Bildungsungleichheiten zu reduzieren. Das Wiedereinfinden in der Schule vor Ort wird ohne Druck gestaltet.
Konstruktive Zusammenarbeit mit Eltern
- Regellehrpersonen und schulische Heilpädagoginnen und Heilpädagogen laden die Eltern regelmässig ein, ihre Perspektive zur Befindlichkeit und den Bedürfnissen ihrer Kinder rückzumelden. Bei Lernenden in besonders herausfordernden Situationen besprechen die Lehrenden, wer direkt mit den Eltern Kontakt aufnimmt und wie sie in der Lernbegleitung der Kinder zu Hause unterstützt werden können.
Vertrauensvolle Beziehungen zu den Schülerinnen und Schülern
- Lernende, die zu Hause bleiben müssen, werden vom Unterrichtsteam wöchentlich per (Video-)Anruf kontaktiert. Der vertrauliche Austausch wird entwicklungs-, bedürfnis- und interessensorientiert gestaltet (z.B. Einbezug von Stofftieren im Kindergarten) und stellt auch im Präsenzunterricht einen festen Bestandteil der Beziehung zwischen Lehrenden und Lernenden dar.
Gezielte Unterrichtsentwicklung Richtung inklusive Schule
- Vielfältige Aufgaben: Unterrichtssettings bestehen aus abwechslungsreichen Lernaktivitäten: Nebst kognitiv herausfordernden Aufgaben auf verschiedenen Komplexitätsstufen bleibt für alle Lernenden genügend Zeit für bewegungsorientierte, musische Tätigkeiten (z.B. Jonglage, Muster aus Naturmaterialien legen).
- Innere Differenzierung: Damit alle motiviert lernen können, werden Grund- und erweiterte Anforderungen definiert. Gleichsam wird auf verbindende Aufgaben geachtet (z.B. Texte auf verschiedenen Leseniveaus zu unterschiedlichen Aspekten desselben Themas bearbeiten und gegenseitig vorstellen).
- Kooperatives Lernen: Schülerinnen und Schüler in der Schule spielen und lernen mit denjenigen, die im Fernunterricht verweilen, per WhatsApp (z.B. vorzeigen/nachahmen in Bewegungsspielen, erraten von Begriffen, sammeln von Wörtern zu einer Wortart). Lernende im Fernunterricht nehmen möglichst oft per Videoanruf an gemeinschaftsbildenden und einführenden Sequenzen im Präsenzunterricht teil.
- Anschauungs- und Handlungsmaterialien: Es wird sichergestellt, dass die benötigten Materialien (z.B. Wendeplättchen, Messband, Luftballons, Würfel, Schere, Knete) in der Schule und zu Hause allen Lernenden zur Verfügung stehen (z.B. im wöchentlich zusammengestellten Materialkistchen).
- Digitale Kompetenzen: Schülerinnen und Schüler lernen Programme und Apps kennen (z.B. Textbearbeitung in Word, Podcasts, Videos oder Fotos zu bestimmten Themen erstellen) und erhalten Gelegenheit, die erlangten Kompetenzen (kooperativ) anzuwenden.
- Selbstorganisiertes Lernen: Aufträge werden in einfacher Sprache sowie visualisiert festgehalten und sind immer gleich aufgebaut (z.B. Zielsetzung, Materialien, Zeit, Sozialform, Vorgehen). Idealerweise werden Piktogramme für die metakognitiven Strategien (planen, steuern, überwachen) und Kästchen zum Ankreuzen von erfüllten Teilaufgaben integriert.
- Umsichtige Lernbegleitung: Das Unterrichtsteam begleitet die Lernprozesse der Schülerinnen und Schüler (z.B. mit WhatsApp-Videoanruf, direkt bei schriftlichen Aufgaben, per Mail, in digitalen oder papierenen Portfolios).
- Formative Beurteilung: Negatives Feedback ist unbedingt zu vermeiden (z.B. keine Stempel mit Regenwolke oder traurige Emoji, keine Murmeln und Wäscheklammern, die entzogen, nicht aber wiedererworben werden können). Denn demotivierende Rückmeldungen sind weder lern-, selbstwert-, beziehungs- noch integrationsförderlich. Stattdessen bestätigen die Lehrpersonen Lernerfolge wohlwollend, ermutigend und zeigen konkrete nächste Schritte auf.
Inspiriert von aktuellen Praktiken in den Schulen, wünschen wir uns, dass die entwickelten Ideen anregen und die im Lockdown bewiesene Kreativität weiterblüht. So blicken wir zuversichtlich einer dynamischen und verbindlichen Unterrichts- und Schulentwicklung entgegen. Diese widerspiegelt sich in den schulischen Leitbildern und Konzepten und basiert auf dem pädagogischen Engagement aller Beteiligten.
Über die Autorinnen
- Carla Jana Svaton ist Dozentin am Institut für Heilpädagogik der PHBern.
- Daniela Heierle ist Dozentin am Institut für Heilpädagogik der PHBern.
- Caroline Sahli Lozano ist Leiterin des Schwerpunktprogramms Inklusive Bildung am Institut für Forschung, Entwicklung und Evaluation der PHBern und Dozentin am Institut für Heilpädagogik der PHBern.