Pädagogische Relevanz
Relevanz
Der Schriftspracherwerb gehört zu den zentralen Aufgaben des Unterrichts. Für viele Kinder ist das Lesen- und Schreibenlernen ein spannender, aber auch herausfordernder Prozess. Gerade in der alphabetischen Phase, in der Kinder beginnen, Laute mit Buchstaben zu verknüpfen und Wörter lautgetreu zu lesen und zu schreiben, brauchen sie vielfältige und gut abgestimmte Lerngelegenheiten. Genau hier setzt das IdeenSet an. Es bietet unterschiedliche Zugänge zum Lernen und trägt damit der Tatsache bei, dass Kinder auf ganz verschiedene Weise lernen. Manche profitieren stärker von visuellen Angeboten, andere vom Hören, vom Sprechen oder vom handelnden Tun. Indem das IdeenSet diese verschiedenen Wahrnehmungsbereiche aufgreift, unterstützt es den Schriftspracherwerb als ganzheitlichen Prozess. Besonders wichtig erscheint uns dabei der inklusive Gedanke. Anstatt Angebote nur für bestimmte Förderbedarfe zu entwickeln, zielt das IdeenSet darauf ab, allen Kindern passende Zugänge zu ermöglichen. Der Unterricht soll so gestaltet werden, dass möglichst viele davon profitieren können. Das IdeenSet soll vor allem den Lehrpersonen einen Mehrwert bieten, um im Schulalltag angepasste, differenzierte Lernangebote zu liefern. Es stellt eine Sammlung von konkreten, praxistauglichen Ideen zur Verfügung, die flexibel eingesetzt und an die eigene Klasse angepasst werden können. Dadurch kann es helfen, den Unterricht abwechslungsreicher und differenzierter zu gestalten.
Vorstellung IdeenSet
Das IdeenSet „Buchstaben ganzheitlich lehren und lernen“ ist eine Sammlung von Unterrichtsideen für den Anfangsunterricht, beziehungsweise auch für späteren Förderunterricht (Regel- oder Sonderschule), die im Rahmen unseres Projekts überarbeitet und neu strukturiert wurde. Es richtet sich an Lehrpersonen der Zyklen 1 und 2 und soll sie dabei unterstützen, den Schriftspracherwerb vielfältig und differenziert zu gestalten. Im Mittelpunkt stehen Aktivitäten rund um das Erlernen von Buchstaben und Laut-Buchstaben-Zuordnungen. Der Fokus liegt dabei auf der alphabetischen Phase, in der Kinder beginnen, Wörter über das Zusammenspiel von Lauten und Buchstaben zu erschliessen. Die Ideen fördern unter anderem das genaue Hinhören, das Zerlegen von Wörtern in Laute sowie das Zusammensetzen zu sinnvollen Einheiten. Ein zentrales Merkmal des IdeenSets ist die Vielfalt der Zugänge. Die einzelnen Angebote sprechen unterschiedliche Bereiche an – zum Beispiel das Hören, Sehen, Sprechen oder auch das Schreiben und Bewegen. Dadurch können Kinder auf verschiedenen Wegen lernen und ihre individuellen Stärken einbringen. Grossen Wert legen wir auf eine klare und übersichtliche Struktur. Lehrpersonen sollen sich schnell orientieren können und passende Ideen für ihre Unterrichtssituation finden. Gleichzeitig bleibt genügend Spielraum, um die Aktivitäten an die eigene Klasse anzupassen. Das IdeenSet versteht sich als Unterstützung für einen Unterricht, der die unterschiedlichen Voraussetzungen von Kindern ernst nimmt und bewusst auf Vielfalt eingeht. Ergänzende Hintergrundinformationen helfen dabei, die Ideen fachlich einzuordnen und reflektiert im Unterricht einzusetzen.
Pädagogik der Vielfalt nach Prengel
Aus heilpädagogischer Perspektive, laut Prengel (2015), ist es zentral, Lernangebote so zu gestalten, dass sie der Heterogenität der Lernenden gerecht werden und individuelle Zugänge zum Lernen ermöglichen. Eine solche differenzierende Unterrichtsgestaltung entspricht dem Ansatz einer Pädagogik der Vielfalt, welche Lernprozesse an unterschiedlichen Lernvoraussetzungen orientiert und allen Kindern Teilhabe am Unterricht ermöglicht (Prengel, 2015). Der multisensorische Zugang, der den Steckbriefen und insbesondere den Vierecken mit den Symbolen zugrunde liegt, wurde bei der Überarbeitung des IdeenSets übernommen. Ergänzende Hintergrundinformationen zu diesem multisensorischen Zugang inklusive der detaillierten Beschreibung des Logogen-Modells finden sich in den Hintergrundinformationen.
Literaturangaben: Prengel, Annedore (2015). Inklusive Bildung: Grundlagen, Praxis, offene Fragen. In: Häcker, Thomas; Walm, Maik (Hrsg.), Inklusion als Entwicklung. Konsequenzen für Schule und Unterricht (S. 27-46). Bad Heilbrunn: Verlag Julius Klinkhardt.
Theoretische Grundlagen
Theoretische Grundlagen zum Schriftspracherwerb
Der Schriftspracherwerb befasst sich mit dem Lesen- und Schreibenlernen. Es handelt sich dabei um einen Entwicklungsprozess, bei welchem Kinder verschiedene Phasen durchlaufen und sich mit unterschiedlichen Strategien auseinandersetzen. Folgende Phasen werden dabei unterschieden: Präliterale Vorläuferfertigkeiten, logographemische Phase, alphabetische Phase und orthographische Phase. Die verschiedenen Phasen können sich dabei überlappen und beeinflussen sich gegenseitig (Mayer, 2022, S. 24ff.). Das IdeenSet «Buchstaben ganzheitlich lehren und lernen» setzt vor allem bei der alphabetischen Phase an.
Eine wesentliche Rolle in der alphabetischen Phase und somit dem Schriftspracherwerb spielt die phonologische Bewusstheit. Dabei geht es um die Fähigkeit, den Fokus auf den Klang der Sprache zu richten und über gesprochene Sprache zu reflektieren (Mayer, 2022, S. 48ff.). Zentrale Inhalte der phonologischen Bewusstheit sind beispielsweise, dass Kinder Silben, Onset-Rime und Phoneme in Wörtern unterscheiden können. Beispielsweise: Aus wie vielen Silben besteht das Wort Rose, welcher Teil des Wortes reimt sich auf andere Wörter und wie würde das Wort in Robotersprache klingen. Dabei lernen die Kinder Wörter zu erkennen, diese zu zerlegen und wieder zusammenzuführen.
Die alphabetische Phase bezieht sich unter anderem auf das Erlernen der Buchstaben-Laut-Beziehungen (Phonem-Graphem-Korrespondenz), das phonologische Rekodieren (Erlesen von Pseudowörtern) und die lauttreue Verschriftlichung von Wörtern (Mayer, 2022, S. 31). Die Phonem-Graphem-Korrespondenz (PGK) meint dabei die Übersetzung von einem Laut in einen Buchstaben oder eine Buchstabenverbindung, was für das Schreiben relevant ist (Schilter, Schüpbach, Rindlisbacher und Till, 2023, S. 81ff.). Dabei geht es darum, dass Kinder Wörter lautgetreu aufschreiben können. Dafür müssen sie ein Wort in seine Einzellaute segmentieren (d.h. zerlegen) und jedem Laut einen entsprechenden Buchstaben zuordnen können (PGK).
Beim phonologischen Rekodieren (auch indirekter Leseweg genannt) geht es darum, dass Kinder Wörter auf der Grundlage der erlernten Graphem-Phonem-Korrespondenz (GPK) erlesen. Dabei werden die verschiedenen Grapheme in Laute umgewandelt und zu einer Lautfolge synthetisiert (Mayer, 2022, S. 31ff.). Das ist die Grundlage, damit Wörter erlesen werden können.
Multisensorischer Zugang beim Schriftspracherwerb
Das IdeenSet baut auf den oben beschriebenen theoretischen Grundlagen zum Schriftspracherwerb auf. Dabei ist wichtig zu verstehen, dass verschiedene Wahrnehmungsbereiche Einfluss auf den Schriftspracherwerb nehmen. Das Logogenmodell nach Patterson und Shewell (1987) versucht den Zusammenhang zwischen dem Schriftspracherwerb und den dabei beteiligten kognitiven Funktionen theoretisch zu erklären. Aus dem Modell gehen vier Zugänge hervor, welche für die Struktur des IdeenSets zentral sind: der auditive Zugang (Ohr), der visuelle Zugang (Auge), der graphomotorische Zugang (Schreiben) und die Sprachproduktion (kinästhetische Wahrnehmung und Motorik). Zudem zeigt das Modell auf, wie der Schriftspracherwerb durch verschiedene Beeinträchtigungen erschwert werden kann. Das Logogenmodell wird an dieser Stelle nur in seinen zentralen Punkten zur besseren Verständlichkeit der Organisation des IdeenSets dargestellt.
Der Schriftspracherwerb basiert auf einem Zusammenspiel verschiedener Fähigkeiten (sensorisch, motorisch und kognitiv). Dazu zählen insbesondere die auditive, visuelle und kinästhetische Wahrnehmung sowie Gedächtnisleistungen, motorische Fähigkeiten und Aufmerksamkeit (Knauf, 2006, S. 57). Um die Zusammenhänge besser zu verstehen, bietet das Logogenmodell (Patterson & Shewell, 1987) eine hilfreiche Grundlage. Wie unten auf der Abbildung dargestellt, geht das Modell davon aus, dass Lesen und Schreiben eigenständige Prozesse sind und sprachliche Leistungen aus mehreren Teilbereichen bestehen, die unabhängig voneinander funktionieren können. Im Modell werden dabei die auditive Verarbeitung, die mündliche Sprachproduktion, das Lesen und das Schreiben unterschieden (Stadie & Schröder, 2009, S. 16ff.). Sobald einzelne dieser Bereiche beeinträchtigt sind, kann sich dies direkt auf den Schriftspracherwerb und damit auch auf die Teilhabe am schulischen und gesellschaftlichen Leben auswirken (Schneider, 2012, S. 90).
Unterschiedliche Beeinträchtigungen beeinflussen den Schriftspracherwerb auf vielfältige Weise: visuelle und auditive Einschränkungen erschweren sowohl das Erkennen von Buchstaben als auch das Unterscheiden von Lauten (Stadie & Schröder, 2009, S. 29; Dutton, 2013, S. 22). Daher sind unterstützende Rahmenbedingungen wie eine gute Raumakustik und klare Kommunikation besonders wichtig (Zimmer, 2005, S. 86 ff.; Truckenbrodt & Leonhardt, 2015, S. 47). Sprachentwicklungsstörungen sowie auch graphomotorische Schwierigkeiten verlangsamen zusätzlich den Lernprozess und erfordern gezielte Förderung, da sie sehr eng mit dem Erlernen des Schreibens zusammenhängen (Keilmann et al., 2009, S. 147). Kognitive Beeinträchtigungen wirken sich schliesslich auf alle Bereiche aus und machen eine intensive, differenzierte und attraktive Unterstützung notwendig (Terfloth & Vesak, 2016, S. 8 ff.).
Ausführlichere Informationen rund um den Schriftspracherwerb und die damit zusammenhängenden Konzepte befinden sich in den Hintergrundinformationen.
Umsetzung im Unterricht
Das IdeenSet “Buchstaben ganzheitlich lehren und lernen” ist eine Ideensammlung für den Anfangsunterricht und kann ebenfalls für den späteren Förderunterricht (Regel- oder Sonderschule) eingesetzt werden. Die Sammlung kann im Rahmen eines Einzel-, Gruppen- oder Klassensettings genutzt werden. Das IdeenSet besteht aus verschiedenen Regelspielen und Apps. Zusätzlich wird dieses Angebot durch weitere Umsetzungsideen und unterstützende Materialien ergänzt. Für jedes Angebot liegt ein Steckbrief vor, welcher genauere Anweisungen zur Umsetzung beinhaltet. Dabei wird immer auf den Zugang (hören, sehen, sprechen, schreiben) verwiesen. Die Angebote sollen situativ und individuell auf die Kinder im Unterricht abgestimmt werden.
Die Ideensammlung kann zur Einführung der Buchstaben-Laut-Beziehungen (Phonem-Graphem-Korrespondenzen) oder zur Festigung der phonologischen Bewusstheit (mit Schriftbezug) benutzt werden. Eine sorgfältige Einführung wird angeraten, damit den Kindern anschliessend die selbständige Arbeit zum Üben und Festigen ermöglicht wird. Die Regelspiele können bei der Mediothek der PHBern ausgeliehen werden.
Quellen
Literatur
Dutton, Gordon N. (2013). CVI – Cerebral Visual Impairment. Zerebrale Visuelle Verarbeitungsstörungen bei Kindern und Jugendlichen – Aufsätze aus 10 Jahren. Würzburg: Edition Bentheim.
Keilmann, Annerose; Büttner, Claudia; Böhme, Gerhard (2009). Sprachentwicklungsstörungen. Interdisziplinäre Diagnostik und Therapie. Bern: Huber.
Knauf, Tassilo; Kormann, Petra; Umbach, Sandra (2006). Wahrnehmung, Wahrnehmungsstörungen und Wahrnehmungsförderung im Grundschulalter. Stuttgart: Kohlhammer GmbH.
Mayer, Andreas (2022). Gezielte Förderung bei Lese- und Rechtschreibstörungen. (4., überarbeitete Auflage). München: Ernst Reinhardt Verlag.
Patterson, K.E.; Shewell, C. (1987). Speak and spell. Dissociations and word-class effects. In M. Coltheart, G. Satori & R. Job (Eds.). The Cognitive Neuropsychology of Language. London: Lawrence Erlbaum.
Prengel, Annedore (2015). Inklusive Bildung: Grundlagen, Praxis, offene Fragen. In: Häcker, Thomas; Walm, Maik (Hrsg.), Inklusion als Entwicklung. Konsequenzen für Schule und Unterricht (S. 27-46). Bad Heilbrunn: Verlag Julius Klinkhardt.
Schilter, Margrith; Schüpbach, Renate; Rindlisbacher, Barbara & Till, Christoph (2023). Theoretische Grundlagen Schriftsprache. Grundlagenskript für die Lerngelegenheiten zu Schriftsprache am IHP. Unveröffentlichtes Skript. IHP PH Bern.
Schneider, Barbara.; Wehmeyer, Meike.; Grötzbach, Holger (2012). Aphasie – Wege aus dem Sprachdschungel. Springer: Heidelberg.
Stadie, Nicole.; Schröder, Astrid. (2009). Kognitiv orientierte Sprachtherapie - Methoden, Material und Evaluation für Aphasie, Dyslexie und Dysgraphie. Urban & Fischer: München.
Terfloth, Karin; Cesak, Henrike (2016). Lernende mit geistiger Behinderung im inklusiven Unterricht. Praxistipps für Lehrkräfte. München: Reinhardt.
Truckenbrodt, Tilly; Leonhardt, Annette (2015). Lernende mit Hörschädigung im inklusiven Unterricht. Praxistipps für Lehrkräfte. München: Reinhardt.
Zimmer, Renate (2005). Handbuch der Sinneswahrnehmung. Grundlagen einer ganzheitlichen Bildung und Erziehung (15. Aufl.). Freiburg in Breisgau: Herder.
Abbildungen
Titelbild: CC0 geralt, https://pixabay.com/de/illustrations/alphabet-abc-buchstabe-lernen-1219… (10. Mai 2026)
Abbildung Auge: CCO gdakaska, https://pixabay.com/de/vectors/augen-sicht-gesicht-clip-art-1540474/ (10. Mai 2026)
Abbildung Ohr: CCO OpenClipart-Vectors, https://pixabay.com/de/vectors/alphabet-wort-bilder-karosserie-1300502/ (10. Mai 2026)
Abbildung Mund: CCO OpenClipart-Vectors, https://pixabay.com/de/vectors/gesicht-mensch-mund-2026550/ (10. Mai 2026)
Abbildung Schreibhand: CCO Clker-Free-Vector-Images, https://pixabay.com/de/vectors/stift-hand-kalligraphie-kalligraph-27043/ (10. Mai 2026)