Didaktischer Kommentar

Familien auf der Flucht

Relevanz und Übersicht

Über 60 Millionen Menschen sind weltweit auf der Flucht. Tagtäglich wird in den Medien von Flüchtlingsströmen aus Afghanistan, Irak, Syrien, Somalia oder aus dem Südsudan berichtet. Im politischen Diskurs wird die Flüchtlingsthematik emotional diskutiert: rechts fürchtet man sich vor Überfremdung und Islamisierung, vor dem Verlust der Schweizerischen Identität; links wird an die historische Verantwortung der Schweiz, an unsere humanitäre Tradition und an unser Mitgefühl appelliert.

Im Vorliegenden IdeenSet soll nicht nur Wissen vermittelt werden. Vielmehr sollen anhand des Themenbereichs Flucht – Asyl – Integration interkulturelle Kompetenzen gefördert werden.

Analog zu den drei grossen Hürden “Flucht, Asyl und Integration“, welche Flüchtende zu bewältigen haben, ist auch dieses IdeenSet aufgebaut. Es bietet den Lernenden die Möglichkeit, sich ausserhalb von politischen Slogans differenziert mit dem Thema Flucht auseinander zu setzen. Aus welchen Gründen verlassen Menschen ihre Heimat? Welche Lebensgeschichten und Schicksale stecken hinter den namenlosen Gesichtern aus den Medien? Auf welchen Routen gelangen Menschen aus ihrer Heimat nach Europa? Im Themenbereich “Asyl“ finden sich vielseitige Materialien zu den Fragen “Wie geht die Schweiz/wie geht Europa mit den ankommenden Flüchtlingen um? Wie läuft ein Asylverfahren ab? Was geschieht bei einem negativen Asylentscheid?“. Der dritte Teil beinhaltet Unterrichtsvorschläge zum Thema Integration. Schülerinnen und Schüler lernen Integration als komplexen, multiperspektivischen Prozess kennen, sie gehen Vorurteilen gegenüber Asylsuchenden auf den Grund und lernen, mit welchen Schwierigkeiten “Andersartige“ beispielsweise in einem Bewerbungsprozess konfrontiert sind.

Zusätzlich zum Unterrichtsmaterial wird eine breite Palette an aktuellen Hintergrundinformationen präsentiert.

Vorstellungen und Vorkenntnisse

Aktuelle Literatur zu Vorstellungen, Vorkenntnissen und Wertehaltungen von Schweizer Jugendlichen gegenüber dem Thema Flucht und Asyl scheint nicht zu existieren. Von den im Folgenden präsentierten Ergebnissen deutscher Studien wird jedoch angenommen, dass sie teilweise auch auf die Situation in der Schweiz übertragbar sind. Dabei gilt es zu beachten dass 1. die Datenerhebungen der Studien allesamt im Zeithorizont der “europäischen Flüchtlingskrise“ von 2015 erfolgten, als das Thema einen medialen wie politischen Zenit erreicht hatte und dass 2. die Asylthematik in Deutschland durch Geschehnisse wie Bundeskanzlerin Merkels Willkommenskultur oder die Kölner Silvesternacht medial noch hitziger diskutiert wurde als in der Schweiz.

Nagel (2017:93) konkludiert, dass wir uns durch die Nähe zu globalen Konflikten, die durch die ankommenden Asylsuchenden repräsentiert werden, in einer Phase der gesellschaftlichen Repolitisierung befinden.7 Dieser Prozess sei jedoch nicht ausschliesslich eine Angelegenheit der Erwachsenen, seien doch auch Jugendliche, etwa durch Flüchtlingskinder in der Klasse, unmittelbar mit der Thematik konfrontiert. Entsprechend sei „das Thema Flucht und Asyl (…) im Relevanzsystem des Schülers vertreten und [werde] teilweise mit viel Eifer diskutiert“ (Vgl. Nagel 2017: 93).

Zu einem ähnlichen Verdikt kommt auch die Studie Wie ticken Jugendliche 2016: „Über alle demografischen Gruppen und Lebenswelten hinweg (also nicht nur in den bildungsnäheren Segmenten) sind die Jugendlichen an dem Thema Flüchtlinge interessiert“ (Calmbach et al. 2016: 436). In Bezug auf die Wertehaltungen der Jugendlichen wurden zwei Lager unterschieden: „Jene Jugendliche, die die weitere Aufnahme von Geflüchteten im Allgemeinen befürworten (die deutliche Mehrheit) und jene, die (mehr oder weniger rigoros) fordern, dass die Zuwanderung begrenzt wird bzw. Leistungen für Asylsuchende eingestellt werden“ (Calmbach et al. 2016: 436). Statistische Zahlen dazu erhob die Shell Jugendstudie 2015, welche herausfand, dass sich 29 Prozent der Jugendlichen vor Zuwanderung fürchten und sich 37 Prozent für eine Begrenzung der Zuwanderung nach Deutschland aussprechen. Zudem sei dieser Wert seit 2006 (58 Prozent) gesunken (Albert, Hurrelmann & Quenzel 2015).

Die Themen Flucht, Asyl und Integration haben also neben ihrer gesellschaftlichen- und gesellschafts-politischen Relevanz auch ihren Platz in der Lebenswelt von Jugendlichen.

Lerngegenstand und thematische Schwerpunkte

Analog zu den drei grossen Hürden “Flucht, Asyl und Integration“, welche Flüchtende zu bewältigen haben, ist auch das IdeenSet aufgebaut.

Abbildung 1: Themenstruktur IdeenSet Flucht & Asyl. Bill, Georg.
Abbildung 1: Themenstruktur IdeenSet Flucht & Asyl. Bill, Georg.

Ergänzend zu den kommentierten und didaktisch aufgearbeiteten Unterrichtsmaterialien bietet der Bereich “Hintergrundinformationen“ zu allen drei Themen Materia lien, welche der Lehrperson zur Erweiterung ihres Fachwissens dienen sollen und im Unterricht zur punktuellen Vertiefung von Teilthemen eingesetzt werden können.

Im Bereich Exkursionen finden sich Hinweise über aktuelle Ausstellungen sowie Veranstaltungen, welche Schulklassen Begegnungsräume mit Flüchtlingspersonen bieten. Die Schweizerische Flüchtlingshilfe bietet neben Begegnungstagen auch thematische Vertiefungen (z.B. zum Thema Integration).

Organisation und Beurteilung

Methodische Ausrichtung

Im Zentrum des vorliegenden IdeenSets steht das Lernen durch persönliches Erleben. In vielen der zusammengestellten Unterrichtseinheiten werden die Schülerinnen und Schüler angeleitet, sich durch Gedankenexperimente und Rollenspiele in die Situation von Geflüchteten einzufühlen. Diese überfachliche Kompetenz wird im Lehrplan 21 wie folgt formuliert: „Die Schülerinnen und Schüler können sich in die Lage einer anderen Person versetzen und sich darüber klar werden, was diese Person denkt und fühlt“. Solche Perspektivenwechsel führen einerseits zu mehr Toleranz, andererseits ermöglichen sie ein vertieftes Verständnis der Mechanismen, welche der Konstruktion von Selbst- und Fremdbildern zugrunde liegen. Durch den modularen Aufbau der Materialien wird der Lehrperson grosser Spielraum bei Aufbau und Umsetzung ihrer Unterrichtseinheit gelassen. Eine ausgezeichnete Umsetzungsmöglichkeit ist sicher-lich, die Einheit im Sinne einer Projektsequenz zu gestalten, an deren Höhepunkt ein geleiteter Begegnungstag mit Flüchtlingspersonen steht.

Organisation

Für die Behandlung des gesamten Themenbereichs werden mindestens 12 Lektionen empfohlen. Alle drei Teilthemen (Flucht, Asyl & Integration) können ausserdem gesondert behandelt werden.

Bei einigen Aufgaben müssen die Schülerinnen und Schüler auf dem Smartphone Videos schauen und Zeitungsartikel lesen. Dazu benötigen sie einen QR Code Reader und bringen am besten die eigenen Kopfhörer mit.

Für iPhones

Für Android-Geräte

Ansonsten wird nichts benötigt, was über die Standardeinrichtung eines modernen Klassenzimmers/ Schulhauses hinausgeht.

Einstieg

Im Folgenden werden zwei mögliche Einstiege ins Thema skizziert. Ausführlich dokumentierte Materialien dazu finden Sie jeweils unter den angegebenen Links.

  • Warum migrieren Menschen? Mit dieser Frage im Hinterkopf machen sich die Lernenden auf, ihre eigene Familiengeschichte zu erkunden und erkennen dabei, dass praktisch jede Familie eine Migrationsgeschichte hat und dass die “Beweggründe“ sehr vielfältig sind. Dieser Einstieg eignet sich als Vorbereitung für die Sequenz und sollte von den Schülerinnen und Schüler zuhause bearbeitet werden. Hier finden Sie Kopiervorlagen und einen Lehrerkommentar.
  • Was wäre wenn? Unter welchen Umständen würde ich flüchten? Was hiesse das für mich? Was müsste ich zurücklassen, was mitnehmen? Indem sich die Lernenden mit solchen Fragen auseinandersetzen, erhalten Sie eine konkrete Vorstellung von der Situation, in welcher sich Flüchtende in ihren Heimatländern befinden. Hier finden Sie die Unterrichtssequenz und die Materialien.

Beurteilung

Neben den “klassischen“ Beurteilungsmöglichkeiten in Form einer schriftlichen Prüfung bieten sich im vorliegenden Thema einige von den Lernenden kreierte Produkte zur Beurteilung an. Zum Beispiel:

  • Bewertung des Produkts vom Zukunftsplan “Überleben“. Beurteilungspunkte: Grad des Perspektivenwechsels/Eintauchtiefe // Kreativität der Umsetzung // Formale Qualität des Produkts
  • Als Nachbearbeitung eines Rollenspiels eine Reflektion schreiben.
  • Als Nachbearbeitung/Aufarbeitung des Begegnungstags: Portraits einer/s Geflüchteten erstellen und in Form einer Dokumentation/ eines Plakats/ eines Films umsetzen.

Weitere Hinweise

Lehrplanbezug

Räume, Zeiten, Gesellschaften (3. Zyklus, Lehrplan 21)

Die Schülerinnen und Schüler …

  • können aktuelle Bevölkerungsbewegungen erkennen, diese räumlich und zeitlich strukturieren sowie Gründe für Migration erklären. (RZG 2.1b)
  • können diskutieren, welche Auswirkungen Migration auf die betroffenen Personen und die Aufnahmegesellschaft hat. (RZG 2.1c)
  • können soziale Ungleichheiten beschreiben, deren Ursachen erklären und Lebensbedingungen in verschiedenen Lebensräumen bewerten. (RZG 2.2c)
  • können Auswirkungen von sozialen Ungleichheiten untersuchen, Massnahmen zu deren Verringerung beurteilen (z.B. Millenniumsziele, Entwicklungszusammenarbeit) und entsprechende eigene Ideen entwickeln. (RZG 2.2d)
  • können anhand vorgegebener Materialien Geschichten von Krieg betroffener Menschen aus den letzten 50 Jahren erzählen und diese in einen geschichtlichen Zusammenhang stellen. (RZG 6.3c)  
  • können Kinder- und Menschenrechte erläutern. (RZG 8.2a)
  • können die Bedeutung von Kinder- und Menschenrechten für den eigenen Alltag und die Schulgemeinschaft erkennen und einschätzen. (RZG 8.2c)

Lebenskunde – Ethik, Religionen, Gemeinschaft (alle Zyklen, Lehrplan 21)

Die Schülerinnen und Schüler …

  • können Medienbeiträge zu Aspekten von Religionen und Kulturen vergleichen, nach ihrem sachlichen Gehalt fragen sowie hinterfragen, wie Religionen und Kulturen in den Medien dargestellt werden. (ERG 3.1d)
  • können positive, ambivalente und negative Wirkungen von Religion einschätzen (z.B. soziale Netze, Integration, Meinungsbildung, Orientierung, Fundamentalismus). (ERG 3.2b)
  • können aktuelle Debatten auf religiöse bzw. weltanschauliche Standpunkte und diskriminierende Zuschreibungen untersuchen. (ERG 3.2d)
  • können Religionen und kulturelle Minderheiten mit ihren Anliegen nicht diskriminierend darstellen und verschiedene Auffassungen transparent wiedergeben. (ERG 4.4b)
  • können vereinnahmende Tendenzen - sowohl religiöser und weltanschaulicher Gruppen als auch des gesellschaftlichen Mainstreams - in religiösen und moralischen Fragen erkennen und aus unterschiedlichen Perspektiven betrachten. (ERG 4.4c)
  • können verschiedene Auslegungen innerhalb der Religionen erkennen, der Vielfalt von Überzeugungen und religiösen Traditionen sowie den Bemühungen um Toleranz, Integration und Verständigung respektvoll begegnen. (ERG 4.4d)
  • kennen Faktoren, die Diskriminierung und Übergriffe begünstigen und reflektieren ihr eigenes Verhalten. (ERG 5.2c)
  • können Menschen in verschiedenen Lebenslagen und Lebenswelten wahrnehmen sowie über Erfahrungen, Bedürfnisse und Werte nachdenken (z.B. berufliche, ökonomische und familiäre Situation; Krankheit, Behinderung, Asyl, Migration). (ERG 5.5a)
  • können Anteil nehmen, wie Menschen mit schweren Erfahrungen und Benachteiligungen umgehen, indem sie ihre Perspektive einnehmen (z.B. Verlust, Behinderung, Krankheit, Flucht, traumatische Erfahrungen). (ERG 5.5b)
  • können anhand von Beispielen Familiengeschichten in einen grösseren Zusammenhang einordnen und reflektieren, wie dies die Familienmitglieder geprägt hat (z.B. ökonomische Entwicklung, sozialer Wandel, Flucht, Migration, Erziehung, Rolle des Geschlechts, Generationen, Traditionen). (ERG 5.5c)
  • können Vorurteile, Stereotypen, Feindbilder und Befürchtungen auf ihre Ursachen hin analysieren (z.B. Medien, politische Interessen, eigene Erfahrungen). (ERG 5.5d)
  • können den gesellschaftlichen und politischen Umgang mit Andersdenkenden und Minderheiten diskutieren (z.B. Integration, Minoritäten, Nonkonformisten). (ERG 5.5e)

Geografie Grundlagenfach, (Sekundarstufe II, GYM1/GYM2, Lehrplan 2017)

Die Gymnasiastinnen und Gymnasiasten… 

  • setzen sich differenziert und offen mit anderen Gesellschaften und Kulturen auseinander.
  • überdenken eigene Wertvorstellungen und Verhaltensweisen.
  • verstehen globale Herausforderungen wie das Nord-Süd-Gefälle, die Migration oder den Klimawandel und erkennen damit verbundene globale, regionale und lokale Auswirkungen und Lösungsansätze.
  • hinterfragen Vorurteile und Stereotype.
  • reflektieren globale Verflechtungen in Politik, Wirtschaft, Kultur und Umwelt.

Geografie Ergänzungsfach, (Sekundarstufe II, GYM3/GYM4, Lehrplan 2017)

Die Schülerinnen und Schüler…

  • analysieren an Fallbeispielen soziale Strukturen und ihre Dynamik.
  • sind in der Lage, andere Kulturen durch einen Perspektivenwechsel besser zu verstehen.
  • können aktuelle Migrationsbewegungen im globalen Kontext einordnen und diskutieren Ansätze zur Integrationsförderung. Vorstellungen und Vorkenntnisse

 

 

Exkursionen

Das IdeenSet beinhaltet unterschiedliche Exkursionstipps, wobei auch Veranstaltungen von externen Organisationen an der eigenen Schule in dieser Sparte aufgeführt sind. Vor allem bei einer ausführlichen Behandlung des Themas empfiehlt es sich sehr, einen ausserschulischen Lernort mit einzuplanen. Angebote wie der Begegnungstag, organisiert von der Schweizerischen Flüchtlingshilfe, bieten den Lernenden die Möglichkeit, mit Direktbetroffenen in Kontakt zu kommen und sich auszutauschen.

 

Quellen

Literaturverzeichnis

Albert, H. &. (1. Oktober 2015). 17. Shell Jugendstudie. Abgerufen am 22. 02 2018 von 17. Shell Jugendstudie: http://tiny.cc/o6c2xy

Calmbach, M. e. (1. Februar 2016). Wie ticken Jugendliche 2016? (S. Verlag, Hrsg.) Abgerufen am 22. 02 2018 von Wie ticken Jugendliche 2016?: https://www.lmzbw.de/fileadmin/user_upload/Medienbildung_MCO/fileadmin/bibliothek/borchard_borgstedt_uvm_si nusstudie/wie_ticken_Jugendliche.pdf

Nagel, F. (2017). Der Einfluss der Postdemokratie auf das Schlüsselproblem „Flucht und Asyl“. Empirische Befunde und didaktische Überlegungen. In M. Görtler, M. Lotz, M. Partetzke, S. Poma Poma, & M. Winckler, Kritische politische Bildung: Standpunkte und Perspektiven (S. 84-95). Schwalbach/Ts.: Wochenschau Verlag.

Abbildungsverzeichnis

Titelbild: Syrian Refugees. A man carries a child as he waits in line to board a bus organized by the Austrian government in Hegyeshalom, Hungary. Freedom House. Online abrufbar, letzter Zugriff: 22.02.2018.

Abbildung 1: Themenstruktur IdeenSet Flucht & Asyl. Bill, Georg.