Didaktischer Kommentar

IdeenSet Volksmusik Titelbild

Relevanz und Übersicht

Volksmusik ist Teil des kulturellen Erbes der Schweiz und zugleich Ausdruck einer lebendigen Musikkultur. Sie ist mit Erinnerungen, regionalen Traditionen, Sprachen, Tänzen, Festen und gesellschaftlichen Vorstellungen verbunden. Gleichzeitig ist Volksmusik keine unveränderliche Grösse: Sie wird weitergegeben, neu interpretiert, medial inszeniert, kommerzialisiert und mit anderen musikalischen Stilen verbunden. Damit bietet das Thema zahlreiche Anknüpfungspunkte an die Lebenswelt von Lernenden.

Das IdeenSet Volksmusik eröffnet Lernenden der Zyklen 1 bis 3 unterschiedliche Zugänge zu diesem Themenfeld. Sie begegnen Volksmusik nicht nur hörend und handelnd durch Singen, Musizieren und Tanzen, sondern setzen sich auch forschend und reflektierend mit ihrer eigenen musikalischen Umwelt sowie mit Fragen von Tradition, Veränderung, Identität und «Swissness» auseinander. Dabei wird deutlich, dass musikalische Traditionen nicht einfach aus der Vergangenheit übernommen werden, sondern sich durch Menschen und gesellschaftliche Entwicklungen kontinuierlich verändern.

Die vier Lernarrangements greifen diese Perspektiven altersgerecht auf: Während im Zyklus 1 mit «Auf Spurensuche» persönliche und familiäre Zugänge im Zentrum stehen, führt die «Mit dem Klangrucksack unterwegs» im Zyklus 2 durch unterschiedliche Klangräume der Schweizer Volksmusik. Für den Zyklus 3 richten «Popularisierung» und «Coverversionen» den Blick auf mediale Inszenierungen, Vermarktung und musikalische Transformationen. Ein Besuch der Ausstellung «Volksmusik» im ALPS erweitert die Unterrichtsarbeit durch eine ausserschulische Begegnung mit dem Thema.

Ziel des IdeenSets ist es, Lernende dazu anzuregen, Volksmusik als vielfältige und wandelbare kulturelle Praxis wahrzunehmen. Sie sollen musikalische Merkmale erkennen und erleben, Bezüge zwischen Vergangenheit und Gegenwart herstellen sowie kritisch reflektieren, wie Musik Traditionen, Zugehörigkeiten und Vorstellungen von kultureller Identität mitprägt.

Wem gehört die Volksmusik?

Volksmusik kann Vertrautheit, Heimat und Gemeinschaft vermitteln. Diese Erfahrungen sind nicht grundsätzlich nationalistisch. Politisch problematisch werden sie dort, wo daraus ein ausschliesslicher Besitzanspruch entsteht: «Das ist unsere Kultur und nur bestimmte Menschen gehören dazu.»

Dabei sind nationale Identitätsbildung, parteipolitische Verwendung und rechtsextreme Propaganda zu unterscheiden. Nicht jede politische Nutzung ist rechtsextrem; entscheidend sind ihre Aussagen, Ziele und Folgen. Ebenso muss zwischen einem für einen ideologischen Zusammenhang geschaffenen Stück und der späteren Vereinnahmung bereits bestehender Musik unterschieden werden.

Ein Bild zur Verdeutlichung: Musik kann wie ein Lagerfeuer wirken: Sie wärmt und bringt Menschen zusammen. Entscheidend ist aber auch, welche Geschichten am Feuer erzählt werden, wer im Kreis willkommen ist und wer ausgeschlossen wird. Gemeinschaft ist nicht automatisch demokratisch.

Zur Handreichung für Lehrpersonen

Vorstellungen und Vorkenntnisse

Die Vorstellungen und Vorkenntnisse der Lernenden zum Thema Volksmusik dürften sehr unterschiedlich sein. Je nach familiärem, regionalem und kulturellem Hintergrund bringen sie eigene Erfahrungen mit Liedern, Tänzen, Instrumenten, Festen oder musikalischen Traditionen mit. Während einige Lernende möglicherweise regelmässig mit Volksmusik in Berührung kommen – etwa durch Familienmitglieder, Vereine, Feste oder die regionale Musikkultur –, ist das Thema für andere kaum Teil ihrer unmittelbaren Lebenswelt. Die Lernarrangements knüpfen deshalb bewusst an persönliche Erfahrungen und vorhandene musikalische Kenntnisse an und ermöglichen gleichzeitig neue Begegnungen mit unterschiedlichen Formen von Volksmusik.

Als Ausgangsvorstellung ist zu erwarten, dass «Schweizer Volksmusik» häufig mit wenigen besonders bekannten Klangbildern und Symbolen verbunden wird, etwa mit Schwyzerörgeli, Alphorn, Jodeln oder Ländlermusik. Diese Verkürzung entspricht einer verbreiteten öffentlichen Vorstellung, greift jedoch zu kurz: Volksmusik in der Schweiz umfasst unterschiedliche regionale, sprachliche und musikalische Traditionen und lässt sich nicht auf einen einheitlichen Stil reduzieren. Auch die wissenschaftliche Forschung verweist darauf, dass Vorstellungen von «typisch schweizerischer» Musik wesentlich durch gesellschaftliche, institutionelle und mediale Vermittlungsprozesse geprägt wurden.

Ein mögliches Fehlkonzept besteht zudem in der Annahme, Volksmusik sei ausschliesslich «alte» Musik aus einer vergangenen Zeit und werde heute lediglich bewahrt oder möglichst originalgetreu weitergegeben. Demgegenüber soll sichtbar werden, dass Traditionen stets verändert, angeeignet und neu interpretiert werden. Die Forschung zur «Neuen Volksmusik» zeigt beispielsweise, dass sich Musikerinnen und Musiker seit den 1990er-Jahren auf unterschiedliche Weise mit traditionellen musikalischen Formen auseinandersetzen und diese mit neuen Ausdrucksformen verbinden.

Eine weitere Gucklochperspektive kann darin bestehen, Volksmusik als etwas eindeutig «Schweizerisches» und kulturell Homogenes wahrzunehmen. Gerade die Auseinandersetzung mit «Swissness» ermöglicht es jedoch, danach zu fragen, wie Vorstellungen von nationaler und kultureller Identität durch Musik entstehen, vermittelt und auch bewusst inszeniert werden. Forschungen zur Schweizer Volksmusik im Radio und Fernsehen zeigen, dass bestimmte Klangbilder und Traditionen durch Medien und Institutionen mitgeprägt und teilweise zu Vorstellungen einer «Stimme der Schweiz» verdichtet wurden.

Die Lernarrangements greifen diese unterschiedlichen Voraussetzungen auf und erweitern die Perspektive schrittweise: von persönlichen und familiären Erfahrungen über das musikalische Erkunden verschiedener Klangräume bis hin zur kritischen Auseinandersetzung mit medialer Inszenierung, Popularisierung und musikalischer Veränderung. Ziel ist es, vorhandene Vorstellungen nicht einfach zu korrigieren, sondern sie hörend, musizierend, forschend und reflektierend zu erweitern und zu differenzieren.

Thematische Schwerpunkte

Das IdeenSet enthält 4 Lernarrangements.

Auf Spurensuche (Zyklus 1)

Die Lernenden begeben sich auf eine «Spurensuche» nach der Volksmusik ihrer eigenen Familie: Sie befragen Grosseltern oder andere Bezugspersonen zu Liedern, Instrumenten, Radiogewohnheiten und Festbräuchen von früher, lernen selbst Volkslieder, Kreistänze und einfache Instrumentalbegleitungen kennen und tauschen sich darüber aus, was gleich geblieben ist und was sich verändert hat. Als Syntheseprodukt entsteht ein eigenes, mit Bookcreator gestaltetes Bilderbuch zu einem gewählten Lied, das die Klasse abschliessend in einer Ausstellung vorstellt.

  • Hörkontrast – «Was hören wir?»
  • Erzählcafé – «Was unsere Grosseltern erzählen»
  • Liederheft – «Lieder, die schon unsere Grosseltern kannten»
  • Liederheft II – «Zusammen klingen»
  • Kreistänze – «Wie man früher tanzte»
  • Musizieren – «Wir begleiten unser Lied»
  • Produktion – «Unser Buch zur Spurensuche»
  • Mini-Ausstellung und Rückblick

Klangreise (Zyklus 2)

Die Lernenden reisen mit einem persönlichen Lernrucksack durch unterschiedliche Klangräume der Schweizer Volksmusik. Sie hören, singen, spielen, tanzen, vergleichen und sammeln musikalische Fundstücke. Dabei begegnen ihnen Instrumentalmusik und Volkstanz, Volkslieder mit örtlichen und historischen Geschichten sowie aktuelle Inszenierungen von «Swissness». Der Rucksack ist zugleich roter Faden, individuelles Portfolio und Reflexionsinstrument.

  • Wie klingt Volksmusik?
  • Musik in meiner Welt
  • Wo findet Volksmusik statt?
  • Musik-Instrumente der Volksmusik
  • Lieder erzählen eine Geschichte
  • Wie wird Musik "schweizerisch" präsentiert?
  • Wir machen eine "Stubete"

Coverversionen (Zyklus 3)

Die Lernenden setzen sich mit Coverversionen von Schweizer Volksliedern auseinander: Sie hören Original und Bearbeitung im Vergleich, lernen den Begriff «Coverversion» kennen, untersuchen musikalische Merkmale traditioneller Volksmusik (Instrumente, Stile, Tempo, Gesang) und recherchieren eigenständig weitere Original-Cover-Paare. Als Syntheseleistung entwickeln sie in Gruppen eine eigene Coverversion eines selbstgewählten Volksliedes, präsentieren diese der Klasse und reflektieren abschliessend die Leitfrage «Ist eine Coverversion noch Volksmusik – oder bereits etwas ganz Neues?».

  • Was ist eine Coverversion?
  • Volksmusik unter der Lupe
  • Eintauchen in das musikalische Erbe der Schweiz
  • Eigenes Cover erstellen
  • Präsentation und Reflexion

Popularisierung (Zyklus 3)

Die Lernenden untersuchen anhand kontrastierender Hörbeispiele, wie Schweizer Volksmusik durch Medien, Popkultur und Vermarktung verändert wird. Sie erarbeiten den Begriff «Swissness», beurteilen mediale Inszenierungen kriteriengeleitet und entwickeln als Syntheseprodukt eine begründete Playlist oder ein Konzertkonzept mit Flyer, QR-Code und Präsentation.

  • Hörkontrast – «Was ist hier passiert?»
  • Musik-Detektive – Forschungsauftrag in Rollen
  • Swissness – authentisch, inszeniert oder kommerziell?
  • Produktentwicklung Teil 1 – Konzept & Auswahl
  • Produktentwicklung Teil 2 – Flyer, QR-Code, Pitch
  • Präsentation, Peerfeedback und Reflexion

Aufgabenqualität und Lernprozess

Qualitätskriterien reichhaltiger Aufgaben

  • Kognitive Aktivierung: Mit einer Fragestellung oder einer Aufgabe Interesse wecken, neugierig machen, in die Aktivität kommen.
  • Lebensweltbezug: Die Lernenden berichten von ihren eigenen Erfahrungen und arbeiten mit Beispielen/Elementen (Liedern, Musikstilen, Tänzen...) aus ihrer Lebenswelt.
  • Differenzierung: Die verschiedenen Aufgaben können auf unterschiedlichen Niveaus gelöst werden.
  • Eigenständigkeit und Zusammenarbeit: In den Lektionen wird darauf Wert gelegt, dass die Lernenden sowohl ihre eigenen Ansichten ausdrücken können als auch wiederholt Wert auf Austausch und Zusammenarbeit unter den Lernenden gelegt wird.

Aufbau nach dem LUKAS-Lernprozessmodell

Das Lernarrangement folgt der Aufgabenlogik des LUKAS-Modells (Luthiger/Wilhelm/Wespi 2018, adaptiert für den Musikunterricht). Dieses Lernarrangement ist ein zusammenhängender Lernprozess. Jede Lektion baut auf der vorherigen auf und liefert Wissen oder Ergebnisse, die für die späteren Aufgaben notwendig sind.

Adaptiertes LUKAS-Modell für die Entwicklung von Lernarrangements im Musikunterricht, Antonia Giordano/Arne Müller, musik21.ch
Adaptiertes LUKAS-Modell für die Entwicklung von Lernarrangements im Musikunterricht, Antonia Giordano/Arne Müller, musik21.ch

Quellen

  • Titelbild: Lévy Loye
  • Die übrigen Bilder im IdeenSets wurden, wo nichts anderes erwähnt ist, mit KI generiert.