Didaktischer Kommentar

Lerngegenstand und Thematische Schwerpunkte

Wenn Jugendliche mit Bildern, Fragen und einem kleinen Schuss Zufall arbeiten dürfen, entstehen Lernideen der Zukunft, die überraschen, zum Schmunzeln bringen und ernsthaft weiterdenken lassen. Das im IdeenSet Zukünfte des Lernens vorgestellte Lernarrangement trägt den Namen Kaleidoskop des Lernens und ist für all diejenigen, die sich kreativ mit der Zukunft des Lernens auseinandersetzen und die Kompetenz der Futures Literacy kennenlernen, erkunden und fördern möchten. Das Kaleidoskop des Lernens lässt sich mit jeder Fachrichtung und jeder Schulstufe sinnvoll verbinden.

Das Kaleidoskop des Lernens fördert Futures Literacy: Zukunft wird nicht als „Thema zum Lernen“ behandelt, sondern als Perspektive, um im Hier und Jetzt Möglichkeiten sichtbar zu machen, zu reflektieren, zu diskutieren und daraus Handlungen abzuleiten. Futures Literacy wird dabei implizit durch den Ablauf des Formats unterstützt. 

Der Titel verweist auf die Kaleidoskop-Metapher: Wie in einem Kaleidoskop können sich Elemente immer wieder neu zusammensetzen. Lernende entwickeln – ausgehend von Inspirationen, Fragen und Rekombination – individuelle Zukunftsbilder des Lernens und machen diese als Kaleidoskop aus sieben selbst gestalteten Papier-Sechsecken sichtbar (sechs Rand-Sechsecke plus ein Favorit in der Mitte). 

Vorstellungen und Vorkenntnisse

Vorkenntnisse sind nicht nötig. Das IdeenSet führt Schritt für Schritt durch das Lernarrangement; jede Etappe wird durch Hörbuchsequenzen sowie durch Anleitungen für Teilnehmende und Leitungsperson klar gerahmt. 

Die Jugendlichen bringen vor allem ihre eigenen Lernerfahrungen, Werte und Bedürfnisse ein. In der Erprobung zeigte sich eine grosse Bandbreite an Zukunftsideen (z. B. Lernen in der Natur oder Werkstatt, unterwegs, im Sprachencafé, von Grosseltern, auf dem Bauernhof oder mit einem Chatbot). Das Format macht solche persönlichen Präferenzen sichtbar und regt zum Austausch an.

Methodische Ausrichtung

Das Lernarrangement ist handlungs- und austauschorientiert: Bildimpulse öffnen über Imagination den Raum für erste Ideen und Fragekarten bringen Erfahrungen, Werte und Bedürfnisse ins Spiel. Zentral ist die angeleitete Rekombination: Sechsecke werden verdeckt ausgelegt und zufällig gezogen. Aus anfänglicher Irritation („passt das zusammen?“) entstehen neue, oft überraschende und teilweise erstaunlich plausible Lernsituationen. So wird Kreativität gezielt durch Struktur und Zufall angeregt, ohne dass die Lernenden „ins Leere“ arbeiten. 

Zentral ist nicht die Belehrung über „Zukunft“ oder „Futures Literacy“ als Begriff, sondern die kompetenzbildende Praxis: Lernende erweitern ihren Möglichkeitsraum, indem sie Vorstellungen des Lernens erzeugen, variieren, diskutieren und in einem (Kunst-)Werk (persönliches Kaleidoskop aus Papier-Sechsecken) synthetisieren. Dieser Zugang passt zu einem handlungs- und erfahrungsorientierten Didaktikverständnis, in dem Lernen als Bedeutungskonstruktion in Auseinandersetzung mit Material, Sprache, Bildern und sozialen Resonanzen verstanden wird.


Didaktisch stützt sich das Format dabei auf drei sich ergänzende Bezugslinien:
1) Kunst- und Gestaltpädagogik bze. Ästhetische Bildung (Erfahrung, Gestaltung, Materialität, Mehrdeutigkeit)
2) Carl Rogers’ personzentrierte Facilitation (Lernklima, Autonomie, Selbststeuerung, Beziehung) und
3) Jack Mezirows Transformative Lerntheorie (kritische Reflexion, Re-Framing, neue Bedeutungsrahmen)

Verlauf

Der rote Faden: Hörbuch und Anleitung

Der Prozess wird über eine Rahmengeschichte geführt: Der Künstler Lior möchte ein Kaleidoskop bauen – nicht aus Spiegeln, sondern aus Ideen zur Zukunft des Lernens. Zu Beginn jeder Etappe wird ein Hörbuchteil abgespielt; er schafft Atmosphäre, baut einen Spannungsbogen auf und vermittelt den nächsten Auftrag. Ergänzend unterstützen eine Teilnehmenden-Anleitung sowie eine detaillierte Anleitung für die Leitungsperson das selbstständige Arbeiten.

 

Der Ablauf im Detail: Rahmengeschichte und fünf Etappen

Rahmengeschichte: Lior lädt die Lernenden ein, gemeinsam ein Kaleidoskop aus Ideen zu bauen, wie Lernen in Zukunft aussehen könnte. 

Etappe 1: Die Gruppen setzen ein Bildpuzzle zusammen und entwickeln daraus eigene Lernideen. Zwei Ideen werden skizzenhaft auf zwei farbigen Sechsecken festgehalten.

Etappe 2: Über Fragekarten werden Erfahrungen, Werte und Bedürfnisse zum Lernen aktiviert (z. B. was Lernen strahlen lässt, was blockiert, was motiviert). Zwei persönlich bedeutsame Antworten werden auf zwei Sechsecke geschrieben. 

Etappe 3: Die bisherigen Sechsecke werden verdeckt ausgelegt; drei werden zufällig gezogen und kombiniert. Aus dieser Rekombination entstehen neue, ungewohnte Lernsituationen. Zwei davon werden auf zwei weiteren Sechsecken festgehalten.

Etappe 4: Aus den sechs Sechsecken wird das persönliche Kaleidoskop zusammen gelegt; in die Mitte kommt ein siebtes Sechseck mit dem persönlichen Favoriten als Kernidee. 

Etappe 5: Im Plenum werden die Ideen vorgestellt und im Kaleidoskop-Walk werden die Ergebnisse genau betrachtet. Die Ideen können auch durch eine Ausstellung für Dritte sichtbar gemacht werden. 

 

Material

Für die Durchführung werden folgende Materialien benötigt (pro Klasse bzw. pro Gruppe):

  • Hörbuch / Audiosequenzen zur Rahmengeschichte (Künstler „Lior“) und zur Einleitung der fünf Etappen (Abspielmöglichkeit im Raum).
  • Anleitung für Teilnehmende (1 Blatt pro Lernende*r), damit Ablauf und Aufträge jederzeit nachvollziehbar bleiben.
  • Detaillierte Anleitung für die Leitungsperson (Moderationshinweise, Timing, Materiallogistik).
  • Sechseck-Vorlagen aus stabilem Papier für das persönliche Kaleidoskop: pro Lernende*r 7 Sechsecke (6 Rand-Sechsecke + 1 Mittel-Sechseck/Favorit)
  • Inspirationsbilder als Puzzle: pro Gruppe ein Bildset (in Teilstücke zerschnitten) als Einstieg in Etappe 1.
  • Fragekarten für Etappe 2 (Erfahrungen, Werte, Bedürfnisse zum Lernen).
  • Stifte/Marker (für Skizzen und gut lesbare Sätze), optional Klebepunkte zum Markieren von Favoriten im Walk.
  • Material für Ausstellung/Walk: Klebeband/Magneten/Pinnwand sowie ausreichend freie Wand- oder Tischfläche; optional Smartphone/Kamera zur Dokumentation.

 

Organisatorische Hinweise

Für den Zyklus 2 muss das Lernarrangement vereinfacht und angepasst werden.

  • Gruppengrösse: Bewährt haben sich 3–5 Lernende pro Gruppe (idealerweise 4), damit Puzzle, Austausch und Zufallsziehen flüssig funktionieren und jede Person dennoch zu Wort kommt.
  • Zeitbedarf: Je nach Vertiefung und Reflexion 3 bis 4 Einheiten (120 bis 150 Minuten). Bei knapper Zeit können Präsentationen und Reflexionen verkürzt werden. Bei mehr Zeit ist genaue dafür mehr Zeit. Auch kann dann eine Ausstellung gestaltet werden bzw. der Ausarbeitung der Hauptidee deutlich mehr Zeit gegeben werden. Hier sind der Kreativität keine Grenzen gesetzt und von Skulpturen bis Rollenspielen alles möglich.
  • Raum & Setting: Ein Raum mit Gruppentischen ist ideal. Für Etappe 5 braucht es eine Ausstellungsfläche (Wand, Pinnwand oder frei geräumte Tische), damit Kaleidoskope sichtbar ausgelegt und zu grösseren Flächen kombiniert werden können.
  • Ablaufsteuerung: Das Hörbuch strukturiert den Prozess. Es hilft, nach jeder Audiosequenz den Auftrag in 1–2 Sätzen zu wiederholen und eine klare Zeitvorgabe zu geben.
  • Qualität der Ergebnisse: In Etappe 1 steht schnelles Sichtbarmachen im Vordergrund (Skizzen genügen). In Etappe 2 sollten Antworten als ganze Sätze notiert werden, damit der Bezug zur Frage verständlich bleibt.
  • Umgang mit „Neuem“ in Etappe 3: Wenn die zufällige Kombination zunächst unpassend wirkt, lohnt sich eine kurze Anleitung: erst eine Mini-Geschichte finden („Was könnte das bedeuten?“), dann plausibilisieren („Wie könnte das wirklich gehen?“).
  • Dokumentation & Anschluss: Ein Foto der Ausstellung erleichtert, die Ergebnisse später erneut aufzugreifen und als gemeinsamen Möglichkeitsraum auch in späteren Unterrichtssequenzen weiterzuverwenden.

 

Lehrplanbezug

Das Kaleidoskop des Lernens knüpft an den Lehrplan 21 dort an, wo Lernende Zukunftsvorstellungen entwickeln und ausdrücken, Wünsche/Sehnsüchte sowie deren Umsetzbarkeit reflektieren und wo Unterricht konsequent an Erfahrungen und Vorwissen ansetzt. 

Bezug zu einleitenden Kapiteln

  • NMG – Didaktische Hinweise (Erfahrungen & Vorwissen als Ausgangspunkte; Alltagsbezug / Bedeutung für die Zukunft)
    Didaktische Hinweise
    Passung: Das Kaleidoskop startet bewusst bei eigenen Lernerfahrungen und Vorstellungen der Jugendlichen (Fragekarten) und macht daraus gemeinsam diskutierbare Zukunftsbilder, statt Zukunft „von aussen“ vorzugeben.
  • Grundlagen – Bildung für Nachhaltige Entwicklung (Zukunft gestalten)
    Bildungsziele für Nachhaltige Entwicklung
    Passung: Im Kaleidoskop wird „Zukunft“ als Gestaltungsraum erfahrbar: Lernende entwerfen Möglichkeiten, vergleichen sie im Austausch und wählen als Favorit eine Idee, die als Orientierung für weiteres Handeln dienen kann.
  • Grundlagen – Berufliche Orientierung (Auseinandersetzung mit der eigenen Zukunft)
    Modul: Berufliche Orientierung
    Passung: Das Format stärkt die Selbstperspektive: Lernende formulieren, was sie für motivierendes Lernen brauchen und welche Lernformen sie sich für ihre persönliche Zukunft wünschen – ein Kernmoment von Orientierung.

Kompetenzbezug

  • „… können Vorstellungen für ihre Zukunft entwickeln und davon erzählen …“
    NMG 1.1.e/2.1.e
    Passung: Lernende entwickeln im Prozess konkrete Zukunftsvorstellungen (Sechsecke) und erzählen/teilen diese im Kaleidoskop-Walk bzw. in der Ausstellung verständlich für andere.
  • „… können Träume und Sehnsüchte wahrnehmen, Vorstellungen ihrer Zukunft äussern und ihre Umsetzbarkeit reflektieren.“
    ERG 5.1.d

Passung: Das Kaleidoskop lässt zunächst auch „schräge“ oder sehr wünschenswerte Lernzukunftsbilder zu und führt dann über Rekombination, Auswahl und Begründung dazu, diese zu klären und hinsichtlich Plausibilität/Umsetzbarkeit zu bedenken.

Reflexion und Bewertung

Futures Literacy wird im Format implizit gestärkt, nicht explizit benannt. Die Reflexionen bleiben auf der Ebene des Erlebens und der Gestaltung - ohne Fachbegriffe. Für die Reflexion des Lernprozesses und für die Bewertung des Lernprozesses in der Klasse stehen hier zusammengefasst Dokumente zur Verfügung: 

  • Reflexionsfragen für die Lernenden zum Lernprozsess
  • Bewertungsraster für die Lehrperson
  • Selbsteinschätzungsbogen für die Lernenden

Dokumente Reflexion und Bewertung
 

 

Hintergrundinformationen und Quellen

Hintergrundinformationen und Literatur: Link

Einige Bilder in diesem IdeenSet sind KI-generiert. Diese werden explizit ausgewiesen. Die Idee, das Konzept, die Geschichte für das Hörbuch wurde durch uns entwickelt. Das Hörbuch wurde von einem professionellen Sprecher der Sprecher-Agentur eingesprochen.