Universal Design for Learning: Zu Besuch bei Jennifer Katz an der University of British Columbia

5. Oktober 2026, Katja Saxer (PHBern)

Besuch einer Delegation an der Faculty of Education

Wie verändert sich Hochschullehre, wenn die Vielfalt der Studierenden von Anfang an mitgedacht wird? Zum Abschluss unserer Studienreise besuchte ein Teil unserer Delegation die University of British Columbia (UBC) in Vancouver. Dort trafen wir Professor Jennifer Katz, Expertin für inklusive Bildung und Entwicklerin des Three-Block Model of Universal Design for Learning. Dr. Carly Christensen ist Assistant Professor of Teaching an der Faculty of Education. Ihre Arbeitsschwerpunkte liegen in Inclusive Education, Disability Justice und Teacher Education. Eine Studentin der Lehrpersonenausbildung brachte zusätzlich ihre Erfahrungen aus dem eigenen Studium und ihrer Praxis als angehende Lehrperson ein. 

Universal Design for Learning, kurz UDL, ist ein Ansatz zur Gestaltung von Lernumgebungen, der die Vielfalt der Lernenden von Anfang an berücksichtigt. Statt eine Lehrveranstaltung für eine vermeintlich homogene Gruppe zu planen und bei Bedarf nachträglich individuelle Anpassungen vorzunehmen, werden unterschiedliche Voraussetzungen bereits bei der Planung einbezogen. Damit verschiebt sich der Fokus von der nachträglichen Kompensation von Barrieren zu einer vorausschauenden Gestaltung, von der alle Studierenden profitieren. Individuelle Anpassungen können weiterhin notwendig sein, werden durch UDL jedoch seltener zur einzigen Voraussetzung für Teilhabe. Im Zentrum stehen drei Fragen: Wie können unterschiedliche Studierende Zugang zu den Lerninhalten erhalten? Wie können sie sich aktiv mit ihnen auseinandersetzen und sich am Lernen beteiligen? Und wie können sie auf unterschiedliche Weise zeigen, was sie verstanden haben und können? 

Jennifer Katz hat diese Grundgedanken im Three-Block Model weiterentwickelt. Die drei miteinander verbundenen Bereiche richten den Blick auf sozial-emotionales Lernen und Zugehörigkeit, inklusive Unterrichtsgestaltung sowie unterstützende Systeme und Strukturen. Lernen ist damit nicht nur eine Frage der Vermittlung von Inhalten. Auch die Erfahrung, Teil einer Lerngemeinschaft zu sein und sich als kompetent und lernfähig zu erleben, spielt eine wichtige Rolle. «How you teach influences how a student feels», brachte Katz diesen Zusammenhang auf den Punkt. 

Für die konkrete Gestaltung beginnt UDL bei den Kompetenzen: Was sollen Studierende am Ende verstehen und können? Davon ausgehend wird das Wie gestaltet. Inhalte können über unterschiedliche Modalitäten erschlossen werden, Studierende können allein und gemeinsam an Fragestellungen arbeiten. Als konkretes Beispiel nannte Katz kurze Input- oder Videosequenzen, die unmittelbar mit einer ebenso langen Phase des Anwendens, Diskutierens oder Reflektierens verbunden werden. Auch Prüfungen müssen nicht für alle dieselbe Form haben, sofern sie dieselben Kompetenzen erfassen. Die fachlichen Anforderungen bleiben bestehen; unterschiedlich sind die Zugänge und die Möglichkeiten, Kompetenzen sichtbar zu machen. Katz bezeichnete UDL deshalb als «less of a checklist»: Es geht nicht um möglichst viele Methoden, sondern darum, die Lernumgebung passend zu den Lernzielen und zur jeweiligen Gruppe zu gestalten. 

Dabei wird die Vielfalt innerhalb einer Lerngruppe selbst zur Ressource. Studierende bringen unterschiedliche Erfahrungen, Perspektiven und Stärken ein, erklären sich Inhalte gegenseitig, vergleichen Sichtweisen, argumentieren und entwickeln gemeinsam Lösungen. Engagement und kritisches Denken werden damit gezielt gefördert. In einer funktionierenden Lerngemeinschaft unterstützen sich die Studierenden zudem gegenseitig, sodass Lehre weniger durch permanente Instruktion und stärker durch Begleitung geprägt ist. 

Carly Christensen zeigte uns, wie sich dies in der Lehrpersonenausbildung auch mit grossen Studierendenkohorten umsetzen lässt. Alle angehenden Lehrpersonen besuchen einen obligatorischen Kurs zu inklusiver Bildung. Klare Strukturen, kleinere Lerngruppen innerhalb grosser Veranstaltungen, kooperative Lernformen und unterschiedliche Möglichkeiten der Auseinandersetzung schaffen auch dort Raum für aktives und gemeinsames Lernen. Teilweise begleiten Graduate Students die kleineren Gruppen und unterstützen deren Lernprozesse. 

Besonders anschaulich wurde die Bedeutung von UDL durch die Studentin. Sie berichtete, wie ihr unterschiedliche Lern- und Prüfungsformen ermöglichten, Stärken einzubringen und Kompetenzen zu zeigen, die in einer stark textbasierten Hochschullehre weniger sichtbar wurden. Als angehende Lehrperson nimmt sie diese Erfahrungen wiederum in ihre eigene Unterrichtspraxis mit. 

Das setzt voraus, dass auch Dozierende ihre Lehre entsprechend gestalten können. Damit UDL in der Hochschullehre ankommt, setzt die UBC auf Weiterbildung mit Begleitung. Im einjährigen UDL Fellow Programme gestalten Dozierende ihre eigenen Lehrveranstaltungen neu. Dabei kommen Personen aus verschiedenen Bereichen der Universität zusammen und lernen mit- und voneinander. 

Gerade darin liegt für die Lehrpersonenausbildung eine besondere Chance: Angehende Lehrpersonen lernen UDL nicht nur als didaktischen Ansatz kennen. Sie erleben im eigenen Studium, wie eine vielfältig gestaltete Lernumgebung das eigene Lernen beeinflusst, und können diese Erfahrung später für die Gestaltung ihres Unterrichts nutzen. Damit dies gelingt, braucht es neben theoretischem Wissen auch überzeugende Praxisbeispiele, eigene Erfahrungen mit unterschiedlichen Lernwegen und eine kontinuierliche Weiterbildung der Dozierenden. 

Mit diesem Besuch endet unsere Studienreise in Kanada. Wir reisen reich an Erfahrungen, konkreten Beispielen und neuen Fragen zurück nach Bern. Für die PHBern nehmen wir insbesondere einen Gedanken mit: Inklusive Bildung wird nicht nur darüber vermittelt, was wir lehren, sondern auch darüber, wie wir Hochschullehre, Lernumgebungen und Prüfungen selbst gestalten und wie wir Dozierende bei dieser Weiterentwicklung unterstützen.

 

Dieser Beitrag gibt die persönlichen Eindrücke der Verfassenden wieder. 

English

How does university teaching change when student diversity is considered from the outset? At the end of our study tour, part of our delegation visited the University of British Columbia (UBC) in Vancouver. There, we met Dr Jennifer Katz, Associate Professor and Dorothy Lam Chair in Inclusive Education, and developer of the Three-Block Model of Universal Design for Learning. We also spoke with Dr Carly Christensen, Assistant Professor of Teaching in the Faculty of Education, whose work focuses on inclusive education, disability justice and teacher education. A teacher candidate contributed her own perspectives as both a university student and a future teacher. 

Universal Design for Learning, or UDL, is an approach to designing learning environments that takes learner diversity into account from the outset. Rather than planning a course for a supposedly homogeneous group and adding individual accommodations only when a need arises, UDL incorporates different needs and circumstances into the initial design. This shifts the focus from removing barriers after they have emerged to creating an accessible learning environment proactively, for the benefit of all students. Individual accommodations may still be necessary, but UDL makes them less likely to be the only means of ensuring participation. 

Three questions are central to this approach: How can different students access the course content? How can they engage with it and participate actively in their learning? And how can they demonstrate their knowledge and skills in different ways? 

Jennifer Katz has developed these principles further through her Three-Block Model. Its three interconnected areas focus on social-emotional learning and belonging, inclusive instructional practice, and supportive systems and structures. Learning is therefore about more than communicating content. Feeling part of a learning community and experiencing oneself as a capable learner are equally important. Katz summarized this connection in one sentence: “How you teach influences how a student feels.” 

In practice, UDL begins with the intended learning outcomes: What should students understand and be able to do by the end of a course? The way in which learning is designed follows from these outcomes. Content can be accessed through different modalities, and students can explore questions independently and collaboratively. As a practical example, Katz described short input or video segments followed immediately by a period of similar length in which students apply, discuss or reflect on what they have learned. 

Assessments do not necessarily have to take the same form for every student, provided they assess the same competencies. Academic expectations remain consistent; what varies are the routes students can take and the ways in which they can demonstrate their learning. Katz therefore described UDL as “less of a checklist.” The aim is not to use as many methods as possible, but to design a learning environment that aligns with the intended outcomes and the needs of the particular group. 

In this approach, diversity within a learning group becomes a resource. Students contribute different experiences, perspectives and strengths. They explain concepts to one another, compare viewpoints, develop arguments and work together to find solutions. This actively promotes engagement and critical thinking. In a well-functioning learning community, students also support one another, allowing teaching to rely less on continuous instruction and more on guidance and facilitation. 

Carly Christensen demonstrated how these principles can be applied in teacher education, even with large student cohorts. All teacher candidates are required to take a course in inclusive education. Clear structures, smaller learning groups within large classes, collaborative learning and different ways of engaging with the content create space for active and shared learning. Graduate students also help facilitate some of the smaller groups and support their learning processes. 

The teacher candidate’s account illustrated the significance of UDL particularly clearly. She explained how different approaches to learning and assessment had enabled her to contribute her strengths and demonstrate competencies that were less visible in university courses dominated by text-based learning. As a future teacher, she will now carry these experiences into her own classroom practice.

For UDL to become embedded in higher education, instructors must also be supported in developing their teaching. UBC provides this support through professional learning. In the year-long UDL Fellows Program, instructors redesign their own courses while working with colleagues from different areas of the university. In this way, they learn both with and from one another. 

This presents a particular opportunity for teacher education. Teacher candidates do not encounter UDL only as a pedagogical concept; they experience directly how a diverse and flexible learning environment affects their own learning. They can later draw on this experience when designing their own teaching. Alongside theoretical knowledge, this requires compelling practical examples, first-hand experience of different pathways to learning, and ongoing professional development for instructors. 

Our visit to UBC marked the end of our study tour in Canada. We return to Bern with a wealth of experiences, practical examples and new questions. One insight is especially important for PHBern: inclusive education is conveyed not only through what we teach, but also through how we design university teaching, learning environments and assessments – and through how we support instructors in developing their practice. 

 

This article reflects the personal impressions of its authors.