Masterarbeiten mit Auszeichnung: mehr als nur Bestnoten

Wie fair beurteilen Lehrpersonen? Braucht es schweizerdeutsche Sprachtests? Und wie können Eltern möglichst früh und besser erreicht werden? Drei prämierte Masterarbeiten des Instituts für Heilpädagogik (IHP) greifen aktuelle Fragen aus dem Schulalltag auf – mit überraschenden Erkenntnissen.
NEWS —
Image
Stefanie Blatter (links), Lars Eckmann und Julia Vulović

Stefanie Blatter (links), Lars Eckmann und Julia Vulović 

Jedes Jahr entstehen an der PHBern Arbeiten, die wissenschaftlich fundiert und praxisnah die Bildungslandschaft bereichern. Im Mai wurden drei herausragende Masterarbeiten prämiert. 

Die Themen sind

  • Entwicklung eines schweizerdeutschen Kindersprachtests von Stefanie Blatter,
  • nationale Stereotype und ihre Auswirkungen auf die schulische Wahrnehmung in der Schweiz von Lars Eckmann und
  • Elternbildungsangebote in Bern Bümpliz von Julia Vulović . 

Wie die Themen entstanden

Stefanie Blatter wollte mit ihrer Masterarbeit mehr erreichen, als nur eine Pflichtarbeit zu schreiben. "Mir war wichtig, einen nachhaltigen Beitrag im heilpädagogischen Bereich zu leisten."

Bei Lars Eckmann dauerte die Themenwahl etwas länger. Schon seit dem Grundstudium interessierte er sich für migrationsbezogene Vor- und Nachteile sowie für Wahrnehmung im Unterricht. Erst durch viele Gespräche hat sich das Thema konkretisiert: nationale Stereotype und ihr Einfluss auf die Beurteilung durch Lehrpersonen.

Julia Vulović arbeitet als Schulische Heilpädagogin im Zyklus 1. Dort erlebt sie unterschiedliche Startbedingungen bei Kindern. Oft hängen diese mit dem familiären Umfeld zusammen. Deshalb untersuchte sie, wie Eltern Elternbildungsangebote vor dem Kindergarteneintritt wahrnehmen.

Berufliche Relevanz

Alle Themen sind stark praxisbezogen. Stefanie Blatters Arbeit hat grosse Bedeutung für den Schulalltag. Da Kinder in der Deutschschweiz erst im Kindergarten systematisch mit Standarddeutsch in Kontakt kommen, stellt sich die Frage, ob bestehende Sprachtests, welche alle in Standarddeutsch sind, geeignet sind. Passende Früherkennung ermöglicht gezielte Förderung und kann spätere Schwierigkeiten beim Lesen und Schreiben verhindern.

Auch Lars Eckmann erzählt: "In meiner letzten Klasse fühlten sich mehrere Kinder mit Migrationshintergrund benachteiligt. Das brachte mich dazu, genauer hinzuschauen." Als Schulischer Heilpädagoge ist es ihm wichtig, die eigene Wahrnehmung und mögliche Stereotype ständig zu reflektieren.

Julia Vulović betont ebenfalls die Bedeutung ihres Themas: "Wenn Eltern früh erreicht und unterstützt werden, kann dass die Chancen der Kinder nachhaltig verbessern."

Herausforderungen mit viel Effort gemeistert

Für ihre Masterarbeit musste Stefanie Blatter 100 Testwörter aus verschiedenen Schweizer Dialekten und aus dem Schriftdeutschen in Lautsprache transkribieren. Dafür nutzte sie das Internationale Phonetische Alphabet (IPA), da es keine passenden Programme für Schweizer Dialekte gibt. "Das war komplettes Neuland und brauchte viel Übung", erzählt sie.

Eine weitere Herausforderung war die fehlende Fachliteratur zu Schweizer Dialekten und Lautverteilungen. Zudem musste sie Studium, Arbeit und Privatleben vereinbaren. Das gelang ihr nur dank der Unterstützung von Familie und Freunden.

Auch Lars Eckmann empfand die Vereinbarkeit von Studium, Beruf und Familie als grösste Herausforderung. Mit zwei kleinen Kindern zu Hause musste er seine Zeit gut einteilen und Prioritäten setzen. Rückblickend war diese Zeit für ihn aber auch eine wichtige Lernerfahrung.

Auch für Julia Vulović war die Vereinbarkeit von Beruf und Masterarbeit anspruchsvoll. Dabei lernte sie, ihre Zeit gut zu strukturieren und bewusst Pausen einzuplanen.

Eine besondere Herausforderung war zudem, jene Eltern zu erreichen, die für die Fragestellung besonders wichtig sind – vor allem Familien aus sozial benachteiligten und kulturell vielfältigen Hintergründen. Deshalb gestaltete sie den Fragebogen bewusst barrierearm und setzte ihn direkt am Elternabend ein. Für die Interviews suchte sie den persönlichen Kontakt. Vertrauen aufzubauen war entscheidend, damit die Eltern offen über ihre Erfahrungen sprachen.

Verblüffende Erkenntnisse

Stefanie Blatter war überrascht, wie wenig Literatur zu Schweizer Dialekten existiert. Zudem fielen die Unterschiede in der Lautverteilung zwischen den Dialekten deutlich grösser aus als erwartet. Das könnte bedeuten, dass Schweizer Dialekte für Menschen mit Hörbeeinträchtigung unterschiedlich gut verständlich sind.

Lars Eckmann machte eine gegenteilige Erfahrung: Nach Berücksichtigung der Kontrollvariablen waren viele Unterschiede nicht mehr signifikant. Zunächst enttäuschte ihn das. Später wertete er es positiv: In seiner Untersuchung zeigte sich keine systematische Benachteiligung von Schülerinnen und Schülern mit Migrationshintergrund bei der Einschätzung der Lehrpersonen. Für ihn ist das ein ermutigendes Ergebnis.

Julia Vulović überraschte, wie unterschiedlich Eltern im selben Quartier Bildungsangebote wahrnehmen. Einige nutzen sie aktiv, andere kennen sie kaum oder erleben Hürden beim Zugang. Besonders wichtig seien persönliche Kontakte und Vertrauen, damit sich Eltern angesprochen fühlen.

Nachhaltige Learnings

Alle drei nehmen aus ihrer Masterarbeit wichtige Erkenntnisse für ihren Berufsalltag mit:

  • Stefanie Blatter nimmt fundiertes Wissen über Hörstörungen und deren Folgen für betroffene Kinder mit. Frühzeitige und zuverlässige Diagnostik ermöglicht es, Sprachauffälligkeiten rechtzeitig zu erkennen und gezielte Fördermassnahmen einzuleiten. Deshalb sollten schweizerdeutsche Kindersprachtests möglichst bald breit in der Praxis eingesetzt werden.
  • Lars Eckmann hält im Klassenzimmer immer wieder inne und fragt sich: Sehe ich die Situation wirklich so, wie sie ist, oder wird sie von meinen eigenen Erfahrungen und Werten geprägt? Auch der Austausch im Team ist wertvoll. Fragen wie "Wie hast du die Situation wahrgenommen?" helfen, die eigene Perspektive zu relativieren. Zudem bleibt die Frage zentral, wie Beurteilungen möglichst fair gestaltet und unbewusste Vorannahmen reduziert werden können. Dabei gewinnen alternative und weniger notenorientierte Beurteilungsformen an Bedeutung.
  • Julia Vulović nimmt für ihre Berufspraxis mit, dass sie als Schulische Heilpädagogin eine wichtige Brückenfunktion hat. Besonders wichtig ist ihr die Zusammenarbeit mit den Eltern. Sie möchte Eltern noch bewusster ansprechen, ihre Perspektiven ernst nehmen und den Austausch aktiv fördern.