Traditionelle Lehr- und Lernprozesse bereiten junge Menschen heute nicht mehr ausreichend auf das vor, was sie nach der Schule erwartet: eine Zukunft, die komplexer, digitaler und vernetzter ist als je zuvor. Deshalb braucht es eine zukunftsorientierte Weitergestaltung der schulischen Lernkultur.
Diese Einschätzung stammt von Hauptreferent Micha Pallesche, Schulleiter an der Ernst-Reuter-Schule in Karlsruhe. Er hat seine Schule bewusst geöffnet und zahlreiche ausserschulische Lernorte geschaffen. Im Interview zeigt er, wie veränderte Lehr- und Lernprozesse aussehen können und wie Schule als offener und partizipativer Ort gestaltet wird.
Was muss die Institution Schule heute loslassen, um Lernen neu zu ermöglichen?
Im Rahmen meiner Doktorarbeit habe ich eine Studie mit Lehrpersonen an sogenannten Best-Practice-Schulen durchgeführt. Dabei habe ich sie gefragt, was sie unter schulischer Transformation verstehen. Der meistgenannte Indikator war dabei die Entgrenzung. Lehrpersonen verstehen darunter das Öffnen von Zeit-, Ort- und Inhaltsstrukturen. Ich bin überzeugt, dass darin ein zentraler Schlüssel für gelingende Veränderungsprozesse liegt.
Wie verändert ein offener Lernraum das Lernen ganz konkret – für Schülerinnen und Schüler sowie für Lehrpersonen?
Lernräume lassen sich nicht einfach öffnen. Es braucht eine klare Struktur und gute Vorbereitung. Schülerinnen und Schüler müssen lernen, eigenständig zu arbeiten: Material zu organisieren und ihren Lernprozess zu steuern. Manche kommen damit gut zurecht, andere benötigen zusätzliche Unterstützung, um mit der neuen Freiheit sicher umzugehen.
Wichtig sind klare Zeiten für selbstständiges Arbeiten sowie definierte Flächen für diese Arbeitsformen. Für Lehrpersonen bedeutet dies ein grundlegendes Umdenken: Neben gemeinsamen Phasen im Klassenraum braucht es bewusst gestaltete Öffnungszeiten, in denen auch Flure, andere Räume oder ausserschulische Orte wie beispielsweise ein Gemeindehaus genutzt werden können.
Welche Rolle spielen Beziehungen für gelingende Lernräume?
Beziehungen sind das A und O für gemeinsames Arbeiten und Lernen. Sie schaffen Vertrauen. Wer sich an einem Ort wohlfühlt und tragfähige Beziehungen aufbauen kann, ist eher bereit, Leistung zu erbringen und nachhaltig zu lernen.
Lernräume entstehen auch im Kopf. Wie fördern Sie Eigenverantwortung im Lernen?
An unserer Schule arbeiten wir mit einem Coachingsystem. Jede Schülerin und jeder Schüler hat eine feste Lehrperson als Lernbegleitung. Alle zwei bis drei Wochen findet ein Coachinggespräch statt. Dabei wird der Lernprozess reflektiert: Was gelingt? Was gibt es für Schwierigkeiten? Was braucht es für den nächsten Schritt? Die vereinbarten Ziele werden dokumentiert und im nächsten Gespräch überprüft.
So gelingt es uns, Schülerinnen und Schüler schrittweise an Verantwortung für ihren eigenen Lernprozess heranzuführen. Auch die Motivationsforschung zeigt, dass selbst formulierte Ziele das Lernen deutlich fördern.
Welche kleine Massnahme kann jede Schule kurzfristig umsetzen?
Ein erster, sehr einfacher Schritt ist das bewusste Öffnen von Türen. Wenn nicht nur klassische Lernräume, sondern auch Flure, das Schulgelände oder das Quartier genutzt werden, öffnen sich gleichzeitig neue Denkräume.
Natürlich braucht es dafür Absprachen. Dennoch ist dies ein niederschwelliger und wirksamer Schritt. Lernorte zu öffnen bedeutet zudem, Menschen von ausserhalb der Schule einzuladen – oft einfacher als zunächst gedacht.
Was ist Ihre Empfehlung für Schulen, die mit dem Prozess "Lernräume neu denken" starten wollen?
Ich empfehle, Schülerinnen und Schüler zuerst zu fragen, was sie brauchen, um gut lernen zu können, und wo sie gerne lernen möchten.
Darauf aufbauend lassen sich gemeinsam Regeln, Orte und Zeiten festlegen, in denen anders und eigenständiger gelernt wird. Ein solches Vorgehen eignet sich gut für ein Pilotprojekt und kann später auf die ganze Schule ausgeweitet werden.
Wenn Sie einen Wunsch frei hätten: Welche Rahmenbedingung würde Schulen sofort helfen, mutiger zu werden?
Ich wünsche mir andere Formen von Abschlussprüfungen. Wenn Prüfungen nicht nur als individuelle Einzelleistungen, sondern auch als gemeinschaftliche Formate gedacht würden, hätte das grosse Auswirkungen. Schulen könnten neue Lernformate entwickeln, die andere Lernsettings ermöglichen – jenseits des klassischen Klassenzimmers.
Dies war ein kurzer Einblick in die kommende IF-Tagung. Sie bietet zudem:
• fundierte wissenschaftliche Impulse
• konkrete Praxisbeispiele
• vielfältige Workshops zum Thema "Lernräume"
• Raum für Austausch, Vernetzung und neue Perspektiven
• Anregungen zur Gestaltung eigener Lernräume – im Denken, im Körper und in der Umgebung
Die Varietäterinnen begleiten die Tagung mit einer theatralen Inszenierung, fassen die Inhalte auf ungewohnte Weise zusammen und gestalten das Unterhaltungsprogramm.
Seien Sie dabei, wenn die PHBern die Bildungszukunft gestaltet und neue Wege erprobt!