Acht Stimmen für gelebte Inklusion

Acht Menschen mit Behinderungen erwerben an der PHBern erstmals ein Diplom als Fachperson Inklusion (F-INK). Was bedeutet Inklusion für sie – und warum braucht diese mehr Stimmen? In Einzelinterviews zeigen die Teilnehmenden auf, welches Potenzial in echter Mitwirkung steckt und welche Perspektiven und Visionen sie für eine inklusive Zukunft entwickeln.

Ziel des Diplomlehrgangs an der PHBern ist, Menschen mit Behinderungen zu Expertinnen und Experten in eigener Sache zu qualifizieren und Inklusion an der Hochschule sowie in der Wirtschaft nachhaltig zu verankern. 

Nathalie Culmone: "Die Gesellschaft muss aufhören, uns Steine in den Weg zu legen."

Image
Nathalie Culmone. Sie hat lockiges Haar und eine Rote Brille

Nathalie Culmone: "Es gibt viele Lösungen, wie Menschen mit einer Behinderung arbeiten können."

Wieso wollen Sie eine Fachperson Inklusion werden?

Ich wollte schon lange eine Ausbildung im Personalbereich machen. Dies hat leider nicht geklappt. Als ich erfuhr, dass ich mich zur Fachperson Inklusion ausbilden lassen kann, habe ich mich sehr gefreut. Da ich selbst betroffen bin, interessiert mich das Thema besonders.

An der Ausbildung schätze ich vor allem den Austausch mit Dozierenden, Mitstudierenden sowie den angehenden Schulischen Heilpädagoginnen und Heilpädagogen.

Welches Thema interessiert Sie besonders?

Mich interessiert besonders, wie der Arbeitsmarkt sowie Weiterbildungsangebote inklusiv gestaltet werden können. Hier gibt es sehr viel Potenzial. Menschen mit Behinderung sollten ebenfalls eine Chance erhalten. Doch wie gelingt dies? Wie können Menschen mit Lernschwierigkeiten integriert werden? Das sind spannende Fragen. 

Ich finde es unfair, dass vielen Menschen der Zugang zu Weiterbildungen verwehrt wird. Der Arbeitsmarkt sollte für alle zugänglich sein. Mein Ziel ist es, dass die Privatwirtschaft erkennt, dass Menschen mit Behinderungen wertvolle Fähigkeiten haben und einen wichtigen Beitrag leisten können.

Was bedeutet Inklusion für Sie persönlich?

Das lateinische Wort includere bedeutet einschliessen. Für mich bedeutet Inklusion, dass alle Menschen in der Gesellschaft einen Platz einnehmen dürfen. Im Kern sind wir alle gleich, auch wenn wir verschieden sind. 

Früher hatte man Menschen mit Behinderung eingesperrt. Heute sind wir nur teilweise weiter, denn viele werden ausgegrenzt und diskriminiert.

Wie möchten Sie ihr Wissen nach der Ausbildung einsetzen?

Ich will das neue Wissen bei meinem jetzigen Arbeitgeber einbringen. Vielleicht auch in anderen Stiftungen sowie in Schulen.

Was wünschen Sie sich für Ihre berufliche Zukunft?

Ich wünsche mir, dass sich die Arbeitgebenden mehr öffnen und den Menschen mit IV-Rente eine Chance geben. Es sollte nicht entscheidend sein, welche Einschränkung ein Mensch hat – alle können etwas beitragen.  

Die Gesellschaft muss aufhören, ihnen Steine in den Weg zu legen, denn das bringt niemandem etwas. Es braucht mehr Offenheit.

Ich möchte darauf aufmerksam machen und Menschen sensibilisieren.

Moritz Grundmann: "Ich will Menschen, die man oft übersieht, eine Stimme geben."

Image
Porträtfoto von Moritz Grundmann

Für Moritz Grundmann war schnell klar: "Ich will eine Fachperson Inklusion werden! Der Austausch ist inspirierend, die Themen bewegen mich."

Wie finden Sie die Ausbildung an der PHBern?

Eine Ausbildung an der PHBern als Person mit Beeinträchtigung zu machen, ist etwas Besonderes. Spätestens nach der Info-Veranstaltung war für mich klar: Da will ich dabei sein.

Der Austausch ist inspirierend. Die Themen bewegen mich. Ich möchte Inklusion leben und zeigen, dass Gleichbehandlung möglich ist. Vielleicht nicht immer perfekt, aber immer öfter.

Welche Themen interessieren Sie besonders?

Mich begeistert die Vielfalt der Themen – Inklusion ist nur ein Teil davon. Besonders spannend fand ich die Frage: Was ist eigentlich normal? Jetzt weiss ich, es gibt verschiedene Normen.

Ich schätze es sehr, dass alles verständlich erklärt wird. Nachfragen ist immer willkommen. Es gibt auch kleine Pausen zwischendurch. Diese Pausen sind Gold wert. Sie helfen beim Durchatmen und Denken.

Warum braucht es Fachpersonen für Inklusion?

Inklusion heisst für mich: ein barrierefreies Miteinander – für alle. Die Schweiz ist noch nicht da, wo sie sein sollte. Darum will ich denen eine Stimme geben, die man oft übersieht. Nur, weil sie anders sind.

Was wünschen Sie sich für ihre berufliche Zukunft?

Ich möchte dazu beitragen, Veranstaltungen und Festivals barrierefrei zu gestalten. Auch Familien mit beeinträchtigten Kindern zu unterstützen, ist mir wichtig. Ausserdem möchte ich Jugendliche beim Einstieg ins Berufsleben begleiten.

Jonas Kallen: "Inklusion funktioniert – wenn man sie will"

Image
Jonas Kallen

Jonas Kallen: "Mein Ziel ist, mit Schulen und Lehrbetrieben ins Gespräch zu kommen und gemeinsam Lösungen zu finden, wie Inklusion in Ausbildung und Arbeitswelt wirklich gelingt."

Wieso finden Sie Inklusion wichtig?
Ich erlebe im Alltag immer wieder, wie schwer sich unsere Gesellschaft mit Inklusion tut – ob in der Schule oder bei der Arbeit. Wer anders ist, trifft auf unsichtbare Barrieren. Das bewegt mich. Ich möchte zeigen, dass es auch einfacher gehen kann, wenn man Offenheit zulässt.

Ein Beispiel: Im Job musste ich erklären, warum ich wegen meiner leichten Cerebralparese, also einer Einschränkung meiner motorischen Fähigkeiten, gewisse Dinge anders mache. Solche Situationen zeigen, wie wichtig Verständnis und Anpassung sind – von allen.

Die Diplomausbildung Fachperson Inklusion (F-INK) gibt mir die Chance, daran zu arbeiten und zu zeigen: Inklusion funktioniert – wenn man sie will.

Warum braucht es Fachpersonen für Inklusion? 
Inklusion heisst für mich: Teilhabe, dazugehören, mitreden, mitgestalten. Menschen mit Behinderung sollen ihre Meinung sagen dürfen – auch kritisch, auch unbequem.

Als Mensch mit Behinderung weiss ich, wie es ist, wenn das Verständnis fehlt. Deshalb setze ich mich dafür ein, dass wir einander mit Offenheit begegnen – ohne Vorurteile, dafür mit Respekt.

Was wünschen Sie sich für Ihre berufliche Zukunft?
Ich möchte dort wirken, wo Veränderung möglich ist – in Schulen und in der Wirtschaft. Junge Menschen sind die Zukunft und Betriebe spielen dabei eine Schlüsselrolle.

Mein Ziel ist, mit Schulen und Lehrbetrieben ins Gespräch zu kommen und gemeinsam Lösungen zu finden, wie Inklusion in Ausbildung und Arbeitswelt wirklich gelingt.

Gabriel Schaack gefällt ...

Image
Gabriel Schaack

Gabriel Schaack: "Bei F-INK finden Menschen mit und ohne Behinderungen gemeinsam Lösungen."

... an der Ausbildung F-INK:
Besonders neugierig bin ich auf den interdisziplinären Austausch mit den Studierenden ohne Behinderung. Mich interessiert, was sie für Erfahrungen haben und wie offen sie gegenüber Menschen mit Behinderungen sind. 

Wir hatten bereits einen Arbeitsauftrag gemeinsam mit Menschen ohne Behinderung. Es entstanden interessante Diskussionen und wir hatten eine gute Idee, welche sich im Alltag bewährt hat. Es ist schön zu sehen, dass Menschen mit und ohne Behinderung zusammen gute Lösungen erarbeiten können. Das macht mir Spass. 

Warum braucht es Fachpersonen für Inklusion?
Für mich heisst Inklusion: Staat und Institutionen müssen offener werden für Menschen mit Behinderung. Jeder Mensch hat das Recht auf Arbeit, Bildung und Teilhabe. Chancengleichheit ist etwas Tolles und bringt die Möglichkeit, sich nützlich zu machen. Mein Ziel ist es, andere zu ermutigen: Auch ohne Uniabschluss kann man etwas bewirken. Inklusion bedeutet, den Menschen zu sehen – mit all seinen Stärken und Möglichkeiten.

Was wünschen Sie sich für ihre berufliche Zukunft?
Ich möchte an Hochschulen und Institutionen erklären, dass Inklusion bedeutet, den Menschen mit all seinen Stärken und Möglichkeiten zu sehen – und wie dies gelingen kann. Mein Ziel ist, Menschen zu ermutigen, neue Wege zu gehen und Barrieren abzubauen. Andere Länder wie Dänemark machen es vor. Wichtig ist, Separation zu überwinden und gemeinsam weiterzudenken.