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Relevanz und Übersicht

Unterrichtsvorhaben im Bereich der Zwei- und Mehrsprachigkeit können Lernprozesse in ganz verschiedener Hinsicht initiieren und unterstützen. ELBE (Éveil aux langues – Language awareness – Begegnung mit Sprachen) ist ein sprachdidaktischer Ansatz, der Konzepte ausweist, die zur Sensibilisierung für eigene und andere Sprachen (und Dialekte) zu sprachlicher und interkultureller Bewusstheit führen. Im Zentrum stehen das Erforschen, Explorieren, Vergleichen und Entdecken von Sprachen und nicht der Spracherwerb. Zahlreiche Gründe sprechen für die Durchführung sprachsensibilisierender Aktivitäten im Schulalltag.

Sprachwissen

  • Sprachen und Dialekte jenseits der vier Landessprachen kennenlernen
  • Die eigenen Sprachen und ihre Dialekte verstehen
  • Unterschiede (auch hinsichtlich Schrift, Gestik, etc.); Beziehungen und die Geschichte der Sprachen erfahren
  • Sprachkompetenzen und Sprachlernfähigkeiten vorbereiten und ausbauen

Sprach(en)bewusstsein – language awareness, éveil aux langues

  • Sensibilisierung im Hören und Artikulieren
  • Bewusstsein gegenüber sprachlichen Möglichkeiten schärfen
  • Bewusstsein und das Interesse für die eigene(n) und andere Sprachen und Dialekte wecken
  • Awareness gegenüber der eigenen Sprache und ihrem Gebrauch initiieren

Beziehung zu sprachlichem Lernen

  • Motivation für das Erlernen der Unterrichts-, Fremd- und weiteren Sprachen unterstützen
  • Spass an Sprache(n), Freude an spannenden Aufgabenstellungen auslösen
  • Abbau von Ängsten und Vorurteilen gegenüber Fremdspracherwerb durch frühzeitiges  Kennenlernen ‹fremder› Sprachen im Rahmen von Sprachbegegnungsprojekten
  • Erlebnishorizonte eröffnen durch eine schülerInnenorientierte Vermittlung der verschiedenen Erstsprachen/Dialekten
  • Techniken des Sprachenlernens erfahren und erweitern
  • Methodenkompetenz im Sinne von Verständigungs-, Lern- und Erforschungs-Strategien vermitteln und selbstgesteuertes Arbeiten beim sprachlichen Lernen schulen

Implizit geförderte kognitive Haltungen und Strategien

  • Neugier, Forschungshaltung
  • Informationsbeschaffung und -verarbeitung
  • Entwicklung und Fertigkeiten der Beobachtung und Analyse von Sprache(n) und Kommunikation fördern

Soziale Kompetenzen

  • Kooperation, Interaktion und Interesse füreinander
  • Wertschätzung des u.U. versteckten Wissens von MitschülerInnen
  • Abbau von Vorurteilen, Wertungen
  • Förderung der Haltung, dass alle Sprachen und kulturelle Erfahrungen gleichwertig sind

Insbesondere für Kinder/Jugendliche mit Migrationsgeschichte

  • Stärkung der mehrsprachigen und multiliteralen Identität
  • Wertschätzende Haltung in einer mehrsprachigen Klasse/Schule für alle vorhandenen Sprachen und Dialekte zu fördern
  • Abbau von Folklorisierung und Exponierung sowie Aufbau gemeinschaftsorientierter Ressourcen für alle SchülerInnen

Sprachvergleiche und Sprachreflexion stellen kein zusätzliches Fach dar, sondern werden in bestehende Themenfelder integriert. Dieser Ansatz ermöglicht eine grundsätzliche Aufwertung der lebensweltlichen Mehrsprachigkeit und stellt einen wichtigen Beitrag zur Anerkennung der zusätzlichen Kompetenzen mehrsprachiger Kinder und Jugendlicher dar. So können Bedingungen geschaffen werden, um die Mehrsprachigkeit einer Klasse/ einer Schule als Ressource für alle zu nutzen.

Lernen durch Sprachenvielfalt
Das IdeenSet «Mehr Sprachen für alle» bietet konkrete Beispiele zur Integration unterschiedlicher Erstsprachen in die Regelstruktur. Die erprobten Unterrichtsprojekte sollen Klassen oder ganze Schulen motivieren, die lebensweltliche Sprachenvielfalt in Kooperation mit Lehrpersonen der HSK zu erfahren. Die im ersten und zweiten Zyklus erprobten Projekte illustrieren, dass diese Sprachförderung in den Fächern Deutsch, Fremdsprachen, Bildnerisches Gestalten, NMG oder aber fächerübergreifend durchgeführt werden kann. Diese good practice sind in entwicklungsorientierten Zugängen sowie überfachlichen Kompetenzbereichen verortet.

Mehrsprachige Lebenswelten als Ressource
Kernpunkt des IdeenSets bilden die vier Unterrichtsprojekte in vier Sprachen der Migration (Albanisch, Arabisch, Italienisch und Russisch). Die Übertragung auf weitere Sprachen oder der Transfer in andere Zyklen sind gegeben. SchülerInnen und ihre Lehrpersonen erhalten praxiserprobte und weiterführende Informationen zu möglichen Themenfeldern der Mehrsprachigkeit, wie sie im Lehrplan 21 explizit verortet sind. Die Unterrichtsprojekte eigenen sich für verschiedene Stufen und Zyklen und bieten mehrperspektivische Vertiefungsmöglichkeiten zu bestehenden Unterrichtsthemen.

Vorstellungen und Vorkenntnisse

Lernende haben bezüglich der Mehrsprachigkeit Vorkenntnisse. Für den Einstieg anerbietet sich die Sprachenblume (vgl. Einstieg bei der Unterrichtseinheit Arabisch und mehr) oder die Arbeit mit Sprachenportraits, um die vorhandene Sprachenvielfalt einer Klasse oder das eigene Sprachenlernen zu thematisieren und Vorstellungen und Vorkenntnisse zu aktivieren. Dafür eignen sich ebenso die verschiedenen Sprachenportfolios.

Lerngegenstand und thematische Schwerpunkte

Die Mehrsprachigkeitsprojekte unterstützen den Paradigmenwechsel von der Defizitzuschreibung hin zu einer wertschätzenden Anerkennung der vorhandenen Diversität. Das IdeenSet «Mehr Sprachen für alle» setzt genau an diesem Punkt ein und stellt innovatives Material zur Umsetzung dieser Ziele zur Verfügung. Die neue pädagogische Kooperation zwischen HSK- und Regellehrperson zielt auf das Potenzial der vorhandenen Mehrsprachigkeit und seine Nutzbarmachung für alle Lernenden. Die im Tandem erarbeiteten Unterrichtssequenzen sind modellhaft und zeigen einen in den Regelunterricht integrierten herkunftssprachlichen Unterricht.

Die Tandems führten ihre Mehrsprachigkeitsprojekte in den Fächern (Fremd-)Sprache, Bildnerisches Gestalten und Natur Mensch Gesellschaft durch. Als Zeitgefässe dienten sporadische Einzeltage, wöchentliche Doppelstunden während einem Quartal sowie Projektwochen.

Die Schwerpunkte können einzeln und unabhängig voneinander behandelt werden.

Albanisch und mehr...
1. Zyklus, KG

Das Radioprojekt baut auf dem Kompetenzbereich Hören auf.
Geräusche und Sprachmelodien bereiten auf das (gezielte, globale oder detaillierte) Hören von Wetterberichten in verschiedenen Sprachen vor.
Üben von mehrsprachigen Textproduktionen mit Hilfe von Scaffolding.
Durch die sporadische Präsenz einer HSK-Lehrperson im Regelunterricht erleben die Kinder Mehrsprachigkeit als Normalfall und erweitern beiläufig ihr Repertoire an mehrsprachigen Liedern und Versen. Transkulturelle Kommunikation wird erprobt.

«Ju gjithashtu mund të dëgjoni radio në shqip.»

Arabisch und mehr...
2. Zyklus
- Klassenprojekt
- Sprachprojekt der Gesamtschule

Das Nachdenken über die eigene und weitere Sprachen erweitert den regulären Sprachunterricht und lässt Lernende sensibler für Sprache werden. Es fördert das Interesse an sprachlicher Vielfalt, nicht nur gegenüber den gängigen, an der Schule vermittelten Fremdsprachen.
Mittels vergleichender Reflexionen über Sprache(n) und Sprachenlernen werden metasprachliche und metakognitive Fähigkeiten aufgebaut.
Entdecken von Gemeinsamkeiten und Unterschieden durch sammeln, ordnen und analysieren von Sprachen und Dialekten.
«أحب لغتي .»

Italienisch und mehr...
2. Zyklus

Entwicklung von sprachlichem Bewusstsein und Interesse an anderen Sprachen.
Sprachsensibilisierung und Vergleich in Bezug auf Phonetik, Schrift und Wortschatz.
Mit dem Ansatz der language awareness können verschiedene Sprachen und Dialekte in die Reflexion einbezogen werden.
Erfahrungen können auf weitere (Fremd-) Sprachen übertragen werden.

«Attraverso il gioco del nominare le varie parti del corpo nelle lingue che conoscono, i bambini acquistano la consapevolezza del loro bagaglio culturale-linguistico, scoprono le similitudini tra le lingue e imparano, divertendosi, che tutto è collegato come nel corpo umano.»

Russisch und mehr...
2. Zyklus
- Mesensk-Malerei
- Gedichte

Am Beispiel der Mesensk-Malerei erweitert die HSK-Lehrperson durch die Symbolsprache das Fach Bildnerisches Gestalten.
Durch den Miteinbezug von Dialekten und Erstsprachen der SchülerInnen wird das zusätzliche Wissen gewürdigt und die Reflexion über sprachliche Phänomene angeregt.

«Было это в одной деревеньке, на далёком русском севере...»

In den meisten Kantonen gibt es Kontaktpersonen und entsprechende Verzeichnisse, um eine geeignete HSK-Lehrperson für eine interkulturell geprägte Zusammenarbeit zu finden. Idealerweise sollte die Kooperation für alle Seiten ein Gewinn sein. Hier finden Sie HSK-Lehrpersonen im Kanton Bern.

Die aufbereiteten Materialien geben Anregungen für eine Mehrsprachigkeitsdidaktik und können in unterschiedlichen Zyklen und Fächern eingesetzt und nach eigenen Bedürfnissen adaptiert werden. Das IdeenSet verbindet digitales und analoges Lernen miteinander.

Organisation

Im HSK-Unterricht können mehrsprachig aufwachsende Kinder und Jugendliche die Kompetenzen in ihrer Erstsprache (Mutter-/ Vatersprache) und/oder Familiensprache(n) erweitern. Diese Erstsprachförderung, respektive der HSK-Unterricht ist kantonal geregelt (vgl. Lehrplan 21) und findet mit wenigen Ausnahmen ausserhalb des Stundenplans statt. Die Separation trifft Regellehrpersonen ebenso wie HSK-Lehrpersonen, die sich – wenn überhaupt – bisher höchstens zu organisatorischen Belangen ausgetauscht haben.
Einige Kantone kennen ein (Gesamt-)Sprachenkonzept, das die Erstsprachen von SchülerInnen berücksichtigt. Zudem existieren in etlichen Kantonen schulische Projekte und Modelle, die den HSK-Unterricht integrieren oder die Herkunftssprachen beispielsweise durch den Gebrauch von Sprachenportfolios oder durch Ansätze wie ELBE valorisieren. Die Broschüre Studien und Berichte gibt eine Übersicht über diese integrierte Sprachförderung.

Hinweis zum Sprachförderartikel, Kanton Bern
Im Kanton Bern können gemäss Artikel 9 der Direktionsverordnung über die Besonderen Massnahmen (BMDV) die Gemeinden mit BMV-Poollektionen integrationsfördernde, klassenübergreifende Projekte insbesondere zur Sprachförderung durchführen. Dieser Artikel wurde mit Absicht sehr offen formuliert, damit vieles möglich bleibt. Die notwendige Kompetenz für die Aussetzung bzw. den Einsatz der Lektionen und die Bewilligung eines in diesem IdeenSet umgesetzten Projekts liegt bei der Schulleitung; dafür braucht es keinen Bedarfsnachweis, keinen Antrag an das Amt für Kindergarten, Volksschule und Beratung (AKVB) der Kultur- und Bildungsdirektion oder des Schulinspektorats (SI).

Vorgehen: Für diesen Zweck aus dem Pool Verordnung über die besonderen Massnahmen im Kindergarten und in der Volksschule (BMV) separat ausgeschiedene oder zugewiesene Lektionen (individuelle Förderung, Logopädie, Deutsch als Zweitsprache DaZ, etc.) werden in einem definierten Projekt zugunsten von mehreren Klassen gemäss Art. 9 BMDV eingesetzt. Für mehrsprachig angelegte Projekte können auch HSK-Lehrpersonen beigezogen werden. Siehe Leitfaden für Deutsch als Zweitsprache, Seite 7

Weiterführende Hinweise

Wichtig für die Planung eigener Sequenzen und Projekte, sind die Hinweise, wie sie Basil Schader 2010 zusammengestellt hat: Mehrsprachigkeitsprojekte: Konkrete Beispiele für die Praxis

  • Gemeinschaftsorientierung beachten, Blossstellungen vermeiden
  • Keine falschen Rollenzuschreibungen, behutsame Erwartungen an Spezialwissen
  • Keine Überforderung; altersgerechte, reflektierte Fragen v. a. im sprachlichen Bereich
  • Einbezug der schweizerischen Dialekte
  • Adäquater Umgang mit Texten aus anderen Sprachen

Die pädagogische Kooperation mit HSK-Lehrpersonen ist in der Schweiz noch neu. Trotz vielversprechender Erfahrungen mit dem Format Tandem, muss die Zusammenarbeit zwischen diesen beiden Berufsgruppen behutsam angegangen werden. Die fremdsprachigen Lehrpersonen verfügen über unterschiedliche pädagogische und kulturelle Hintergründe und Erfahrungen (vgl. HSK-Leitfaden Kanton Bern und  EDK-Empfehlungen)

Das IdeenSet wurde in Zusammenarbeit mit den im Pilotprojekt mitarbeitenden fünf Tandems entwickelt. Das Forschungsprojekt «Mehr Sprache(n) für alle» wurde in den beiden Schuljahren 2018/19 und 2019/2020 vom Bundesamt für Kultur finanziell unterstützt und von der Bildungs- und Kulturdirektion empfohlen.