Didaktischer Kommentar

Relevanz und Übersicht

Bestimmt kennen Schülerinnen und Schüler aus ihrem eigenen Leben Handlungsabfolgen, die immer gleich oder ähnlich verlaufen. Sie begegnen ritualisierten Abläufen in der Familie, im erweiterten sozialen Umfeld, in der Schule oder bei Festanlässen. Diese strukturieren oftmals den Alltag und die Zeit, geben Halt und Stabilität, bauen Identität auf oder vermitteln Zugehörigkeit und Zusammenleben.

Ebenso kennen die meisten Religionen verschiedene ritualisierte Handlungen. So etwa in der Liturgie, in Form von Gebeten, Tanz und Gesang oder in Reinheitsgeboten. Zum Leben und Weitergeben einer Kultur oder Religion dienen Rituale und Bräuche als wichtige Trägerinnen. Für das menschliche Zusammenleben spielen Rituale seit jeher eine grosse Rolle.

Was aber macht ein Ritual genau aus? Was unterscheidet Rituale in den Religionen von ritualisierten Abläufen im Alltag? Ziel des IdeenSets ist, dass Schülerinnen und Schüler verschiedene Rituale kennen lernen und Kompetenzen in der Charakterisierung des Ritualbegriffs erwerben.

Vorstellungen und Vorkenntnisse

Die Schule und der Klassenverband sind geprägt von vielen kleineren oder grösseren wiederkehrenden Handlungsabläufen, sei dies etwa zur Begrüssung, bei einem Geburtstag oder einem Abschlussfest. Zur unterrichtlichen Erkundung von ritualisierten Übergängen im Alltag dürften sich demnach diverse Anknüpfungspunkte finden lassen.

Zu religiösen Ritualen ist das kindliche Vorwissen kaum erforscht (Helbling, 2018). Die Präkonzepte dazu dürften je nach Klassenzusammensetzung sehr divers ausfallen. Möglicherweise kennen einige Kinder bestimmte Rituale aus dem Religionsunterricht oder der Familie, sie haben selbst spezifische Rituale durchlaufen oder sie begegnen rituellen Phänomenen in Gesellschaft und Medien. Die lebensweltlichen Erfahrungen der Kinder sollen im Unterricht zu Ritualen einbezogen werden, jedoch sollten die Schülerinnen und Schüler nicht zu Expertinnen und Experten der eigenen Religion gemacht werden. 

Lerngegenstand

Definition Ritual

Die christliche Taufe, das muslimische Gebet, Bar und Bat Mizwa im Judentum, die buddhistische Meditation oder eine hinduistische Puja: Dass diese religiösen Handlungen als Rituale bezeichnet werden, ist anerkannt. Doch was macht ein Ritual aus?  Was unterscheidet ein Ritual von Gewohnheiten, Regeln und gemeinsamen Konventionen? Welchen Sinn haben Rituale? Was finden Menschen in Ritualen?

Ursprünglich nimmt der Ritualbegriff Bezug auf religiöse Abläufe, heute werden jedoch auch soziale Handlungen als Rituale charakterisiert (Bietenhard & Juska-Bacher, 2019). So werden im Alltag auch Gewohnheiten oder Ticks häufig als Rituale bezeichnet. Zwischen Ritualhandlungen und ritualisierten Alltags- oder Routinehandlungen, wie etwa dem Zähneputzen, dem Kaffeekochen oder der abendlichen Tasse Tee gibt es jedoch Unterschiede (Michaels, 2011).

Eine Definition des Begriffs «Ritual» ist gar nicht so einfach. Selbst in der Fachwelt gibt es teilweise Uneinigkeit und eine Vielzahl an Definitionen zum Ritualbegriff. Dennoch gibt es eine Reihe von Ritual-Eigenschaften, die eine weitgehende Zustimmung erhalten. Brosius et al. (2013), Dücker (2007) und Michaels (2011) nennen folgende – hier vereinfacht und zusammenfassend dargestellt – zentralen Merkmale eines Rituals:

  • Verkörperung: Der Körper ist ein Teil des Rituals. Er wird oft in veränderter Form eingesetzt, beispielsweise durch Bewegung und Gestik, durch das Anziehen von Schmuck oder besonderer Kleidung, durch eine spezielle Frisur oder gar durch Qual. Rituale sind in der Regel bewusst gestaltet und inszeniert. Es sind also zielgerichtet durchgeführte Handlungen mit einem bestimmten Zweck, auch wenn es unbewusste Anteile gibt, die wirksam sein können. Rituale enthalten oft etwas Feierliches, wie besondere Vorbereitungen oder Dekor des Raums oder Orts.
  • Förmlichkeit: Rituale bestehen hauptsächlich aus wiederholten und wiederholbaren Handlungen. Rituale sind aus mehreren Elementen zusammengesetzt und laufen nach bestimmten Regeln und in fester Reihenfolge ab, folgen also immer einer bestimmten Form. Die Handlungsmuster sind standardisiert, teilweise starr und stereotyp. Zur Durchführung des Rituals gibt es einen Beschluss. Deshalb haben sie oft einen klar signalisierten Beginn. Sie weisen meist eine Rahmung auf, indem sie zu besonderen Zeiten an bestimmten Orten stattfinden. Rituelle Handlungsprozesse werden aus entsprechendem Anlass oder zu bestimmtem Zeitpunkt immer wieder wiederholt.
  • Modalität (Überhöhung): Rituale haben Symbolcharakter. Es können Symbole oder Symbol-Gegenstände verwendet werden, wie zum Beispiel das Streuen von Reis bei einer Hochzeit oder der Chanukkaleuchter am Chanukkafest. Ritualhandlungen beziehen sich oft auf eine andere, meist höher bewertete Welt.
  • Transformation: Rituale sind häufig auf die Zukunft gerichtet und markieren nebst dem Ende eines bestimmten Abschnitts auch einen neuen Anfang. Es findet also ein Übergang statt. Beispielsweise wird nach der Initiation der Junge zum Erwachsenen, nach der Heirat die Frau oder der Mann zur Ehefrau oder zum Ehemann oder nach der Promotion die Studentin zur Doktorin. Rituale können also einen zeitlichen oder räumlichen Wechsel von Status oder Kompetenz bewirken.   
  • Rituale werden von einer gesellschaftlichen Gruppe – insbesondere im religiösen Kontext – geteilt und getragen. Sie gelten für die, die sie inszenieren. Rituale sind beständig und es sind sinnstiftende, lebendige Ereignisse, in denen sich eine Gemeinschaft stets neu findet. Rituale können sich demnach ständig verändern und anpassen. Rituelle Handlungsabläufe sind in kulturelle, historische oder regionale Kontexte eingebettet und erhalten von verschiedenen Akteuren unterschiedliche Bedeutungszuschreibungen.

Um einen Handlungsablauf als Ritual zu klassifizieren, können die oben ausgeführten Merkmale unterschiedlich ausgeprägt sein (Dücker, 2007). Auch Gewohnheiten oder Routinehandlungen kennzeichnen sich durch eine Vielzahl obiger Merkmale. Alltäglichen Gewohnheitshandlungen fehlt jedoch in der Regel das Symbolische. Beispielsweise wollen die meisten Menschen mit der täglichen Kaffeezubereitung nichts symbolisch zum Ausdruck bringen, sondern einfach eine Tasse Kaffee trinken. Anders ist dies beispielsweise bei einem Gebet, wo symbolisch Dankbarkeit ausgedrückt wird. Alltägliche Routinen enthalten den bewussten Anteil nicht oder weniger stark. Für das Gelingen eines «echten» Rituals, also die Einhaltung des Rahmens und der Regeln, braucht es jedoch fokussierte Aufmerksamkeit und eine absichtsvolle sowie bewusste Durchführung (Lacina, 2019). Routinen können beliebig unterbrochen, ausgetauscht, abgeändert oder einfach fallen gelassen werden (Lacina, 2019). Anders ist dies beim Ritual, das eine zu erfüllende Choreographie mit festgesetzten Zeiten und Handlungsabläufen hat (Lacina, 2019). Beispielsweise ist bei der jüdischen Chanukkafeier der richtige Zeitpunkt und die Reihenfolge des Entzündens der Kerze zentral (Lacina, 2019). 

«Echte» Rituale gibt es nicht nur in den Religionen, auch in Gesellschaft und Politik gibt es eine Vielzahl von Handlungsabläufen mit Ritualcharakter, dazu gehören beispielsweise ritualisierte historische Erinnerungen (Liessmann, 2019). Liessmann (2019) schlägt dazu eine Unterscheidung vor von Ritualen, die der Zeit entspringen – wie etwa Rituale zum Wechsel der Jahreszeiten, Erinnerungstage, Feste und Feiern, die an den Kalender gebunden sind – und Ritualen, die durchgeführt werden, wenn die Zeit gekommen ist – wie Initiationsriten, Krönungsfeierlichkeiten, Hochzeitsrituale, Geburts- und Sterberituale.

Rituale können also eine Rolle spielen im Tagesablauf (z.B. ein tägliches Tischritual), im Wochenablauf (z.B. der jüdische Wochenzyklus), im Jahreszyklus (z.B. verschiedene Feste), oder im Lebenslauf (z.B. Geburtsrituale). Zudem gibt es Rituale, die nur an bestimmte Orte gebunden sind, wie beispielsweise ein Gottesdienst, der in einer Kirche, Synagoge oder Moschee stattfindet.

Eine umfassende und gut verständliche Definition des Ritualbegriffs findet sich nebst den in Literaturverzeichnis aufgeführten Quellen im Online Lexikon für Psychologie und Pädagogik.  

Exkurs: Rituale in der Schule

In der Schule gibt es viele Abläufe, die stets auf die gleiche Art stattfinden. Ritualisierte Handlungen in der Schule können einerseits die Zeit und das Unterrichtsgeschehen strukturieren, Gemeinschaft und Vertrauen bilden, sowie Erinnerungen schaffen (Bietenhard & Juska-Bacher, 2019). Andererseits können sie auch vereinnahmen und individuelle Beiträge sowie aktive Partizipation unterdrücken (ebd.). Was wie von wem getan werden muss oder darf, ist von aussen vorgegeben. Rituale besitzen daher viel Macht, die sie auf den Einzelnen ausüben können (Brosius et al. 2013). Sie können ein- aber auch ausschliessen. Ein sorgfältiger Umgang mit Ritualen in der Schule ist deshalb wichtig. Rituale sollten veränderbar sein und für die Lernenden Raum für individuelle Gestaltungs- und Entwicklungsmöglichkeiten lassen.

Thematische Schwerpunkte

Aufbau IdeenSet

Einstieg

Der Einstieg beinhaltet zwei Explorationsaufgaben und eine erste Erarbeitungsaufgabe. Diese sensibilisieren die Schülerinnen und Schüler für ritualisierte Übergänge.

Nach dem Einstieg folgen die drei verschiedenen Erarbeitungs-Bausteine «Rituale der Religionen für Lebensübergänge», «Gebetsrituale der Religionen» und «Rituale in religiösen Gebäuden». Die Bausteine zeigen exemplarisch drei Bereiche, in denen Rituale stattfinden können, nämlich im Lebenszyklus, im Alltag bzw. Tagesablauf und an spezifischen Orten. Die Erarbeitungs-Bausteine haben immer einen Bezug zu den Explorationsaufgaben. Die drei Erarbeitungs-Bausteine sind modular aufgebaut, d.h. sie können bedarfsgerecht kombiniert oder weggelassen werden.

Rituale der Religionen für Lebensübergänge

Die Erarbeitungsaufgabe zu «Rituale der Religionen für Lebensübergänge» widmet sich rituellen Handlungen für Übergänge zwischen Lebensabschnitten. Der französische Ethnologe Arnold van Gennep hat für Übergänge zwischen zwei Lebensstadien das Konzept der rites de passage eingeführt, auf das hier jedoch nicht weiter eingegangen wird. Die Mehrzahl der Religionen kennt spezifische Rituale für zentrale Stationen, Wende- oder Höhepunkte im Leben. So sind den meisten Religionen Rituale zur Geburt, in der Zeit der Pubertät, zur Hochzeit und am Ende des Lebens gemeinsam. Entsprechend dem Lehrplan 21 sollen Schülerinnen und Schüler dazu Hintergrundwissen erschliessen. Je nach Alter der Schülerinnen und Schüler ist es sinnvoll, sich nur auf ein Übergangsritual in verschiedenen Religionen, wie beispielsweise «Geburtsrituale», zu konzentrieren.

Gebetsrituale in den Religionen

Die Erarbeitungsaufgabe zu «Gebetsrituale der Religionen» widmet sich einem religiösen Ritual, das teilweise mehrmals täglich ausgeübt wird und in der alltäglichen religiösen Praxis von gläubigen Menschen eine wichtige Rolle spielt.

Rituale in religiösen Gebäuden

Die Erarbeitungsaufgaben zu «Rituale in religiösen Gebäuen» befassen sich mit Ritualen, die in religiösen Gebäuden stattfinden. Der Schwerpunkt liegt hierbei auf Ritualen aus Judentum, Christentum und Islam. Natürlich ist es möglich, auch Rituale in hinduistischen oder buddhistischen Tempeln zu betrachten. 

Weiterführung und Abschluss

Die Unterrichtseinheit wird schliesslich mit der eigentlichen Definition des Ritualbegriffs weitergeführt und mit einer Anwendungs- und Übertragungsaufgabe abgeschlossen.

Lehrplanbezug

  • Die Schülerinnen und Schüler können religiöse Spuren in Umgebung und Alltag erkennen und erschliessen. (NMG.12.1
  • Die Schülerinnen und Schüler können religiöse Praxis im lebensweltlichen Kontext beschreiben. (NMG.12.3)
  • Die Schülerinnen und Schüler können sich in der Vielfalt religiöser Traditionen und Weltanschauungen orientieren und verschiedenen Überzeugungen respektvoll begegnen. (NMG.12.5)
  • Die Schülerinnen und Schüler können philosophische Fragen stellen und über sie nachdenken. (NMG.11.2)

Beurteilung

Für die summative Beurteilung kann die Lehrperson die entstandenen Produkte begutachten. Für die formative Beurteilung können laufend dokumentierte Lernspuren der Schülerinnen und Schüler herangezogen werden. Die Lehrperson erhält so Gelegenheit, den individuellen Lernprozess einzuschätzen und zu unterstützen.

Quellen

Literatur

Bietenhard, S. & Juska-Bacher, B. (2019): Ich mit Dir und Du mit uns. Beziehungen erleben und ausdrücken. Dossier 4 bis 8. Schulverlag plus.

Brosius, C.; Michael, A.; Schrode, P. (2013): Ritualforschung heute – ein Überblick. In Brosius, C.; Michael, A.; Schrode, P. (Hrsg.): Ritual und Ritualdynamik. Vandenhoeck & Ruprecht.

Dücker, B. (2007): Rituale. Formen – Funktionen – Geschichte. J.B. Metzler.

Helbling, D. (2018): Wie Kinder Religion und Religionen begegnen. In Adamina, M.; Kübler, M.; Kalcsics, K.; Bietenhard, S.; Engeli, E. (Hrsg.): „Wie ich mir das denke und vorstelle…“. Vorstellungen von Schülerinnen und Schülern zu Lerngegenständen des Sachunterrichts und des Fachbereichs Natur, Mensch, Gesellschaft. Julius Klinkhardt.

Lacina, K. (2019): Zur Inflation des Ritualbegriffs – Ritual als Routine und Resilienztraining. Kommentar zum Beitrag von Hans-Ernst Schiller. In Decker, O. & Türcke, C. (Hrsg.): Ritual. Kritische Theorie und Psychoanalytische Praxis. Psychosozial-Verlag. 

Liessmann, K. P. (2019): Die Kunst der Wiederholung und ihre Rituale. In Decker, O. & Türcke, C. (Hrsg.): Ritual. Kritische Theorie und Psychoanalytische Praxis. Psychosozial-Verlag. 

Michaels, A. (2011): Wozu Rituale? In Spektrum der Wissenschaft. Spezial. 1/2011: Rituale.

Ritual. In Online Lexikon für Psychologie und Pädagogik. https://lexikon.stangl.eu/18053/ritual/ (03. April 2020)

Abbildungen

Taufe: CCO keskieve, https://pixabay.com/de/photos/der-tau-der-priester-taufe-638110/ (14. Januar 2020)

Buddhistische Mönche: CCO truthseeker08, https://pixabay.com/de/photos/theravada-buddhismus-anf%C3%A4nger-1802873/ (14. Januar 2020)

Bar Mizwa: CCO OcelotsGriblit, https://pixabay.com/de/photos/mizwa-bar-mizwa-sw-j%C3%BCdische-1531490/ (14. Januar 2020)

Muslimischer Junge: CCO ambroo, https://pixabay.com/de/photos/kind-junge-muslimischen-essen-635811/ (14. Januar 2020)

Hinduistische Hochzeit: CCO mitulmodi1911 https://pixabay.com/de/photos/indian-ehe-zeremonie-braut-1475586/ (14. Januar 2020)

Turban Sikhismus: CCO Sanyma Bagha https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Sikh_Boy_wearing_Patka.jpg (14. Januar 2020)