Outdoor Education: Wenn der Fluss zum Lernraum wird

Während drei Tagen sind angehende Lehrpersonen der Sekundarstufe II im Sensegraben und am Gurnigel unterwegs. In der Lerngelegenheit Outdoor Education setzen sie sich mit der Frage auseinander, wie Erfahrungen in der Natur Lern- und Entwicklungsprozesse fördern können. Dabei stehen nicht Abenteuer, sondern die Gestaltung von Lernräumen ausserhalb des Klassenzimmers im Zentrum.
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Das Wasser reicht stellenweise bis zu den Knien. Einige Studierende tragen Sandalen, andere gehen barfuss, wobei sich Letzteres als grosse Herausforderung herausstellt. Wanderwege gibt es hier keine mehr. Über mehrere Kilometer bewegt sich die Gruppe durch das Bachbett, überquert den Fluss immer wieder und tastet sich gemeinsam voran.

Mit dieser Kontrasterfahrung beginnt die Lerngelegenheit Outdoor Education. Während drei Tagen sind angehende Lehrpersonen der Sekundarstufe II im Sensegraben und am Gurnigel unterwegs und setzen sich mit der Frage auseinander, welches Potenzial Natur- und Outdoor-Erlebnisse für Bildungsprozesse haben.

Für die Studentin Sarah Mathis war die Verbindung von Natur und Schule ausschlaggebend für die Wahl der Veranstaltung: "Für mich verbindet es zwei zentrale Interessensgebiete, nämlich das draussen unterwegs sein und gleichzeitig die Pädagogik."

Wenn Gewohntes plötzlich ungewohnt wird

Im Zentrum der Lerngelegenheit stehen sogenannte Kontrasterfahrungen. Die Studierenden verlassen bewusst gewohnte Abläufe und setzen sich mit Situationen auseinander, die im Alltag kaum vorkommen.

In einer hochgradig digitalisierten Welt gewinnt das Einfache wieder an Bedeutung.
Stefan Valkanover  -  Dozent, Institut Sekundarstufe II und Leiter Fachdidaktikzentrum

Erfahrungen ausserhalb des Gewohnten könnten Lernprozesse nachhaltig prägen und neue Perspektiven auf die Natur, die Gruppe und das eigene Handeln eröffnen, so der verantwortliche Dozent und Leiter Fachdidaktikzentrum Stefan Valkanover.

Während der drei Tage kochen die Studierenden gemeinsam über dem Feuer, bauen Unterkünfte aus Blachen und Seilen, beschäftigen sich mit Feuertechniken oder gestalten Kunstwerke aus Naturmaterialien. Neben dem Lernen von technischen Fertigkeiten geht es zentral auch um die Frage, wie solche Erfahrungen später mit Jugendlichen gestaltet werden können. Die Studierenden diskutieren regelmässig, welche Elemente sich auf den Unterricht oder auf Klassenlager übertragen lassen und wie Erlebnisse altersgerecht inszeniert werden können.

Wenn ein Apfel zur Metapher wird

Besonders in Erinnerung geblieben ist Sarah Mathis ein Moment vor der Solonacht. Als die Gruppe den Lagerplatz erreicht, stehen kleine Kochtöpfe im Kreis angeordnet, in jedem liegt ein Apfel und eine Mahlzeit für die Nacht. "Mich hat es berührt, wie schön es arrangiert war", erzählt sie. "Es war ein kleines magisches Detail, aber es hat sehr viel ausgemacht."

Der Kreis erhält während der Exkursion eine besondere Bedeutung. Er dient als Ort des Austauschs, der Reflexion und der gemeinsamen Planung. Rituale und bewusst gestaltete Situationen gehören zum pädagogischen Konzept. Sie sollen Erfahrungen verdichten und helfen, Erlebnisse einzuordnen.

Die zweite Nacht verbringen die Studierenden allein. Innerhalb eines festgelegten Bereichs richten sie sich einen Schlafplatz ein und verbringen die Nacht für sich. Am nächsten Morgen trifft sich die Gruppe wieder am Feuer. Die Erfahrungen werden geteilt, reflektiert und mit dem späteren Berufsalltag in Verbindung gebracht. 

Lernen bedeutet nicht immer Kontrolle

Nicht alles verläuft wie geplant. Nasses Holz erschwert das Feuermachen, Zeitpläne geraten unter Druck und die Erwartungen der Leitenden stimmen nicht immer mit jenen der Studierenden überein. Die Dozierenden entscheiden sich in solchen Situationen bewusst dagegen, sofort einzugreifen. "Bildungsprozesse können nicht immer bis ins letzte Detail geplant werden", sagt Stefan Valkanover. "Man muss Leerstellen aushalten können und akzeptieren, dass es vielleicht länger dauert."

Die Gruppe muss Lösungen finden, Aufgaben verteilen, Konflikte aushandeln und Verantwortung übernehmen. Für die Dozierenden gehören solche Leerstellen zum Lernprozess. Erst in der anschliessenden Reflexion wird sichtbar, weshalb bestimmte Situationen bewusst offengelassen wurden. Die Studierenden erfahren dabei, dass Unterricht und Lernen nicht immer vollständig steuerbar sind. Gerade für angehende Lehrpersonen gehört diese Erfahrung zur Professionalisierung.

Die Einfachheit des Alltags neu entdecken

Feuer machen, kochen oder eine regensichere Unterkunft bauen: Tätigkeiten, die im Alltag selbstverständlich erscheinen, werden im Naturraum plötzlich anspruchsvoll. Die Dozierenden möchten damit auch ein Bewusstsein für alltägliche und kulturelle Errungenschaften schaffen. Wer Wasser erhitzen, ein Feuer entfachen oder eine trockene Schlafmöglichkeit schaffen will, erlebt, wie aufwendig scheinbar einfache Dinge sein können. Zugleich spielt die Auseinandersetzung mit der Natur eine wichtige Rolle. Die Studierenden beschäftigen sich mit einem möglichst schonenden Umgang mit ihrer Umgebung und reflektieren Fragen der Nachhaltigkeit und der Bildung für Nachhaltige Entwicklung.

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Menschengruppe sitzt auf Lichtung

Erfahrungen für die spätere Berufspraxis

Die Lerngelegenheit versteht sich nicht als Anleitung für ein Klassenlager. Vielmehr erleben die Studierenden selbst, wie Lernräume ausserhalb des Klassenzimmers wirken und wie sich solche Erfahrungen später stufengerecht übertragen lassen. Valkanover betont, dass es nicht darum gehe, bestehende Konzepte zu kopieren. Vielmehr sollen die angehenden Lehrpersonen eigene Möglichkeiten entwickeln, um Schülerinnen und Schülern Erfahrungen ausserhalb des gewohnten Schulalltags zu ermöglichen.

Mathis möchte solche Erfahrungen später selbst weitergeben: "Die Natur hat an sich eine gewisse Bildungswirkung, es kommt aber sehr stark auf die Inszenierung an, ob ein Outdoor-Erlebnis schliesslich lernwirksam wird." Sie ist überzeugt, dass Lernen ausserhalb des Klassenzimmers neue Perspektiven eröffnet: "Es ermöglicht, Dinge viel fundamentaler und näher zu erleben als im Schulzimmersetting, wo vieles sehr geordnet abläuft."

Am Ende der drei Tage bleibt für die angehende Sekundarstufe-II-Lehrerin vor allem eine Erkenntnis: "Ich habe gelernt, dass Outdoor-Erlebnisse Eindrücke schaffen können, die Spass machen, den Horizont erweitern und nachhaltig im Gedächtnis bleiben."

Ausserschulische Lernorte

Lerngelegenheiten ausserhalb des Klassenzimmers sind mehr als nur ein Tapetenwechsel: Sie eröffnen vielfältige Möglichkeiten für vertieftes, erfahrungsbasiertes Lernen. Das Fachdidaktikzentrum der PHBern setzt sich unter anderem mit der Frage auseinander, wie ausserschulische Lernorte fachdidaktisch fundiert geplant, begleitet und nachhaltig wirksam gestaltet werden können.

Passende Weiterbildungen zu ausserschulischen Lernorten sind in der Weiterbildungssuche der PHBern zu finden.