PHBern-Forschung: Literatur fördert die soziale Kompetenz von Kindern

Wer literarische Texte liest, kann Gefühle besser erkennen – und seine Urteilsfähigkeit entwickeln. Zu diesem Schluss kommt SKiLL, eine Studie der PHBern. Sie basiert auf Untersuchungen mit 700 Primarschulkindern der 4. und 5. Klasse sowie 50 Lehrpersonen. Im Interview mit dem "Bund" erzählt Luciano Gasser mehr über seine Forschungsergebnisse.
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Luciano Gasser leitet das Schwerpunktprogramm Lernen und Entwicklung im Schulkontext am Institut für Forschung, Entwicklung und Evaluation (IFE). 

SKiLL: Hinter diesen fünf Buchstaben steht ein Förderprogramm der PHBern. Es unterstützt Lehrpersonen dabei, soziale und sprachliche Kompetenzen bei Schülerinnen und Schülern der 4. und 5. Klasse über Kinderliteratur zu fördern. Und hinter SKiLL steht auch Luciano Gasser, Leiter Schwerpunktprogramm Lernen und Entwicklung im Schulkontext am Institut für Forschung, Entwicklung und Evaluation (IFE). Er hat herausgefunden, dass die Lektüre literarischer Texte hilft, Gefühle besser zu erkennen – und seine Urteilsfähigkeit zu entwickeln. 

"Bei anspruchsvoller Literatur – also Texten mit komplexen Figuren, Mehrdeutigkeiten, Widersprüchen, Lücken oder einem offenen Ende – werden die Lesenden stärker aktiv und kreativ, versuchen herauszufinden, was eine Figur denkt und fühlt oder wieso sie so handelt", erklärt der Forscher in der Berner Tageszeitung "Der Bund". Bei Trivialliteratur seien sie hingegen weniger aktiv. "Da braucht es die Fähigkeit, verschiedene Perspektiven einzunehmen oder Brüche nachzuvollziehen, weniger."

Lesen, aber dann auch reden

Zudem zeigt die Studie, dass die positive Wirkung noch grösser ist, wenn ein literarisches Gespräch hinzukommt – wenn die Kinder also ein Gegenüber haben, um über das Gelesene zu sprechen. Sei es in der Familie beim Vorlesen oder eben in der Schule mit Lehrpersonen und Gleichaltrigen. "Was man bisher unterschätzt hat: Literatur ist aufgrund der komplexen Situationen, die sie schildert, ein wunderbarer Anlass, um wirklich miteinander ins Gespräch zu kommen", sagt Luciano Gasser. "Bei unserem Projekt lernten die Kinder darum vorab, gut miteinander zu diskutieren: einander zuzuhören, nicht einfach Behauptungen aufzustellen, Begründungen zu liefern und diese am Text zu belegen."

Die Schülerinnen und Schüler in den untersuchten 4. und 5. Klassen hätten viel mehr eigene Fragen gestellt, bessere Argumente für ihre Antworten geliefert und sich gegenseitig respektvoll herausgefordert. Es sei jedoch nicht das Ziel gewesen, den Kindern eine Moral zu vermitteln. Denn das Potenzial literarischer Texte in der Schule bestehe weniger darin, Botschaften oder starre moralische Werte weiterzugeben, als darin, die Urteilsfähigkeit auszubilden. "Wir müssen die Leseroutine und den mündlichen Austausch über das Gelesene stärken – damit die Kinder lernen, eigene Meinungen zu artikulieren, zu begründen und anderen zuzuhören", folgert Gasser.