Die eine Schülerin weiss schon genau, dass ihre Leistungen für die Gymerempfehlung reichen werden. Ein anderer Jugendlicher entdeckt seine Stärken erst während der vierten Schnupperlehre. Manche organisieren Bewerbungen selbstständig, andere brauchen Unterstützung, um überhaupt den nächsten Schritt zu finden. Diese Heterogenität fordert von Lehrpersonen viel Professionalität und Einfühlungsvermögen in der Berufswahlbegleitung.
Berufliche Orientierung funktioniert nicht nach einem festen Fahrplan
Der Berufswahlprozess ist eng mit der persönlichen Entwicklung der Jugendlichen verbunden. Gerade in der Oberstufe setzen sie sich nicht nur mit möglichen Berufen auseinander, sondern auch mit sich selbst, ihren Interessen und ihren Fähigkeiten.
Margret Scherrer, Dozentin im CAS Berufliche Orientierung begleiten und langjährige Lehrperson im Zyklus 3, betont, dass der Berufswahlprozess die gesamte Oberstufenzeit prägt. Diese Phase falle mit der Adoleszenz zusammen – also mit dem Übergang von der Kindheit ins Erwachsenenalter und damit auch in ein zunehmend selbstgesteuertes und selbstverantwortetes Leben. Entsprechend unterschiedlich seien die Jugendlichen unterwegs: "Einige haben klare, realistische oder weniger realistische Vorstellungen, andere noch keine Idee."
Dass Vorstellungen sich verändern, gehört für sie ausdrücklich dazu. Jugendliche sollen verschiedene Möglichkeiten prüfen, wieder verwerfen und neue Optionen in Betracht ziehen.
Wirksam individuell begleiten
Auch die Lehrperson muss nicht für jede Schülerin und jeden Schüler im Voraus wissen, was gerade nötig ist. Scherrer verweist vielmehr auf regelmässige Coachinggespräche, in denen der aktuelle Stand und die nächsten Schritte gemeinsam sichtbar werden. Evelyne Borer, Studienleiterin CAS Berufliche Orientierung, ergänzt, dass Lehrmittel unterschiedliche Zugänge eröffnen können, die über rein kognitive Aufgaben hinausgehen. Im Gespräch über die dabei gewonnenen Erkenntnisse erhalte die Lehrperson Einblick in die individuelle Situation der Jugendlichen.
Wie aber gelingt individuelle Begleitung, wenn gleichzeitig eine ganze Klasse unterstützt werden muss? "Berufliche Orientierung ist ein sehr individueller Prozess. Die Schülerinnen und Schüler müssen hier eine sehr aktive Rolle einnehmen. Dies ist die Grundhaltung des Unterrichts. Die Aufgabensettings aus dem BO-Unterricht führen dazu, dass Lernende über eine längere Zeit selbstständig vertieft arbeiten. Diese Zeit kann die Lehrperson nutzen, um mit einzelnen Schülerinnen und Schülern vertiefte Gespräche zu führen", betont Scherrer.
Mithilfe der Lehrperson die eigenen Stärken erkennen
Entscheidend für Margret Scherrer in solchen Gesprächen ist die Auseinandersetzung mit den eigenen Stärken und der Gewissheit, dass alle Menschen Stärken haben, auf denen sie ihre (berufliche) Zukunft aufbauen können. Die Rolle der Lehrpersonen besteht darin, Jugendliche dabei unterstützen, eigene Stärken bewusster wahrzunehmen. Zum Beispiel mit einer stärkenorientierten Grundhaltung im Unterricht und einer positiven Fehlerkultur, so Scherrer.
Evelyne Borer hebt hervor, wie wichtig es ist, Stärken konkret zu benennen. Es mache einen Unterschied, ob eine Lehrperson lediglich sage: "Du bist sehr engagiert", oder ob sie genau beschreibe, woran sie etwa Tatendrang oder Harmoniestreben erkennt. Erst dadurch werde für Jugendliche nachvollziehbar, was diese Stärke ausmacht. Im nächsten Schritt lässt sich gemeinsam überlegen, wie eine solche Stärke im Beruf eingesetzt oder in einer Bewerbung sichtbar gemacht werden kann. "So werden beobachtete Stärken für die Jugendlichen greifbar und für den Berufswahlprozess nutzbar", fasst Borer diesen Ansatz zusammen.
Die Unterschiede zwischen Jugendlichen zeigen sich also nicht nur darin, wie viel Begleitung sie benötigen. Sie bringen auch ganz unterschiedliche Stärken und Ressourcen mit. Diese zu erkennen und gemeinsam mit den Jugendlichen sichtbar zu machen, ist ein wichtiger Teil der Berufswahlbegleitung.
CAS Berufliche Orientierung begleiten
Der CAS Berufliche Orientierung begleiten stärkt Lehrpersonen darin, ihren BO-Unterricht auf die Vielfalt in der Klasse auszurichten und Jugendliche gezielt individuell zu begleiten. Wirksam und ohne sich in der Individualisierung zu verlieren.
Die nächste Durchführung startet im Januar 2027. Anmeldeschluss ist im November 2026.