Tipps und Ideen für den Berufswahlunterricht

Lehrpersonen, die die Berufswahl begleiten, können aus einer Vielzahl an Ansätzen für einen wirksamen Berufswahlunterricht schöpfen. Evelyne Borer, Weiterbildungsdozentin an der PHBern, teilt drei kreative Unterrichtsideen.
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Lehrer im Austausch mit Schüler
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Wie lässt sich ein zeitgemässer Berufswahlunterricht gestalten, der Jugendliche wirklich erreicht? Und wie können Lehrpersonen sie dabei unterstützen, ihre eigenen Interessen und Fähigkeiten zu erkennen? Lehrpersonen, die die Berufswahl begleiten, haben vielfältige Möglichkeiten. Mit spannenden und praxisnahen Aufgaben können sie die Jugendlichen gezielt fördern. Damit entwickeln die Schülerinnen und Schüler ihre Bereitschaft für die Berufswahl weiter.

Unterricht muss immer an die Schülerinnen und Schüler angepasst sein. Die aufgeführten Unterrichtsideen sind Anregungen, die im eigenen Unterricht weiterentwickelt werden können und sollen.

Input 1: Über Gespräche und Interessen zur Berufswahl finden

Die Berufsfindung wird im Unterricht häufig über einen rationalen und linearen Prozess angegangen: Interessenlisten ausfüllen, Berufe recherchieren oder Berufsmessen besuchen. Doch nicht alle Jugendlichen finden auf diesem Weg zu einer klaren Vorstellung ihrer Zukunft. Die Autorin Florence Rütsche gibt in ihrem Berufswahlbegleitheft Orientierung gestalten (2020) Anstoss für eine Berufswahl, die stärker beim persönlichen Erleben ansetzt. Ihre erfahrungsorientierten Aufgabenstellungen helfen einen Zugang zur eigenen Seele zu finden. 

Ein einfacher Einstieg im Unterricht kann sein, die Jugendlichen auf ihre alltäglichen Gespräche aufmerksam zu machen. Die Lernenden werden beispielsweise gefragt: 

  • Worüber sprecht ihr mit euren Freundinnen und Freunden, wenn ihr im Unterricht gerade nicht das macht, was ihr eigentlich machen solltet?

Im nächsten Schritt überlegen die Jugendlichen, was sie an diesen Gesprächsthemen besonders fasziniert. Oft zeigen sich hier Interessen, die ihnen selbst noch nicht bewusst waren. Ergänzend kann die Frage gestellt werden: 

  • Wann vergeht für dich die Zeit besonders schnell? 

Solche Momente können wichtige Hinweise auf persönliche Interessen und mögliche berufliche Richtungen geben.

Das Berufswahlbegleitheft Orientierung gestalten kann via [email protected] bestellt werden.

Input 2: Arbeitsrecht und Gleichberechtigung thematisieren

Die berufliche Orientierung bietet eine gute Gelegenheit, mit Jugendlichen nicht nur über Berufswahl und Bewerbungen zu sprechen, sondern auch über ihre Rechte und Pflichten in der Arbeitswelt. Wissen über Arbeitsrecht, faire Arbeitsbedingungen oder Gleichberechtigung hilft ihnen, ihre Situation im Berufsleben adäquater einzuschätzen und bei Bedarf Hilfe zu holen.

Ein möglicher Zugang besteht darin, diese Themen mit dem Geschichtsunterricht zur Industrialisierung in der Schweiz zu verbinden. Der Jugendbuchroman Stärker als ihr denkt von Karin Grütter und Annamarie Ryter macht historische Arbeitsbedingungen greifbar. Die Lektüre regt Diskussionen über Ausbeutung, Arbeitsrechte und Solidarität an. Geübte Leserinnen und Leser können das ganze Buch lesen, während bei tieferen Lesekompetenzen auch einzelne Passagen als Ausgangspunkt für Gespräche im Unterricht dienen können.

Ergänzend kann es spannend sein, externe Fachpersonen einzubeziehen. Eine Vertreterin oder ein Vertreter der Gewerkschaft könnte beispielsweise im Unterricht Einblicke geben, welche Rechte Lernende und Arbeitnehmende haben, und an wen sie sich bei Problemen am Arbeitsplatz wenden können.

Solche Ansätze verbinden berufliche Orientierung mit gesellschaftlichen Fragen. Sie zeigen Jugendlichen, dass die Arbeitswelt nicht nur als Ort der Berufsausübung, sondern auch als Raum von Rechten, Verantwortung und Mitgestaltung zu verstehen ist.

Input 3: Berufsvorträge mal anders

Wie kann eine Aufgabe zur Berufspräsentation so gestaltet werden, dass sie Jugendliche wirklich anspricht? Wie können sie dabei berufliche Entwicklungen erkennen, Berufe vergleichen und über ihre eigene berufliche Zukunft nachdenken?

Einen inspirierenden Einstieg bietet das Buch Lichtputzer und Pulveraffen von Markus Rottmann. Darin werden 89 ausgestorbene Berufe vom Urinwäscher über den Gladiator bis zum Pulveraffen anschaulich illustriert und spannend beschrieben. Die ungewöhnlichen Berufsporträts laden dazu ein, gemeinsam mit den Jugendlichen über den Wandel der Arbeitswelt nachzudenken.

Mögliche Fragen für den Unterricht könnten sein: 

  • Warum gibt es diese Berufe heute nicht mehr? 
  • Welche Tätigkeiten haben sie ersetzt? 
  • Welche heutigen Berufe könnten in Zukunft verschwinden? 
  • Und welche neuen Berufsfelder könnten entstehen?

Ausgehend von diesen Überlegungen können die Lernenden eigene Berufspräsentationen vorbereiten, in denen sie nicht nur einen aktuellen Beruf vorstellen, sondern auch dessen Entwicklung, mögliche Veränderungen und Zukunftsaussichten beleuchten. So wird der Berufsvortrag zu einer Auseinandersetzung mit dem Wandel der Arbeitswelt.

Ergänzend kann die Klasse ihre Einschätzungen mit digitalen Tools überprüfen, etwa mit dem Job-Futuromat. Dieses Online-Tool zeigt, wie stark einzelne Tätigkeiten durch Automatisierung oder technologische Entwicklungen verändert werden könnten. Die Ergebnisse können als Grundlage für eine gemeinsame Reflexion über zukünftige Entwicklungen in der Arbeitswelt dienen.

Die vorgestellten Ansätze machen deutlich: Berufliche Orientierung ist weit mehr als das Vermitteln von Informationen zu Berufen. Sie bedeutet, Jugendliche in ihrer persönlichen Entwicklung zu begleiten, ihnen Perspektiven aufzuzeigen und sie zu befähigen, eigene Wege zu erkennen und zu gehen.

Wer diese Begleitung professionell weiterentwickeln möchte, findet im CAS Berufliche Orientierung begleiten eine fundierte Weiterbildung mit direktem Praxisbezug. Hier erweitern Lehrpersonen ihr Repertoire und gewinnen Sicherheit für die Gestaltung eines wirksamen, zeitgemässen Berufswahlunterrichts. Die nächste Durchführung des Lehrgangs startet im Januar 2027.