Zwei neue SNF-Projekte zu inklusiver Bildung

Wer definiert, was Wohlbefinden in der Schule bedeutet? Wer gehört dazu und wer wird ausgeschlossen? Zwei Forschungsprojekte der PHBern gehen diesen Fragen nach. Der Schweizerische Nationalfonds (SNF) fördert beide mit insgesamt knapp 1,4 Millionen Franken.
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Schülerinnen und Schüler in einer Unterrichtssituation

Zwei neue SNF-Projekte der PHBern fragen, wie Schule Zugehörigkeit und Wohlbefinden von Kindern gestaltet: eines aus der Perspektive der Kinder selbst, eines durch die Rekonstruktion der institutionellen Bedingungen, die ihren Schulalltag prägen.

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Kinder forschen mit: Was macht Wohlbefinden in der Schule aus?

Was brauchen Kinder aus ihrer eigenen Sicht, um sich in der Schule wohlzufühlen? Diese Frage ist wichtig, denn Studien zeigen, dass das Wohlbefinden vieler Kinder im Laufe der Schulzeit sinkt. Die Forschung befragt die Kinder deshalb zunehmend selbst. Die Rollen bleiben dabei aber klar verteilt: Kinder liefern Daten, Erwachsene deuten sie. Theorien schulischen Wohlbefindens spiegeln so vor allem die Sicht von Erwachsenen wider.

Das Projekt "From Voice to Norm" dreht dieses Verhältnis um. Unter der Leitung von Sarah-Jane Conrad, Philosophin und Dozentin am Institut Primarstufe, arbeiten Kinder nicht als Auskunftspersonen, sondern als Mitforschende. Ein Kinderbeirat mit Kindern zwischen 10 und 14 Jahren begleitet das ganze Projekt. Er wirkt an der Analyse mit und prüft die Interpretationen der Erkenntnisse. Im Zentrum steht die Frage, was Schule aus Sicht der Kinder leisten muss, damit Wohlbefinden möglich wird.

Zu diesem Zweck philosophieren Kinder über Wohlbefinden, markieren auf Schulplänen Orte, an denen sie sich wohl oder unwohl fühlen, und erkunden ihre Schule mit Hilfe von Fotos, Zeichnungen oder Podcasts. Dazu kommt ein Dokumentarfilm, den die Kinder mit dem Forschungsteam entwickeln. Durch die Verbindung sprachlicher, visueller und kreativer Zugänge können auch diejenigen Kinder mitreden, denen Sprechen und Schreiben weniger liegt.

Das Projekt entsteht in Zusammenarbeit mit Claire Cassidy von der University of Strathclyde in Glasgow. Der Vergleich zwischen der Schweiz und Schottland soll zeigen, wie unterschiedliche Schulsysteme Wohlbefinden strukturell begünstigen oder erschweren. Die Erkenntnisse liefern konkrete Impulse für die Schulentwicklung, die Aus- und Weiterbildung von Lehrpersonen sowie die Bildungspolitik.

Sarah-Jane Conrad über das Projekt

"Philosophieren mit Kindern beschäftigt mich seit Jahren. Im Projekt denken die Kinder in Gesprächen, mit Bildern und im Film darüber nach, was sie brauchen, um sich in der Schule wohlzufühlen. Ihre Antworten helfen, den Begriff des Wohlbefindens zu klären, der im Zentrum der Kinderrechtskonvention steht."

ProjekttitelFrom Voice to Norm: Co-Constructing Children’s Theory of Wellbeing in Schools
LeitungProf. Dr. Sarah-Jane Conrad
PartnerinProf. Dr. Claire Cassidy (University of Strathclyde)
LaufzeitApril 2027 bis März 2031
SchwerpunktprogrammInklusive Bildung

Wie Schulen über Integration oder Separation entscheiden

Schulische Integration ist in der Schweiz vielerorts Alltag. Dennoch besuchen bestimmte Gruppen von Kindern und Jugendlichen überdurchschnittlich oft Sonderklassen oder -schulen. Eine zentrale Rolle spielen dabei die Verfahren, mit denen Schulen Kinder abklären und zuteilen. Nach welchen Logiken diese Entscheidungen fallen und wie sie sich historisch entwickelt haben, ist jedoch kaum erforscht.

Das Projekt "Negotiating Belonging" unter der Leitung von Caroline Bühler, Sozialwissenschaftlerin und Dozentin am Institut Primarstufe, setzt hier an. Es untersucht, wie Schulen festlegen, wer dazugehört und wer nicht. Neu ist der intersektionale Blick: Das Projekt untersucht, wie verschiedene soziale Zuschreibungen, etwa im Zusammenhang mit familiären Migrationsgeschichten, sprachlichen Kompetenzen oder Geschlecht bei Entscheidungen über Bildungslaufbahnen zusammenwirken.

Dafür verbindet das Projekt Vergangenheit und Gegenwart. Eine historische Teilstudie rekonstruiert, nach welchen Kriterien Schulen Kinder über einen längeren Zeitraum eingeteilt haben. Eine ethnografische Teilstudie begleitet aktuelle Abklärungs- und Zuteilungsprozesse vom Kindergarten bis zur 6. Klasse.

Die Inklusionspraxis im Schweizer Bildungssystem steht öffentlich in der Kritik. Das Projekt soll Grundlagen liefern, um diese Debatte wissenschaftlich fundiert zu führen. Die Erkenntnisse unterstützen eine diskriminierungssensible und inklusionsorientierte Professionalisierung und fliessen in die Ausbildung von Lehrpersonen ein. Sie sind auch für die Schulische Heilpädagogik, die Erziehungsberatung und die Soziale Arbeit relevant.

Porträt von Caroline Bühler auf dem vonRoll

Caroline Bühler über das Projekt

"Mich interessieren die Muster und Entscheidungslogiken, die zu Bildungsungleichheit führen: Wie kamen und wie kommen Entscheidungen über schulische Separation zustande und wie lässt sich dies in konkreten Fällen rekonstruieren?"

ProjekttitelAushandlungsprozesse von Zugehörigkeit im Schulsystem. Intersektionale Perspektiven auf institutionelle Praktiken und Diskurse
ProjektteamProf. Dr. Caroline Bühler (Projektleitung), Sherin Attoun, Julia Suter
PartnerinnenProf. Dr. Christin Achermann (Université de Neuchâtel), Dr. Mira Ducommun (FHNW), Prof. Dr. Kerstin Rabenstein (Universität Göttingen), Prof. Dr. Caroline Sahli Lozano (PHBern)
LaufzeitFebruar 2027 bis Januar 2031
SchwerpunktprogrammInklusive Bildung

Bildung schafft Chancen – dafür setzen sich die Forschenden der PHBern ein.

Das Institut für Forschung, Entwicklung und Evaluation der PHBern fördert mit exzellenter Forschung, gezielter Nachwuchsförderung und einem offenen Zugang zu wissenschaftlichen Erkenntnissen hochwertige Bildung für alle.